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Kafka bei Stargardt

Das Auktionshaus J. A. Stargardt, Berlin, versteigert im April Briefe & Karten Kafkas an seine Schwester Ottilie. Wohin gehören diese Autographen, fragt sich Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

© Stargardt / Erben Franz Kafka

Die 111 Briefe und Karten Franz Kafkas an seine Schwester Ottilie (genannt "Ottla") aus den Jahren 1909 bis 1924 sollen, so Wolfgang Mecklenburg (Stargardt), innerhalb der Autographenauktion am 19. und 20. April nur komplett abgegeben werden (Schätzpreis: 500.000 Euro). Ein Sonderkatalog erscheint anlässlich der Stuttgarter Antiquariatsmesse und kann ab 31. Januar beim Berliner Auktionshaus (gegen Schutzgebühr) bestellt werden (auf der Firmenwebsite eine Leseprobe aus dem Kafka-Katalog als PDF).

Die Briefe wurden von Ottlas Töchtern in Prag aufbewahrt, bis sie 1970 auf Vermittlung des Kafka-Forschers Sir Malcolm Pasley nach Oxford kamen. Dort lagen Sie bis November 2010 als Leihgabe in der Bodleian Library.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Hubert Spiegel in seinem Beitrag "Die Frau, bei der Kafka ein anderer war" über die Bedeutung der Offerte ("Von dieser Sensation wussten bislang nur Eingeweihte") und spekuliert über mögliche Käufer, darunter etwa das Deutsche Literaturarchiv Marbach: "Aber Marbach hat kein Geld für Kafka. Wenn am 19. April das Konvolut beim renommierten Berliner Auktionshaus Stargardt zur Versteigerung kommt, (…), wird das Deutsche Literaturarchiv aller Voraussicht nach nicht zu den Bietern zählen."

Zum vollständigen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

http://tinyurl.com/4kpv9g7

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9 Kommentar/e

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  • Peter Mulzer

    Peter Mulzer

    Noch vor zehn Jahren würde ich die Gelegenheit ergriffen haben, um aus diesem Anlaß eine Schelte auf den bösen Privatkapitalismus und die schändliche Verarmung der öffentlichen Hand zu schreiben. Heute aber sieht die Sache anders aus, Technik und Internet machen es möglich.

    Die Verfahren einer hochwertigen Ditigalisierung der Vorlagen zum einen und die Chance, die (o Unwort:) "Digitalisate" für jedermann weltweit in Sekundenschnelle greifbar ins Netz zu stellen, sind nun so perfektioniert, daß ich einer Demokratisierung via Internet das Wort rede - und den Erwerb der Originale für eher unwichtig erachte.

    Auch wenn die vereingten Archivare und Kulturbischöfe Zeter und Mordio schreien - bitte, so frage ich, was fehlt uns denn bei einem exzellent digitalisierten Set dieser Karten - außer vielleicht der Geruch? "Haptisch" darf und soll man sie eh nicht in die Hand nehmen, und selbst die Tiefenlinien der Federführung kommen im Scan besser heraus als bei normaler Inaugenscheinnahme - also was solls, bitte?

    Die öffentliche Hand hat die E i t e l k e i t e n und Schnöseligkeiten des Sammlermarkts - von dem wir Antiquare leben, ich weiß - nicht mitzumachen.

    Kann mir einer erklären, weshalb perfekte Digitalisierungen nicht jedes kulturelle Bedürfnis erfüllen? Bei Vasen, Statuetten, noch mehr bei Bildern, Kunsterzeugnissen überhaupt muß das Original erworben werden, eben weil ein Kunstwerk mehr ist als nur ein digitalisierbares Objekt. Aber eine Postkarte ist eine Postkarte ist eine Postkarte... - und nicht mehr. Auch wenn Kafka sie geschrieben hat.

  • Roman Heuberger

    Roman Heuberger

    Es wäre zu wünschen, daß diese grandiose Sammlung in den Handel kommt. Antiquariate leben seit Jahrunderten davon, daß Sammlungen aufgelöst werden. Naturlich ist es nachvollziehbar, daß Marbach die Briefe gerne im Literaturarchiv haben möchte.Ich selbst denke dabei aber auch an die Sammler von Kafka oder Autographen allgemein. Und natürlich die Antiquare, die dabei gut verdienen sollen.

    Der Inhalt der Briefe ist längst erschlossen, die Originale werden nunmehr auf einer öffentlichen Auktion angeboten, also grundsätzlich für jedermann. So soll es sein. Schön wäre es, wenn daraus ein Antiquariatskatalog erscheinen würde, so in der Art der grandiosen Kataloge "Walter Gerlach" und "Heinrich Heine" vom Heinrich Heine Antiquariat Lustenberger & Schäfer in Düsseldorf. Als Fortsetzung einer guten Tradition.

  • mw203

    mw203

    Es erscheint doch jetzt schon ein separater Katalog!

    So wie ich Herrn Tenschert verstanden habe, geht er nicht davon aus, daß hier der Handel zugreifen wird.

    Bei allem Verständnis für Ihre Interessen und die Ihrer Kollegen, aber Ihr Plädoyer für eine Vereinzelung - und anschließend endlich Kafkaautographen für Alle -, erscheint mir höchst problematisch (um es möglichst neutral zu sagen): wir leben nicht mehr im Jahre 1975, sondern 2011 und gerade in dieser Situation, wo immer noch über den Brod-Nachlaß und die Auslegung seines letzten Willens gestritten wird, würde ein Händlerteam, das das wagen würde, garantiert von ganz oben zurückgepfiffen, da eine solche Vorgehensweise - also die Vereinzelung des Briefwechsels - Wasser auf die Mühlen des Staates Israel wäre - und dies völlig zu Recht!.

    Die kommerzielle Verwertung hat bei Kafka derzeit eindeutig Grenzen.

    Ich gehe davon aus, daß sich entweder doch noch Sponsoren finden oder eine Privatperson zum Zuge kommt. Über kurz oder lang dürfte der Briefwechsel dann in Marbach oder, wesentlich wahrscheinlicher, Israel landen (Leihgabe, Schenkung).

  • Redaktion Antiquariat

    Redaktion Antiquariat

    Nachtrag: Die Online-Ausgabe der FAZ weist heute auf einen offenen Brief mehrerer Wissenschaftler zum Verkauf der Kafka-Briefe hin:

    http://tinyurl.com/6gjful5

  • Peter Mulzer

    Peter Mulzer

    ...welche Wissenschaftler sich wohlweislich hüten, wissenschaftlich zu begründen, weshalb die öffentliche Hand eine halbe Million Euro für eine Handvoll einfacher, längst erfaßter Postkarten zahlen soll. Dieser Unfug läßt sich nämlich nicht rechtfertigen, es ist das übliche Nachbeten kultureller "Selbstverständlichkeiten".

    Das erinnert alles sehr fatal an jenen Skandal um die Karl-May-Postkarten, zu dem der Freistaats Sachsen und die Staatsbibliothek Berlin näheres sagen können.

  • Swen Alpers

    Swen Alpers

    zu 3.: Einen derart lustigen Beitrag habe ich hier lange nicht gelesen. Er wirft, zumindest für mich, zudem mancherlei Fragen auf.
    Wie Sie ganz richtig feststellen: "wir leben nicht mehr im Jahre 1975, sondern 2011". Und gerade in dieser Situation sollten wir das echte Interesse an Kafka nicht mehr überschätzen. Zumindest hierzulande. Wäre es vorhanden, so läge das Geld längst bereit. Sponsorring funktioniert nur, wenn die Bedeutung des gesponsorten Gegenstandes den Geldgebern auch plausibel gemacht werden kann. Das funktioniert in Deutschland vor allem im Bereich Event-Kultur. Was glauben Sie wohl, wieviel Kafka-Konvolute sich anstelle einer einzigen gestrichenen Loveparade erwerben ließen.
    Warum hat "kommerzielle Verwertung bei Kafka derzeit eindeutig Grenzen"? Und wer bitte sollte ein bietwilliges "Händlerteam" "zurückpfeifen" wollen? Noch dazu "von ganz oben"? Gott? Die Kanzlerin? Unsere - nun ja - Bildungsministerin?
    Und warum muß das Konvolut unbedingt in Israel landen? Vorauseilender Gehorsam? Political Correctness? Weil Kafka Jude war? Weil seine Schwester in Birkenau ermordet wurde? Ich bitte Sie: wir leben im Jahre 2011. Und nicht 1975. Warum nicht Prag, Oxford, New York, Tokyo oder Wanne-Eickel? Marbach wohl eher nicht; da liegt das Material erst fünf, sechs Jahre herum, bevor es überhaupt inventarisiert wird. Überdies hat man dort - ich stelle anheim - in vielerlei Hinsicht mit dem Suhrkamp-Archiv zu tun. Eine nette Geste unter Kumpels, darf gemutmaßt werden. Sind doch auf diese Weise die Transportkosten für den Verlags-Umzug nach Berlin erheblich verringert worden.
    Warum legt die so pressewirksam hyperventilierende Corona der Wissenschaftler und Kafka-Editoren nicht zusammen? Aus privaten Schatullen. Warum nicht „Kafkas dienstälteste, lebende Witwe“? Der könnte doch aus Überzeugung sammeln gehen unter den Berufsbetroffenen. Das jedenfalls wäre wieder einmal echte Kollektivarbeit. Und damit kennt sich KW bekanntlich aus.

    Und weil Kollege Schäfer seit geraumer Zeit in ähnlichen Angelegenheiten immer so schöne und passende Heine-Gedichte zitiert, erlaube auch ich mir an dieser Stelle ein versöhnliches Finale, freilich von & mit fremden Federn.

    SCHLEIM. Nach Gottfried Benn.

    Hausse in chaotisch Verschwitzten,
    bluffende Mimikry,
    großer Run der Gewitzten
    auf die Popoesie.
    Ruchlos vom Kopf zu den Zehen,
    lachhaft und sodomit -
    aber bei Lichte besehen
    bleibt es das alte Lied.

    [...]

    Herzlich zur Mitternacht,
    Swen Alpers, Göttingen

  • mw203

    mw203

    Herr Alpers: "Wäre es [ein Kafka-Interesse] vorhanden, so läge das Geld längst bereit".
    Ulrich Raulff: „Es gibt zur Zeit ganz generell ein Kafka-Problem: Potentielle Geldgeber, vor allem die großen Stiftungen, sind stark verunsichert. Das ist verständlich: Das unerfreuliche Hickhack um den Nachlass Max Brods, die ungerechtfertigten Ansprüche auf Kafka, die von der israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem polemisch vorgetragen wurden, all das hat zur Folge, dass private Geldgeber für den Ankauf von Kafka-Handschriften kaum zu gewinnen sind.“ (FAZ Artikel)

  • Peter Mulzer

    Peter Mulzer

    Das sind interessante Einblicke in eine Kulturdiskussion, wie sie für Leser gehobener Feuilletons (so noch vorhanden), für Kulturträger jedlicher Sorte und unsere Spitzenantiquare zum Alltagsgeschäft gehört. Wird dann noch durch internationale Kulturpolitik und (verlogenes Unwort: ) Sponsoring die Szene weiter kompliziert, würzt noch eine Prise "schlägst Du meinen Juden" die Sauce - der rechte Kulturmensch schnobert jagdlustig und ist in seinem Element.

    Wir Antiquare aus den Niederungen des Gewerbes verstehen davon recht wenig. Das muß kein Schade sein. Ich darf aber zweierlei festhalten:

    1.
    Solang es die eigentlich zuständigen großen Bibliotheken nicht fertigbringen, unser Bücherangebot im Netz auf die immensen Lücken ihrer Bestände hin regelmäßig durchzuforsten und mit bescheidenen Mitteln Fehlendes aufzukaufen (vor allem aus dem Zeitraum 1800-1900 und im Periodicabereich), halte ich es für grotesk, wenn eine dergestalt bettelarme öffentliche Hand Gelegenheitspostkarten für eine halbe Million Euro aufkaufen soll, nur damit diese "zusammenbleiben" und nicht "vereinzelt" werden. Was für ein Ungleichgewicht in der Wertung! Sind die teils erschreckenden, beschämenden Bestandslücken unserer Bibliotheken nichts wert, eine Schickimicki-Kulturschnöselei wie das Horten zweitklassiger Korrespondenz erstklassiger Dichter aber alles?

    2.
    Ich lebe mit Künstlern zusammen und weiß um die Magie eines Kunstwerks, um die Geheimnisse seiner Schöpfung - und auch um den tieferen Wert eines Werk-Manuskriptes. Aber man bleibe mir mit Gelegenheitspostkarten! Da ist der kulturelle Wert nun wirklich eher sekundär. Wenn Leute, die zuviel Geld haben, auch solche "Sekundärdokumente" mit Gold aufwiegen, so ist das Sammlerspleen und verdient nicht unsere öffentlich finanzierte Unterstützung. Nochmals: K u n s t w e r k e jeder Art sollen und müssen im Original bewahrt werden. Sekundärdokumente in unseren Digital- und Internetzeiten k ö n n e n bewahrt werden - aber nicht um jeden Preis.

  • mw203

    mw203

    Laut google news wird Marbach doch um die Kafka Briefe mitbieten.

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