Wikipedia für Bücher?

Die Erlanger Buchwissenschaft hat ein neues Projekt: Eine digitale Buchgeschichte, kurz Digibuch. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter Sandra Rühr und Günther Fetzer im Gespräch mit Sabrina Kurtz und Hanna Hartberger über Konzeption, Ziele und Erwartungen.

Sandra Rühr

Sandra Rühr © privat

Günther Fetzer

Günther Fetzer © Christine Strub

Könnten Sie kurz die Grundzüge von Digibuch erklären? Kann man sich das so vorstellen wie Wikipedia für Bücher?
F: Vom Grundprinzip des modularen Aufbaus ja, nicht jedoch von Seiten der Autoren: Es darf nicht jeder mitschreiben, kommentieren oder ändern. Vielmehr werden die Artikel von Fachleuten geprüft und redigiert. Von daher ist diese Art Geschichtsschreibung konventionell, da sie Lektoratsprozesse und Korrekturprozesse wie jedes gedruckte Buch durchläuft. Unkonventionell ist sie, da webbasiert und in modularer Form. Es ist also keine lineare Geschichte, die man wie im Buch von vorn nach hinten liest.

Wie ist Digibuch strukturiert?
Digibuch präsentiert die Geschichte des Buchs in drei Dimensionen: In der ersten Dimension wird Buchmedienkommunikation systemisch gefasst und dabei die spezifischen Funktionen und Leistungen des Buchs beschrieben, also nicht mehr nach dem klassischen Dreischritt Produktion, Distribution, Rezeption. Die zweite Dimension ist die zeitliche: Wir machen Jahrhundertschnitte vom 15. bis zum 20. Jahrhundert. Die dritte Dimension schließlich ist die Beschreibungstiefe. Hier gibt es vier Ebenen, die ich an einem Beispiel aus dem 20. Jahrhundert illustriere. Auf der ersten Ebene erscheint ein Artikel über das Verlagssystem des Jahrhunderts, wie sich dieses u. a. im Vergleich zum 19. Jahrhundert verändert hat. Historisch gibt es  zwei wichtige Neuerungen, nämlich die Etablierung des Taschenbuchs und die Erfindung der Buchgemeinschaften. Auf der zweiten Ebene findet sich dazu ein Artikel über das Taschenbuchsystem und auf der dritten Ebene erst werden einzelne Taschenbuchverlage dargestellt. Auf der vierten Ebene schließlich wird dann Material eingestellt, Verlagsprogramme, Dokumente und und und.

Und wer ist die Hauptzielgruppe dafür? Nur Wissenschaftler oder auch interessierte Praktiker, Leute aus der Branche?
F: Kernzielgruppe ist sicher die scientific community, aber auch Interessierte aus der Branche. Auf der ersten Ebene, den “Einführungen”, verzichten wir ganz bewusst auf wissenschaftliche Aufmachung. In den Hauptartikeln gibt es keine ausführlichen Zitate und Belegstellen, sondern diese sind allgemein verständlich geschrieben.

Sie, Frau Rühr, haben vor einem halben Jahr in der Marginalglosse auf Digibuch hingewiesen und auch gebeten, sich an der Umfrage dazu zu beteiligen. Die Ergebnisse dieser Umfrage oder dieser Studie liegen jetzt mittlerweile vor. Könnten Sie die Ergebnisse für unsere Leser kurz zusammenfassen?
R: Das wichtigste Ergebnis überhaupt ist, dass es ein Interesse für eine digitale Buchgeschichte gibt. Die Resonanz war hoch, denn wir konnten 517 Fragebögen auswerten. Mit den Ergebnissen kann man tatsächlich etwas anfangen. Die Befragten interessieren sich allgemein für eine digitale Variante der Buchgeschichte und auch die anvisierten Wissenschaftsgruppen, sowohl Wissenschaftler selbst als auch die Studierenden der entsprechenden Fächer, also Medienwissenschaftler, Buchwissenschaftler etc., interessieren sich hierfür.

Und es gibt eine relativ große Schnittmenge, für welche Themen sie sich interessieren würden. Und gibt es Ergebnisse dieser Studie, die Sie überrascht haben? Mit denen Sie nicht gerechnet haben?
R: Ja, vielleicht die leicht konservative Haltung. Bei der Frage, wie vertrauenswürdig digitale Informationen wirken, gaben vor allem die Buchwissenschaftsstudierenden an, dass sie vor allem auf gedruckte Informationen setzen würden. Aber ich denke, das muss man doch kritisch sehen, weil wir Dozenten die Studierenden ja auch darauf impfen, dass sie eher gedruckte Informationen nutzen sollen als digitale. D. h. hier muss generell umgedacht werden.

Wie ist der Zeitplan für Digibuch?
F: Die Konzeptionierungsphase läuft seit knapp zwei Jahren. Wir sind jetzt dabei, für zwei Jahrhunderte Musterartikel zu verfassen. Auf dieser Basis werden wir ab dem nächsten Jahr externe Mitarbeiter akquirieren. Gleichzeitig arbeiten wir an der technischen Umsetzung. Ich schätze, dass wir in zwei, drei, Jahren eine relevante Textmenge haben, die wir dann zugänglich machen können.

R: Wir wollen ja auch bewusst die Möglichkeiten des Internet nutzen, sprich es soll nicht nur Text, sondern auch auf einer zweiten, dritten und vierten Ebene Bild- und Tonmaterial verfügbar sein. Das kommt nach dem Text, dann wollen wir noch alles mediengerecht ausgestalten, und dann ist das eine realistische Schätzung.

Ist es dann auch geplant, das Projekt in Lehrveranstaltungen zu integrieren und Studenten einen Teil der Mitarbeit erledigen zu lassen?
F: Ich biete in diesem Semester  ein Hauptseminar an, das genau in diese Richtung geht. Einerseits erarbeiten wir uns die Grundstruktur von Digibuch, schreiben aber auch ganz gezielt Artikel für ein bestimmtes Segment. Ich habe für das Seminar das 20. Jahrhundert als Beispiel gewählt und hier die Funktionen und Leistungen der Buchkommunikation.

Angenommen, das ganze Projekt steht dann in ein paar Jahren: Machen Sie dann nicht gedruckte Lexika wie – ich wage mal das “Sachlexikon des Buches” zu zitieren – überflüssig?
F: Wir machen ja kein Sachlexikon, sondern wir haben den Anspruch, eine Geschichte des Buchs zu schreiben, aber eben modular und nicht linear. Das “Sachlexikon des Buches” wird immer daneben bestehen bleiben.

Aber es gibt bereits Buchgeschichten.
F: Richtig, aber die veralten ja auch. Wann ist denn die letzten umfassende Geschichte des Buchs erschienen? Die “Geschichte des Deutschen Buchhandels” von Goldfriedrich / Kapp wurde zwischen 1886 und 1923 publiziert, und die “Anschlussbände” für das 19. und 20. Jahrhundert, herausgegeben von der Historischen Kommission des Börsenvereins, sind mit dem vierten Band jetzt, nach rund zehn Jahren, in der Weimarer Republik angekommen.

R: Wir wollen damit kein Sachlexikon, keine anderen wichtigen Werke ersetzen. Es sind ja immer andere Zielstellungen, auch unsere Buchgeschichte verfolgt eine bestimmte Zielsetzung. Alles zusammengenommen ergänzt sich hoffentlich wunderbar, wobei unsere digitale Buchgeschichte  wirklich für das Medium Internet konzipiert ist.

F: Und noch eine ganz wichtige Sache: Wenn Sie heute das “Lexikon des gesamten Buchwesens” in der zweiten Auflage in die Hand nehmen, dann sind die ersten Bände bereits veraltet, bevor das Gesamtwerk abgeschlossen ist. Mit unserer webbasierten Digibuchgeschichte haben wir die Möglichkeit, einen überholten Artikel herauszunehmen oder zu ergänzen oder zu überarbeiten oder auch ganz neue Artikel einzufügen. Denken Sie an das E-Book: Natürlich ist im “LGB2” dazu kein Artikel zu finden, denn der entsprechende Band ist 1985 erschienen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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