Kommentar von Tamara Weise

Alles offen

Der Club Bertelsmann wird für alle geöffnet. Ab Juli kann in den Club-Filialen jeder einkaufen, der will – frei von jeglicher Club-Bindung. Und die Minikette Zeilenreich tritt an Standorten in guter Lauflage an die Stelle der Club-Filialen. Ein Kommentar zu den Chancen der neuen Strategie.

Tamara Weise

Tamara Weise © privat

Der Club Bertelsmann wirkte in den vergangenen Jahren oft wie ein müder Krieger, der zu heroischen Gesten zwar nicht mehr in der Lage ist, dafür aber glanzvolle Geschichten zu erzählen weiß – Geschichten von damals. Um ihn wieder aufzurichten, hat die Direct Group Germany schon manches versucht und tut es nun auf ein Neues: Nach außen, also gegenüber Kunden, reißt das Unternehmen seine Grenzen ein – während nach innen gerade das gute, alte Rabattsystem zementiert wird. Die Club-Idee ist nicht am Ende, lautet die Botschaft. Sondern blüht neu auf. An 60 Standorten verändert der Club sogar sein Aussehen und seinen Namen. Statt in Rot und Weiß werden die Läden demnächst in Pink-Lila-Orange leuchten – den Farben der 2009 entwickelten Vertriebsmarke Zeilenreich. Nichts soll hier in der schicken Umgebung mehr an den Club Bertelsmann erinnern, noch nicht einmal die Bonus-Bücher (von den Covern der Lizenzausgaben wurde der Club längst getilgt).  

Strategisch gesehen dürfte sich die Öffnungsoffensive des Jahres 2011 – eine Form moderner Markenpolitik – als kluge Entscheidung erweisen. Mutig ist sie sowieso, denn mit neuen Chancen entstehen auch neue Risiken: Wo Club und Zeilenreich jetzt hinwollen, sind andere schon am Werk. Verspüren die Deutschen tatsächlich Sehnsucht nach einem derart zugespitzten Boulevardsortiment, nach einem Mix aus aktuellen Bestsellern und U--Literatur? Reicht das, um sie vom traditionellen Buchhandel wegzulocken? Und wie wichtig ist das Preisargument dabei noch? Alles offen. So, wie jetzt der Club.

Mehr dazu im Artikel "Eine Idee, zwei Namen" im Börsenblatt (Heft 23, Seite 21), das am kommenden Donnerstag erscheint.

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1 Kommentar/e

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  • Martin Fingerhut

    Martin Fingerhut

    Sehr geehrte Frau Weise,
    Ihrem Kommentar stimme ich voll und ganz zu.

    Nur etwas möchte ich ergänzen :
    Das Konzept, offenen BuchHandel und ClubCenter zu kombinieren, ist gar nicht so neu, wie es jetzt erscheint.
    Vor rund 50 Jahren haben es weitsichtige BuchHändler zusammen mit Bertelsmann entwickelt. Die ersten Partner-ClubCenter wurden 1963 in 2 der BuchHandlugen meiner Eltern, in Kleve und Goch, eröffnet. Nur die BM-eigenen Läden waren bisher ausschließlich für ClubMitglieder. Die jetzt auf "ZellenReich" umgetünchten StandOrte sind also im Grunde nichts anderes als BM-eigene allgemein offene BuchHandlungen mit einem Partner-ClubCenter darin.
    Nur verläuft die Trennung nicht mehr quer durch den Laden
    ( hier allgemein - dort nur für Mitglieder oder diesen Titel als ClubAusgabe und zum ClubPreis nur an Mitglieder - den selben Titel in normaler Ausgabe zum normalen Preis an jeden ) sondern auf dem PreisEtikett mancher Bücher :
    Ausgewählte Bücher erhalten neue, grüne PreisSchildchen mit 2 Preisen : NormalPreis und VorteilsPreis.

    Die wirklich "revolutionäre" = das bisherige umstürzende ist weniger offensichtlich : Ursprünglich mußten Mitglieder sich verpflichten, jedes Quartal ein Buch zu kaufen - inzwischen ist die Verpflichtung eingedampft worden auf nur noch 2 Artikel pro Jahr.
    Dies als Reaktion darauf, daß die Kunden jegliche Form von "Verpflichtung" kaum noch annehmen.
    Chance : neue Mitglieder = größerer und stabilerer KundenStamm
    doch - wie Sie zu Recht betonen - liegen nah bei jeder Chance auch Risiken :
    Wie werden die alten ClubMitglieder darauf reagieren ?
    Werden sie gelassen hinnehmen, weiterHin doppelt so oft kaufen zu müssen ? Oder werden sie sich als Mitglieder 2. Klasse fühlen ? WieViele von ihnen werden kündigen ?

    Entscheiden wird nicht, ob die Werbung violett oder das Etikett grün ist.
    Entscheiden wird, ob das Angebot attraktiv ist. Auch darin haben Sie Recht !

    Da ich dem Club seit langem verbunden bin, hoffe ich, daß doch noch ein Weg in eine gute Zukunft gefunden wird.
    Der Club, so wie er früher war, ist am Sterben.
    Ein Club, der weiterLeben kann, ist möglich - davon bin ich überzeugt.
    Ob der Weg vom einem zum anderen noch eingeschlagen werden wird ?

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