Philosophisches Duett

Zwei neue Philosophie-Magazine buhlen seit kurzem um die Gunst der Leser: das "philosophie Magazin" aus Berlin und "Hohe Luft" aus Hamburg; zwei Titel, die auch einen Platz im Buchhandel verdienen. Zwei Kurzporträts. VON ROE

© Muharrem Öner/ istockphoto

Die Zeiten, in denen Philosophie und Lifestyle Gegensätze waren, sind längst vorbei. Seit telegene Denker wie Richard David Precht mit ihren populär gehaltenen Büchern die Bestseller-Listen erobern, gehört Philosophie zum Alltag. Weniger als Fachdisziplin, sondern mehr als kritische Begleiterin der Lebenspraxis, als Reflexions-Lounge für global-politische Probleme, als Trainerin der Urteilskraft – in einem Wort: als praktische und zugleich hippe Weisheitslehre.

Zwei neue Publikumsmagazine, die fast auf den Tag genau – am 16. und 17. November – in den Handel kamen, wollen die Beschäftigung mit der Philosophie nun ins Zeitschriftenformat übertragen: das monatlich erscheinende „philosophie Magazin“ aus dem Philomagazin Verlag (im Vertrieb von Axel Springer) und „Hohe Luft. Philosophie-Magazin“ aus dem Verlag Inspiring Network (zehn Ausgaben pro Jahr). So unterschiedlich beide Hefte in der Aufmachung daherkommen, so unterschiedlich dürften auch die Zielgruppen beider Publikationen sein. Beide Magazine passen nicht nur in den Bahnhofsbuchhandel, sondern eignen sich auch für das gut sortierte stationäre Sortiment – weil sie zum Kauf philosophischer oder anderer Lektüre anregen.

Wie ein klassisches Wissensmagazin à la „P.M.“ oder „Bild der Wissenschaft“ ist das von dem französischen Verleger (und früheren Finanzinvestor) Fabrice Gerschel herausgegebene „philosophie Magazin“ gestaltet. Es übernimmt das Konzept der bereits im April 2006 gestarteten französischen Ausgabe „philosophie Magazine“, die sich mit 52.000 verkauften Exemplaren im französischen Markt etabliert hat.

Das „philosophie Magazin“ spricht eine breite Zielgruppe an: Erwachsene mit Kindern, Studenten, Senioren, die ihr Wissen vertiefen wollen. Jedes Heft hat ein Dossier mit einem thematischen Schwerpunkt (Heft 1: „Warum haben wir Kinder? Auf der Suche nach guten Gründen“), das aktuelle Ressort „Zeitgeist“ (mit einem Dialog zwischen Julian Assange und Peter Singer) sowie das Wissensressort „Die Philosophen“, in dem philosophische Klassiker (Aristoteles) und Zeitgenossen (Axel Honneth) zu Wort kommen. Jeder Ausgabe ist zudem ein Booklet mit einem philosophischen Primärtext eingeheftet – in der ersten Nummer Kapitel über die Freundschaft aus Aristoteles’ „Nikomachischer Ethik“.

Der Bildanteil ist hoch, und eine Vielzahl an kleinen Textformaten wie Kolumnen, Zitate, Aperçus und bunte Nachrichten sorgt für Abwechslung. Neugierig macht die Polyphonie des Heftes: Es gibt zahlreiche prominente Gesprächspartner und Beiträger.

Für ausgeruhte Leser

Während das „philosophie Magazin“ vor allem den an persönlicher Weiterbildung interessierten Nutzer anspricht (und auch schon für die Arztpraxis oder den gehobenen Frisiersalon tauglich ist), adressiert „Hohe Luft“ eher den intellektuell aufgeschlossenen Leser, der sich zur intensiven Lektüre zurückzieht. Das Heft, dessen ambitionierte Gestaltung es wie ein philosophisches Pendant zu „Brand Eins“ erscheinen lässt, hat auch ein Titelthema („Du sollst nicht lügen! Aber warum eigentlich nicht?“) und widmet sich in mehreren längeren Essays disparaten Themen wie Nietzsche, Machiavelli, „Emotionen“, „Externalismus“, „Hedonismus“ oder „Person“. Dazu kommen noch eine Umfrage und ein anspruchsvoller Fotoessay zum Thema Porträt. Ergänzt wird das Ganze durch eine kleinteilige Themenstrecke „Miniaturen“.

Im Gegensatz zum „philosophie Magazin“ ist der Bildanteil in „Hohe Luft“ wesentlich kleiner, jedem Essay ist dafür eine ausgesuchte, eigens zum Thema geschaffene Illustration vorangestellt. Autoren des ersten Hefts sind, wenn man von den Interviews absieht, im Wesentlichen Chefredakteur Thomas Vasek und Redaktionsleiter Tobias Hürter. „Hohe Luft“ verzichtet auf didaktische Elemente und setzt eher auf den ausgeruhten Zeitgenossen, der neugierig ist und sich auch für knifflige Fragen interessiert.

Die Anzeigenvermarktung beider Hefte unterscheidet sich erheblich. Während in dem „Emotion“-Ableger „Hohe Luft“ die Anzeigenabteilung der Frauenzeitschrift vor allem Produkt- und Lifestyle-Anzeigen platziert (und kaum eine Buchanzeige), ist das „philosophie Magazin“ mit Verlagsanzeigen gespickt. Für Buchhändler hat das Magazin daher einen ganz entscheidenden Multiplikator-Effekt, weil es zusätzliche Buchkäufe auslösen kann. Das schon erwähnte Booklet basiert zudem auf einer Werkedition des jeweiligen Philosophen, im konkreten Fall auf einer Ausgabe des Felix Meiner Verlags.

Es bleibt abzuwarten, ob sich beide Magazine im Special-Interest-Markt durchsetzen werden und dauerhaft ihre Leserschaft finden. Die Idee, philosophische Themen einem breiteren Publikum nahezubringen, und sei es mit einem lebenspraktischen Einschlag, verdient auf jeden Fall Unterstützung. Sich mit Grundlagen unseres Denkens zu beschäftigen und den Blick für die Probleme der Gegenwart zu schärfen, ist lohnenswert. Beide Magazine können auf ihre Weise ihren Beitrag dazu leisten.

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