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Ein Volk der Vorleser

Die Bibliothek öffnet sich auf einen Maus-Klick. Die Bücher, die darin stehen, werden vorgelesen – von jedermann. Das ist das Prinzip der website www.volkslesen.tv, die der Berliner Martin Scharfe erdacht und ausgearbeitet hat. VON UTE GRUNDMANN

© Nicole Hoehne

Klickt man nämlich eines der aufgeschlagenen Bücher an, erscheint ein Mini-Bildschirm, über den die Aufzeichnung einer Lesung flimmert: Eine Patricia Hermes liest „Von dem Mädchen, das alles zurückforderte“, die elfjährige Selen Savas aus „NIJURA“. Nicht Autoren, nicht Schauspieler lesen hier vor, sondern Menschen, denen ein Buch besonders gefallen hat und von dem sie nun andere begeistern wollen. Entstanden ist die site letztlich aus Zufall und „einer Schnapsidee morgens um drei nach einer Weihnachtsfeier“, so Martin Scharfe, der von Haus aus Ingenieur ist und eine Weile Kultur-PR gemacht hat. In Zürich bekochte ihn eine gute Freundin in einem Restaurant und als „Bezahlung“ sollte er eine Lesung machen. Weil das Restaurant „Das weiße Schloߓ heißt, las er natürlich Kafka, begleitet von einem Pianisten. Das dabei entstandene Filmchen bei Youtube einzustellen, erschien ihm aber dann doch „seltsam, eitel“. Dann kam die Weihnachtsfeier mit alten Freunden, die sich früh um drei vorlasen: Lenin, Goethe, Remarque und das Alte Testament. Daraus entstand dann die Idee, Menschen im Netz anderen vorlesen zu lassen und so die unterschiedlichsten Bücher weiterzuempfehlen. Seit Januar 2008 ist www.volkslesen.tv zu sehen, inzwischen kommen 250 bis 300 Besucher an einem Tag auf die Seite, die wie eine Bücherwand gestaltet ist. Hier gibt es jede Woche ein neues Thema, mal heißt das „Taxifahrer lesen. Wirklich!“, mal „Literatur in der Arbeitswelt“, geplant sind „Möbel-Crew – Sprayer lesen“ und der Netzauftritt von Elfriede Brüning (98), einer Augenzeugin der Bücherverbrennung, die ihr Erleben schildern und aus verbrannten Büchern lesen soll. Diese „Themen der Woche“ wählt Martin Scharfe aus, sucht sich dann Menschen, die dazu vorlesen und besucht sie mit der Kamera. Inzwischen melden sich auch schon mögliche Vorleser bei ihm, die durch die website von dieser Initiative erfahren haben. Dass die kleinen Filme etwas sympathisch-selbstgestrickt daherkommen, ist zum einen dem learning-by-doing geschuldet, mit der Scharfe sein Unternehmen erarbeitet und erweitert. „Aber ich finde es auch gut, wenn man den Menschen mit der Kamera nicht so ins Gesicht starrt“. Neben dieser „Bibliothek“ mit den aufgeschlagenen Büchern gibt es einen Newsletter und ein Forum, um sich über Bücher auszutauschen. Im Impressum findet sich der Hinweis, falls es Einwände gegen eine der Lesungen gebe, werde diese gelöscht, „aber das ist noch nicht vorgekommen“. Noch kostet das Betreiben der website „nicht soviel Geld“, aber Martin Scharfe würde sie gerne erweitern und dafür wären Sponsoren willkommen. Und weil er Bannerwerbung häßlich findet, könnte er sich vorstellen, dass Verlage hier gegen Honorar ihre neuen Bücher vorstellen, gelesen von den Autoren oder von Schauspielern. Das wäre für ihn eine sinnvolle Ergänzung bei volkslesen.tv, das sich im Moment vor allem für Backlist-Titel stark macht.

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