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Peter Haag: "Apps sind die Königsklasse"

Nach ein paar Fingerübungen legt der Schweizer Verlag Kein & Aber mit Apps und E-Books los – und gönnt den digitalen Medien sogar eine eigene Vorschau. Interview mit Verleger Peter Haag über sein E-Geschäft. VON INTERVIEW: SABINE SCHWIETERT

Peter Haag

Peter Haag © Anita Affentranger

Sie starten Ihre E-Vorschau mit vier neuen Apps. Wollen Sie damit Geld verdienen?
Das ist unser Plan. Apps werden die elektronische Buchbranche meiner Meinung mindestens so beschäftigen wie elektronische Bücher. Ich halte Apps für die Königsklasse. E-Books sind eine interessante Erscheinungsform, aufregend sind sie nicht. Es geht lediglich um den linearen Text, man hat wenig Bewegungsfreiheit.  Außerdem haben die dazugehörigen E-Book-Reader den Charme eines Bakelit-Telefons – die können gar nichts, die haben gerade mal eine Wählscheibe.

Das Tablet ist die Zukunft?

Ja, logischerweise. Hier stimmen die elektronischen Voraussetzungen.

13,99 Euro für die App „Die Kunst, aufzuräumen“. Ist das nicht ein wenig hochgegriffen?
Die App, über die wir hier reden, ist inhaltlich identisch mit dem Buch. Wir bilden das ganze Buch ab – mit Möglichkeiten, durch Schütteleffekte die Situationen aufzuräumen, inklusive Soundeffekte und Making-off-Filmchen. Warum sollten wir die elektronische Version zum Bruchteil des Preises des gedruckten Buches abgeben? Ich sehe überhaupt keinen Grund, solche Apps zu subventionieren oder gar gratis abzugeben.  Das ist schließlich kein Geschäftsmodell, oder?

Wird aber gern gemacht.
Es ist ein Fehlschluss der Buchbranche, zu glauben, elektronische Inhalte müssten per se billiger sein.

Wie haben Sie kalkuliert? Mit welchen Verkaufszahlen rechnen Sie?
„Die Kunst, aufzuräumen“-App ist nicht textbasiert, d.h. wir werden sie international vermarkten. Das verändert schon mal die Situation. Vom Buch haben wir seit September über 100.000 Exemplare verkauft, viele Lizenzanfragen laufen. Also ich rechne schon mit 30.000 bis 50.000 verkauften Apps.

Und wie hoch waren die Entwicklungskosten?

Etwa 12.000 Euro.  

Gar nicht so viel.
Wie gesagt, die App orientiert sich eng am Buch. Die Effekte, die dann noch dazu kommen, sind dann nicht mehr so kostenintensiv.

Im Programm haben Sie auch eine Gerhard-Polt-App. Die kostet nur 4,99 Euro.
Das ist wieder der richtige Preis. Nun, das Pricing ist wichtig – und gar nicht so einfach. Ein Beispiel: Ich war im vergangenen Jahr in Frankreich und habe ein Restaurant gesucht – und mir dann die Michelin-App heruntergeladen: 40 Franken. Teuer, aber der richtige Preis.

Apropos Pricing: Manche Verlage gehen dazu über, zum Buch das entsprechende E-Book kostenlos mitzuliefern. Eine gute Idee?
Ich halte das für keine intelligente Entwicklung, weil wir uns damit unser Geschäftsmodell ruinieren. Es gibt den Printnutzer und eben den User, da muss man schon unterscheiden. Gedruckt oder elektronisch: Wir verkaufen Inhalte und da gibt es gar nichts kostenlos. Oder bekomme ich an der Kinokasse mit dem Eintritt etwa auch gleich die DVD gratis dazu? Eben!

Erscheint jeder Titel bei Kein & Aber als Buch und als E-Book?
Im Moment machen wir alles kongruent. Sicher werden wir irgendwann einzelne Titel nur als E-Book anbieten. Wenn man die Zulassungsbedingungen für gedruckte Bücher etwas erhöhen würde, wäre das doch gar nicht schlecht für die Branche: Wir hätten dann vielleicht ein paar weniger Bücher auf den Markt, aber dafür bessere Erträge.

Hier geht's zur digitalen Vorschau von Kein & Aber.  

 

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4 Kommentar/e

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  • Eiweisspulver

    Eiweisspulver

    Natürlich werden die Apps die Zukunft des Medienkonsums sein, doch ob es wirklich die Königsdisziplin ist? Bei der Masse, die es jetzt schon an Apps gibt, wage ich das doch zu bezweifeln. Zeiten, in denen Spiele wie "Angry Birds" überall gespielt werden, zeugen nicht gerade von königlicher Programmierkunst. Andere Apps werden dringend benötigt, die Qualität in Anspruchshinsicht muss in jedem Fall steigen.

  • Salatgurke

    Salatgurke

    Oho, da ist man aber ganz futuristisch. Ich finde es spannend, was Herr Haag da plant - vor allem, ob es eine Zielgruppe für derlei gibt. Apps sind der schnelle Konsum für nebenher.

  • M.P.

    M.P.

    Dem Lob der App gegenüber einer E-Book-Fassung kann ich mich (momentan) nicht anschließen. Das hat mehrere Gründe:
    Schwierig ist bei Apps die Positionierung im App-Store. Durch die Vielzahl an angebotenen Gadgets muss ein ungleich höherer Aufwand betrieben werden als z.B. im iBookStore oder auf anderen E-Book-Plattformen, um auf die eigene App aufmerksam zu machen.
    Zudem sprengen die Entwicklungskosten das Digitalbudget der meisten Verlage.
    Auch ist es bekannter Maßen nur bedingt richtig, dass E-Books "wenig Bewegungsfreiheit" bieten - man denke an die wachsende Anzahl an enhanced E-Books, die dem reinen Text zusätzlich Animationen, Filme, Musik, Geräusche u.ä. zur Seite stellen. Diese Titel sind ebenso wie Apps primär für farbige Display, also iPad & Co. gedacht, können gut sichtbar auf den einschlägigen Plattformen positioniert werden und kosten in der Herstellung i.d.R. nur einen Bruchteil einer App.
    Und zu guter letzt: nach meiner Erfahrung sind Konsumenten eher bereit für Buchinhalte zu zahlen als für Apps, die vielfach als "Spielzeug" aufgefasst werden.

    Das soll nicht bedeuten, dass eine schöne, gut programmierte und inhaltlich ausgereifte App kein gutes Medium ist. Für die meisten Buchinhalte und deren Verlage gibt es z.Zt. nur einfachere und vielleicht auch bessere Wege, Bücher zu digitalisieren.

  • Juergen Schulze

    Juergen Schulze

    Viel Spaß, sehr geehrter Herr Haag, wenn Sie demnächst deutschen Kunden erklären dürfen, warum Sie ein digitales Werk teurer verkaufen als das gedruckte Buch.
    Man kann sich auf den Kopf stellen, aber der Deutsche erachtet ein gedrucktes Buch als wertvoller als eine "App".

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