Kommentar

Digitale Tupperparty

Die Branche jagt von einem Digitalkongress zum nächsten. Inzwischen sind die E-Publishing-Gipfel selbst ein interessantes Geschäftsmodell – doch irgendwann häufen sich die Déjà-vus. Ein Kommentar von Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen.

Digitaler Wandel und digitaler Handel sind gute Freunde. Auch dort, wo sich in diesen Tagen und Wochen Verleger, Blogger, IT-Experten und Social-Media-Manager zu einer der zahlreichen E-Konferenzen anmelden, ziehen findige Organisatoren mit kaufmännischem Geschick im Hintergrund die Strippen. Wie sollte es anders sein: Immer dann, wenn eine Branche einen Strukturwandel zu bewältigen hat, braucht sie Berater und Netzwerker, die die Professionellen zusammenbringen, die Wissen verbreiten und Diskussionen in Gang bringen. Und wenn sie damit Geld verdienen, ist das ihr gutes Recht.

Inzwischen prosperiert das Geschäftsmodell Digital-Kongress allerdings in einem Maße, dass die Ressourcen-Frage zu stellen ist. Den Veranstaltern gehen allmählich Ideen und Themen aus – selbst unter dem Aspekt der kompositorisch sinnvollen Variationen. Und die Keynote-Speaker nehmen an einem Rota­tionsverfahren teil, wie es die Fernsehanstalten für ihre Talkshow-Gäste etabliert haben. Mit ihnen zieht die Kon­ferenzkarawane von Ort zu Ort, von Gipfel zu Gipfel.

Die Gesetze des Marktes gelten aber nicht nur für die Expertentreffen selbst, sondern auch für die dargebotenen Themen: Sie sind inhalts- und produktbezogen. Information und Marketing gehen Hand in Hand, und auch darüber sollte sich niemand mokieren, selbst wenn man in dunklen Momenten denkt, man habe sich auf eine digitale Tupperparty verirrt. Marken- oder Waren­image strahlen zudem die vielen Selbstvermarkter und Kommunikationsgenies aus, die durch ihre Performance wesentlich zur Kongress-Folklore beitragen. Zugleich sind sie, unentbehrlich wie in politischen Dingen, Simultandolmetscher des digitalen Fortschritts. Überall panelt, postet, twittert es, dass die »walls« wackeln. Und das Auditorium über den physiologischen Tiefpunkt am Nachmittag kommt.

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10 Kommentar/e

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  • Johannes

    Johannes

    Muss man differenzieren. Zum einen ist Vernetzung essentiell, und neue Perspektiven finden sich in den seltensten Fällen in den eigenen vier Bürowänden. Auf der anderen Seite wiederholt sich natürlich vieles, plus Konferenzbesuche verstellen gerne den Blick auf die Realitäten (häufig gebuchte Speaker != erfolgreiche Unternehmer). In den USA gibt's für Dauergäste sogar den wenig schmeichelhaften Begriff der Conference Whores http://www.bothsidesofthetable.com/2010/10/13/be-c areful-not-to-become-a-conference-ho/, und ich nehme mich da durchaus nicht aus :)

    Ciao
    Johannes

  • Dr. Andreas Selling

    Dr. Andreas Selling

    In einer krisengeschüttelten Branche werden ständig neue Säue durchs Dorf getrieben. Ich erlebe das seit Jahren in der grafischen Industrie, und ich erlebe das seit einiger Zeit auch in der Buch"industrie". Alle gieren nach Erleuchtung und sind bereit, dafür zu zahlen. Aber Vieles könnte man, wenn man mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht, auch preiswerter oder gar kostenlos haben. Und oh weh, dann mutiert die Fachkonferenz in großen Teilen auch oft noch zur Werbeveranstaltung, denn schließlich muss der Tag gefüllt werden. "Es ist alles gesagt, nur noch nicht von allen." Die Taschen voll machen sich derweil die, die - vermeintlich! - wissen, wo es lang geht. Nicht immer sind diese Ratschläge und Weisheiten von großer Praxisrelevanz, denn oft haben die Medizinmänner (und -frauen) auf der Bühne noch nie einen Verlag, eine Druckerei usw. durch die Klippen des Alltags gesteuert. Aber wohl dem, der auch in Krisenzeiten verkaufen kann - am besten sich selbst!

  • Carlo Bernasconi

    Carlo Bernasconi

    Kollega Roesler-Graichen: Gut gedacht. Einmal muss Schluss sein mit diesem Konferenz-Hopping, um das Gehörte und Gelesene sich setzen zu lassen - und auch wenn die Speakers (meist erfolgreiche Unternehmer, wie Johannes richtig anmerkt) allesamt aus den USA kommen, die die TOCs und Launches bevölkern, das ist nicht unser Markt, das ist nicht unsere kulturelle Geografie. Hier dürften die Branchenverbände gerne etwas initiativer werden und spartengerechte, länderübergreifende Conferences mit viel Praxisbezug anbieten, meinetwegen mit ein wenig exotischem Touch (=US-Speaker), denn mittlerweile ist doch sonnenklar, auch im trüben November, dass die Musik hier zu Lande nach anderen Noten gespielt wird, auch wenn die Komposition den gleichen Buchstaben kennt: E.

  • René Kohl

    René Kohl

    Nützlich wäre sicherlich ein schöner großer (oder auch digitaler) Kongreß-Kalender vom Börsenblatt, der die Themen, Schwerpunkte, Webadresse usw. darstellt - und helfen würde, sein Kongreß- und Fortbildungsjahr zu strukturieren.

    A propos Fortbildung: Mein Eindruck war, daß bis vor kurzem die Buchbranche nicht zu den fortbildungswütigsten Branchen gehörte - eher fand man es im Verlag doch ausreichend, vor 25 Jahren mal ein Germanistikstudium fast bis zu Ende gebracht zu haben, um für den Rest des Lebens per Learning-by-doing seinen Beruf auszuüben (bitte für BuchhändlerInnen alternativ zu "Germanistikstudium" auch ""verkürzte Ausbildung" einsetzen).

    Das man nun an der einen oder anderen Stelle den Eindruck hat, es wäre nicht schlecht, sich mal wieder auf den neuesten Stand zu bringen, scheint mir nicht verkehrt.

    Ich bedauere allerdings, daß sich auf den meisten Veranstaltungen nicht allzu viele KollegInnen aus dem Buchhandel finden. Dies liegt vermutlich auch an den sehr verlagsbezogenen Themen - ich würde mir dringend ein bis zwei sehr konkrete, etwas über den Buchhandelssuppentellerrand hinausschauende Buchhandels-Konferenzen im Jahr wünschen, auf der mindestens mal 100 Buchhändler miteinander und mit anderen Profis ihre Lage diskutieren und was voneinander und dazulernen.

    Die Campus-Angebote der Barsortimente sind schon richtig - aber ich meine, daß das Thema Innovation und Umgang mit all den neuen Aufgaben und Möglichkeiten gut einen eigenen buchhändlerischen Spitzen-Kongreß vertrüge (und an dem sich natürlich auch der eine oder andere Berater oder Verlags-Tupperparty-Kollege einfinden sollte)

  • Schleifbürstengenerator

    Schleifbürstengenerator

    @ Carlo Bernasconi

    Naja, was die Komposition im deutschen Buchhandel angeht, steht das "E" mehr für Ermüdungserscheinung respektive Engstirnigkeit....

  • franz wanner

    franz wanner

    Aber was hat er uns eigentlich gesagt?
    Die Selbstvermarktung der Berater ist legitim. Die Teilnehmer zahlen oder nehmen nicht teil. Und davon gibt es viel und viele und immer öfter...
    Sollte ich an Selbstvermarktung denken?

  • Leander Wattig

    Leander Wattig

    Nicht nur die Speaker, auch die Teilnehmer sind oft dieselben. :)

  • Wibke Ladwig

    Wibke Ladwig

    Da kann ich alle nur ermutigen, statt Konferenzen mehr Barcamps und Themencamps (wie etwa das stARTcamp Köln oder das ebookcamp, das kürzlich stattfand) zu besuchen. Dort sind Teilnehmer aus der Branche höchst selten anzutreffen, auch wenn der Blick über den Tellerrand sicher nicht schaden würde.
    Allerdings sind dort die Teilnehmer auch gefordert, selbst etwas beizutragen. Ob als Helfer oder als Anbieter einer Session: Bequem zurücklehnen gilt dort nicht. Dafür kosten sie nichts oder nur wenig. Das tut den Veranstaltungen im allgemeinen sehr gut, weil sich dabei ein munterer Austausch auf Augenhöhe ergibt - hierarchie- und branchenübergreifend.
    Wer neugierig geworden ist, sei beispielsweise auf die 'Dokumentation des stARTcamp Köln verwiesen: http://startcampk.posterous.com/pages/dokumentatio n-2012-sck12
    Ich würde mich freuen, auf den stARTcamps im nächsten Jahr mehr Gesichter aus der Buchbranche zu sehen!

  • Johannes

    Johannes

    Es sind ja nicht nur Konferenz-Speaker und -Gäste – mit mindestens der Hälfte der Diskutanten hier hab ich schon ein Pilsbier getrunken, mit dem Kommentar-Schreiber zumindest mal 'ne Cola im Rahmen einer PK. Eigener Saft und so :)

  • Leander Wattig

    Leander Wattig

    Ich halte das tatsächlich für ein Problem, dass sich nur wenige Akteure über die eigenen Zirkel hinaus in die öffentlichen Diskussionen einbringen. Das schlechte Außenbild der Branche, was ihre Zukunftsfähigkeit betrifft, rührt zu einem Gutteil daher.

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