Renate Reichstein über Jugendbuchverlage und Buchhandel

Wir brauchen uns gegenseitig – dringend!

Warum Jugendbuchverlage und Buchhandel auf intensiven Austausch angewiesen sind. Und Eltern wie Kinder davon profitieren. Gastspiel von Renate Reichstein, seit Januar Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj).

Was haben Kinderschuhe und Kinderbücher gemeinsam? Sie müssen genau passen und vorne noch Luft zum Wachsen haben! Und in beiden Fällen wollen die erwachsenen Käufer meist fachkundige Beratung.

Für Kinderbücher heißt das, dass sie nur im Sortimentsbuchhandel passgenau gekauft werden können. Nur dort können die Käufer mit Blick auf das jeweilige Kind so individuell beraten werden, dass das Angebot den Anforderungen genügen kann. Kinderbücher und ganz besonders Bilderbücher brauchen diesen menschlichen Faktor: Die Titel müssen entsprechend dem Alter des Kindes und dessen (Lese-)Erfahrung vorsortiert, gezeigt, angeschaut und "probiert" werden.

Dazu braucht es die pädagogische wie literarische Erfahrung der Buchhändlerin (ja, hier ist der Buchhandel zu 90 Prozent weiblich) über Entwicklungsschritte: Überforderung führt wie Unterforderung zur Ablehnung des Buchs. Denn Eltern und Schenkende sind angesichts des riesigen Angebots meist unsicher und suchen dringend Experten, die ihnen Orientierung geben. Wenn ein Kinderbuch beim Anschauen, Vor- und Selberlesen "einschlägt", hat die Buchhändlerin einen perfekten Job gemacht.

Buchhandlungen sind nicht nur die Schaufenster der Verlage, sie sind auch ihre Showrooms. Sie stellen die fachkundig ausgewählten Titel aus, machen sie "fassbar". Hier werden die in den Verlagskatalogen angezeigten Bücher dreidimensional und nehmen Gestalt an. Auch das perfekteste virtuelle Blättern ist nichts im Vergleich zum Anschauen und Anfassen des haptisch erfahrbaren Bilderbuchs.

Zwar können Zielkäufe leicht und schnell im Internet getätigt werden; das Internet weiß, was wir gekauft haben und empfiehlt Ähnliches. Aber es weiß nichts von unserem aktuellen Kaufanlass, von unserer tagesaktuellen Befindlichkeit, von unseren kommunikativen Bedürfnissen. Und es weiß erst recht nichts davon, wie weit ein Kind entwickelt ist, wo es gerade steht, was es braucht.

Ein Buch im Regal, ob real oder virtuell, verkauft sich nicht, schon gar nicht von alleine. Suchende Kunden sind von der Angebots­fülle oft erschlagen. Kataloge sind gut, Ansprache ist deutlich besser. Für die optimale Präsentation können Buchhändler auch die werbliche Unterstützung der Verlage und deren Know-how nutzen. Derartiger Austausch kommt beiden Partnern, und vor allem den Kunden zugute.

Viele Sortimenter betreiben immer wieder intensiv Leseförderung und Kundenbindung mit vielfältigen Aktionen, die sie auf ihre jeweilige Kundschaft abstimmen. So stellen sie ihre Kompetenz unter Beweis und bieten Büchern und ihren Verlagen neue Bühnen.

Neben dieser traditionellen Beziehungspflege wird es aber für beide Seiten immer wichtiger, sich zusätzlich den neuen Lebensrealitäten ihrer heranwachsenden Leser zu stellen. Laut JIM-Studie 2012 ist die Zahl der lesenden Jugendlichen in den vergangenen zehn Jahren erfreulich konstant geblieben, allerdings informieren sich heute nur noch zehn Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen im stationären Buchhandel. Für sie sind Freunde, Bekannte und vor allem die Medien die relevanten Informationsquellen. Hier können Verlage und Sortiment noch viel Terrain gemeinsam beackern, indem sie ihre Kompetenzen im Netz verlinken und Leser und Bücher zueinander bringen.

Mehr zum Thema lesen Sie im aktuellen Börsenblatt Spezial Kinder- und Jugendbuch, das heute erschienen ist. 

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