Bertelsmann stellt Brockhaus ein (Update 10.40 Uhr)

Ende einer Lexikontradition

Bertelsmann hat angekündigt, das Direktvertriebsunternehmen InmediaOne und damit die Verlagstochter Wissenmedia "schrittweise einzustellen". Das Geschäft mit Lexika (vor allem Brockhaus), das zu rund 85 Prozent im Direktvertrieb lief, steht damit vor dem Aus. VON ROE

Der Direktvertrieb der Brockhaus-Nachschlagewerke – vor allem der 21. Auflage der "Brockhaus Enzyklopädie" – sowie anderer Verlagsprodukte soll nach Angaben von Pressesprecher Matthias Wulff bis Mitte 2014 eingestellt werden. Online-Aktualisierungen der Lexika wird es dann nur noch bis 2020 geben, so Wulff.

Das Buchhandelsgeschäft des zu InmediaOne gehörenden Verlags Wissenmedia wird nach Konzernangaben bereits Ende 2013 eingestellt. Ein Frühjahrsprogramm 2014 wird es nicht mehr geben.

Von der Einstellung des Verlags Wissenmedia sowie der sukzessiven Schließung von InmediaOne innerhalb der nächsten zwölf Monate sind laut Wulff rund 190 Mitarbeiter betroffen – etwa 120 bei InmediaOne, 52 bei Wissenmedia in Gütersloh sowie weitere Mitarbeiter am Standor München. Zudem werden 300 selbständige Handelsvertreter, die zu einem Teil ausschließlich für InmediaOne gearbeitet haben, die Kündigung erhalten. Wie es in Gütersloh heißt, sollen für die betroffenen Mitarbeiter Möglichkeiten für eine Weiterbeschäftigung inerhalb des Konzerns gesucht werden. Dazu wird eine Art "internes Arbeitsamt" eingerichtet.

Mit dem Ende von Wissenmedia ist auch Geschäftsführer Christoph Hünermann, der zugleich in der Geschäftsführung von InmediaOne saß, abgezogen worden. Zugleich legt der bisherige Strategie- und Vertriebsgeschäffsführer Steffen Böning seine Aufgaben bei InmediaOne nieder. Hünermann und Böning werden nach Konzernangaben künftig den Club- und Direktmarketing-CEO Fernando Carro "bei strategischen Projekten" unterstützen. Alleiniger Geschäftsführer des Direktvertriebsunternehmens InmediaOne ist nun Kurt Bisping.

Eine 22. Auflage der "Brockhaus Enzyklopädie" in gedruckter Form, wie sie Wissenmedia-Verlagsleiter Christoph Hünermann mehrfach angekündigt hat, wird es demnach nicht mehr geben. Ob eine Fortführung als Online-Enzyklopädie möglich ist, wird sich zeigen. Die Marke Brockhaus bleibe zunächst im Konzern, so Pressesprecher Wulff. Über eine andere Verwendung innerhalb des Konzerns oder eine Lizenzierung an Dritte werde nachgedacht. Unklar sei auch noch, was mit den anderen Imprints von Wissenmedia geschieht – etwa dem Faksimile Verlag, dessen Produkte vorwiegend im Haustürgeschäft verkauft wurden.

 

Der Entscheidung, InmediaOne und Wissenmedia einzustellen, ging ein rund zweijähriger Evaluationsprozess voraus, so Wulff. Man sei dabei auf viele in wirtschaftlicher Hinsicht schwierige Details gestoßen, die man auch durch eine Stärkung des Portfolios von Brockhaus gemäß dem Dreiklang "Wissen, Lernen, Bildung" (bis hin zum Lernhilfenprogramm Brockhaus Scolaris) nicht in den Griff bekommen konnte. Fernando Carro habe danach keine andere Wahl gehabt, als den Geschäftsbereich zu schließen: "Dies ist eine sehr schwere Entscheidung, die wir uns nicht leicht gemacht haben. Nach gründlicher Analyse aller zur Verfügung stehenden Fakten haben wir gemeinsam entschieden, den Schließungsprozess einzuleiten."

Kernproblem sei es gewesen, so Wulff, dass es immer schwieriger und aufwendiger geworden sei, Neukunden zu generieren. Die Kaufbereitschaft der Bestandskunden sei aber endlich. Da es nicht mehr gelungen sei, die notwendigen Stückzahlen zu verkaufen, sei ein wirtschaftlicher Betrieb des Unternehmens nicht mehr möglich. Zudem sei das Buchhandelsgeschäft, das mit etwa 15 Prozent zum Umsatz beiträgt, zu klein, um "alleine nachhaltig betrieben zu werden".

Bertelsmann bzw. InmediaOne hatte die Marke Brockhaus mit ihren Lexikonprodukten (vor allem der 21. Auflage der "Brockhaus Enzyklopädie") im Dezember 2008 vom Bibliographischen Institut & F.A. Brockhaus (Bifab) übernommen, nachdem in Mannheim die strategische Entscheidung gefallen war, sich aus dem Geschäft der lexikalischen Nachschlagewerke komplett zurückzuziehen. Schon vor der Übernahme hatte InmediaOne im Rahmen einer Vertriebspartnerschaft mit Bifab Brockhaus-Produkte im Haustürgeschäft verkauft.

 

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8 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Wikiuser

    Wikiuser

    In Zeiten von Wikipedia braucht Brockhaus keiner mehr.

  • Bücherleserin

    Bücherleserin

    Trotzdem ist es sehr schade zu sehen, wie eine einst so stolze Marke zu Grunde geht. Unsere Kinder werden nicht mehr wissen, was ein Brockhaus war, sondern vermutlich nur noch Wikipedia kennen. Redaktionell geprüftes Wissen hat auch Vorteile gegenüber "Crowdsourcing". Es bleibt ein leichtes Magengrummeln und viel Bedauern!

  • Diderot
  • Eine Geschädigte

    Eine Geschädigte

    Unverständlich ist für mich, warum InmediaOne noch im März und April 2013 Handelsvertreter angeworben und geschult hat, um den Unternehmenbereich im Juni dann abzuwickeln. Zu dieser Zeit war es bereits für erfahrene und gute Verkäufer zunehmend schwieriger, von Ihrer Tätigkeit bei InmediaOne ihr Leben zu finanzieren, geschweige denn für die Neuen. Den enormen Vorleistungen standen so gut wie keine Einnahmen gegenüber. Erklärt wurde das aber mit der angeblichen Unfähigkeit der Neuen. Nach meiner Meinung ging und geht InmediaOne verantwortungs- und rücksichtlos mit allen Betroffenen um.

  • noch eine geschädigte

    noch eine geschädigte

    Ich habe fast 20Jahre Brockhaus verkauft,sowie 300 andere Handelsvertreter.Die Geschäftsführung hat uns bis zum letzten Tag angelogen es würde weitergehen.Nun wird gemobbt.Soziale Verantwortung und Menschlichkeit ist mit Reinhard Mohn gestorben.

  • Lars

    Lars

    Den vertrieb hat nun die Domi Exclusiv übernommen. Das Vorgehen ist das selbe wie früher.

    Es wird eine Berater anrufen, der aus irgendwelchen Gründen vorbeikommen muss weil ein Zertfikat ausgestellt wird für mich und dann führ eins zum anderen!

    Also Achtung!

  • Jens

    Jens

    Ich wurde von coron exclusiv besucht, welche meinten den Vertrieb weiterzuführen und ihren Sitz jetzt in der Schweiz haben. Ist auch die gleiche Marke wie meine Bücher. http://www.coron-exclusiv.ch

  • Gisela

    Gisela

    Hallo Lars, heute klingelte ein Vertreter an meiner Tür um ein Zertifikat für ein bestimmtes Buch für mich auszustellen. Dieses Buch habe ich vor über 10 Jahren gekauft und jetzt soll ein Zertifikat ausgestellt werden, weil es keine nachfolgenden Bücher von Coron gibt. Serie also abgeschlossen. Ich wunder mich, warum das jetzt sein soll, angeblich um einen Wert zu bestätigen. Ich trau dem Frieden nicht. Er muß dazu in meine Unterlagen sehen. Wenn er weiß was ich gekauft habe muß er doch meine Daten vorliegen haben, weshalb also der Blick in meine? Wäre schön, wenn Sie mir etwas zu der Praktik sagen können
    NATr

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