Amazon und seine Lieferanten

Wer abweicht, zahlt

In den vergangenen Jahren hat Amazon in Deutschland ein Logistikzentrum nach dem anderen eröffnet, das treibt die Kosten. Um sich hier wieder Luft zu verschaffen, ergreift der Konzern nun offenbar die Flucht nach vorn – und erhebt Gebühren von allen Lieferanten, die die geforderte Perfektion in den Versandhallen stören. Auch Verlage sind betroffen. Das Bundeskartellamt hält sich raus. VON HOLGER HEIMANN / TAMARA WEISE

Amazon hat sich sein Expansionsbestreben seit jeher viel Geld kosten lassen - Verluste nahm der Konzern da vorübergehend billigend in Kauf. Doch die Strategie hat sich geändert: Damit Umsatz und Kosten wieder in einem besseren Verhältnis zueinander geraten, greift das amerikanische Unternehmen zu drastischen Mitteln  – setzt  Lieferanten mit Strafgebühren unter Druck.  

"Ein solches Verhalten kenne ich nur von Amazon"

Das Problem trifft viele, quer durch unterschiedlichste Branchen. Schon eine kleine Verspätung reiche aus, um die Gebührenuhr bei Amazon anspringen zu lassen, wie Andreas Müller berichtet. "Teilweise werden bis zu 500 Euro fällig. In dieser drastischen Form kenne ich ein solches Verhalten nur von Amazon." Der Konzern verfolge Verstöße von Lieferanten gegen die eigenen Anlieferungsregeln exzessiv, und das Müller zufolge "selbst in Bagatellfällen".    

Müller ist Rechtsanwalt in Köln und vertritt den Verein zur Förderung des Wettbewerbs und lauteren Verhaltens im Speditions-, Logistik- und Transportgewerbe. In dieser Funktion setzte er im Frühjahr ein Schreiben an das Bundeskartellamt auf. Inhalt: eine Beschwerde gegen die Vertragsgestaltung von Amazon in Deutschland.

"Wir sind der Meinung, dass Amazon hier wettbewerbswidrig handelt und seine Marktmacht ausnutzt", argumentiert der Anwalt – kommt jedoch nicht umhin, die Sache nun zu akzeptieren: Das Bundeskartellamt hat die Beschwerde des Vereins zu den Akten gelegt. Man habe aus den Argumenten der Beschwerde keine Punkte ableiten können, die kartellrechtliche Ermittlungen berechtigt hätten,  erklärt ein Sprecher der Behörde.  Aus Sicht der Prüfer ließe sich auch nicht feststellen, dass Amazon hier eine marktbeherrschende Stellung ausnutzt.

Kulanz ist ein Fremdwort     

Die Entscheidung der Wettbewerbshüter bedeutet: Solange niemand versucht, auf dem Weg einer Zivilklage die Sache zu klären, bleibt alles so wie gehabt –  auch für Verlage.

Sie erfahren gerade in besonderer Weise, dass der Konzern wenig zimperlich exekutiert, was er für richtig hält. Denn anders als in der Buchbranche sonst üblich,  zeigt Amazon wenig Verständnis für etwaige Logistikfehler. Mit anderen Worten: Überall in der Branche werden sie, wie Matthias Heinrich von Brockhaus Commission erklärt, stets "im Rahmen der Kulanz und im gegenseitigen Einverständnis behandelt" – nur im Warenverkehr mit Amazon nicht.
 
Die ideale Amazon-Welt ist eine, in der die Verkaufsgüter durch Datenleitungen gejagt werden und nicht per LKW langsam, aufwändig und teuer über alte Asphaltstraßen rollen.
Vorerst aber sind die Laster notwendig und beständig unterwegs. Ein kostenintensives Verfahren – an dessen Lukrativität es manche Zweifel gibt. Etwa bei dem Stuttgarter Verleger Matthias Ulmer:  Der massenhafte Versand von Büchern, wie ihn Amazon betreibt, sei "kein nachhaltiges Geschäftsmodell", meint er und zweifelt zugleich am Sinn des Versandhandels an sich: Physische Produkte zu versenden, betrachtet er generell als "problematisch" – weil dies "horrende Kosten" verursache.

So erzieht Amazon seine Lieferanten

Verlage werden von Amazon neuerdings dazu aufgefordert, Gebühren zu berappen. Das Unternehmen nennt sie beschönigend „Ausgleichszahlungen“ – sie werden fällig, sobald Amazon Abweichungen von den im sogenannten Vendor Manual (dt.: Anbieterhandbuch) beschriebenen Anlieferrichtlinien feststellt. 22 Punkte umfasst der Katalog möglicher Verstöße, der Ende Mai an Verlage verschickt wurde. Darin steht, zum Beispiel:
  • Dass 60 Cent für jeden zu bearbeitenden Artikel fällig werden, wenn er in einem anderen Lager zugestellt wird, als in der Bestellung angegeben wurde; wenn "die Menge des angelieferten Artikels die bestellte Menge überschreitet" oder "wenn der Artikel bei der Warenannahme bereits in einem nicht verkäuflichen Zustand angekommen ist".
  • Die Hälfte, also 30 Cent für jeden zu bearbeitenden Artikel, sollen Verlage u.a. zahlen, "wenn ein Barcode nicht scannbar oder nicht vorhanden ist", wenn "ein Produktkarton zu viel leeren Raum aufweist" oder "wenn die Produktverpackung beschädigt ist oder nicht genügend Schutz für den Artikel bietet".

Man kann sich leicht vorstellen, dass die Cent-Beträge bei entsprechender Titelzahl rasch zu hohen Euro-Summen anwachsen.

Amazon wollte sich zu dem Thema gegenüber boersenblatt.net nicht äußern, stellte sich taub – auch mehrmalige Anrufe gingen ins Leere. Dennoch dürfte klar sein, worum es dem Unternehmen bei all dem geht: Kosten zu reduzieren und dafür zu sorgen, dass in den  Logistikzentren möglichst alles wie am Schnürchen läuft. "We seek to reduce our variable costs per unit and work to leverage our fixed costs",  wir versuchen, unsere variablen Kosten zu senken und Fixkosten zu optimieren – so steht es auch schon im Geschäftsbericht für 2012 (Logistikzentren zählen zu den fixen Kosten; eine Übersicht dazu finden Sie am Ende des Berichts).   

Alles halb so wild?  Die Position der Verlage

Wie man Kosten senken kann, beschäftigt die Branche schon lange, intensiv und in regelmäßigen Abständen. "Jeder Händler versucht, Logistikkosten abzuwälzen – das ist der einzige Punkt, wo man noch etwas machen kann", sagt Uwe Rosenfeld, Vertriebsgeschäftsführer beim S. Fischer Verlag. Bilaterale Verhandlungen seien ein Dauerzustand.

Auch Droemer-Geschäftsführer Christian Tesch beschwichtigt: "Wir werden das im Gespräch mit Amazon lösen. Das Buch ist ohnehin ein relativ standardisierter Artikel. Problematisch sind andere Produkte für einen Logistikbetrieb wie Amazon, der Abläufe vereinfachen will: Rasenmäher zum Beispiel."

Amazon diktiert die Geschäftsbedingungen

Ohnehin zieht niemand in Zweifel, dass Einsparpotenziale genutzt werden sollten, schließlich verdient niemand an zusätzlich verursachten Kosten. Der unverhohlene Ärger vieler Verlagsleute, von denen die meisten lieber ungenannt bleiben wollen, entzündet sich an der Art und Weise, mit der Amazon einseitig Geschäftsbedingungen zu diktieren versucht. "Wir führen jedes Jahr Konditionengespräche, das ist das normale Spiel", sagt zum Beispiel Andreas Horn, Vertriebsleiter bei Beltz, vorsichtig, "aber über solche Auslieferungsrichtlinien, die plötzlich gelten sollen, haben wir nicht geredet."

Es gibt Verlage, die diesem Gebührenkatalog widersprochen haben. Doch es ist riskant, sich mit Amazon anzulegen. Der Händler ist für die allermeisten Verlage der wichtigste Geschäftspartner.

Über das Geschäft von Amazon in Deutschland

Wie berichtet, hat Amazon 2012 nach eigener Aussage, in Deutschland rund 8,7 Milliarden US-Dollar umgesetzt (6,6 Mrd. Euro) – ein Viertel davon entfiel auf Bücher, schätzt der Bundesverband der Deutschen Versandbuchhändler. Dieses Viertel würde etwa 1,6 Mrd. Euro entsprechen, rechnet der Verband vor. Rücke man den gesamten Onlinebuchmarkt in den Blick, hieße das: Von 100 Euro, die die Deutschen im Netz für Bücher ausgeben, landen 74 Euro bei Amazon.de.     

Dafür betreibt Amazon.de derzeit acht Logistikzentren (Nummer 9 ist in Planung) – mit einer Lagerkapazität von mehr als drei Millionen Kubikmetern.  

  • Brieselang, geplant: 44.000 qm (Option: insg. 65.000 qm)
  • Koblenz: 110.000 qm, seit 2012
  • Pforzheim: ca. 110.000 qm, seit 2012
  • Rheinberg: 110.000 qm, seit 2011
  • Werne: ca. 130.000 qm, seit 2011
  • Graben: 110.000 qm, seit 2011
  • Leipzig: ca. 75.000 qm (seit 2006)
  • Bad Hersfeld, zwei Logistikzentren: 42.000 qm + 100.000 qm, seit 2001 bzw. 2006


Die Logistikkosten in Deutschland weist Amazon nicht getrennt aus. Amazon benennt lediglich die Gesamtkosten im Fulfillment weltweit – und die steigen. In den vergangenen drei Jahren sah die Entwicklung so aus (Quelle: Geschäftsberichte von amazon.com):  

2012
Netto-Umsatz: 61,1 Mrd. US-Dollar
Fulfillment-Kosten: 6,42 Mrd. US-Dollar
… ihr Anteil am Netto-Umsatz: 10,5 Prozent

2011
Netto-Umsatz: 48,1 Mrd. US-Dollar
Fulfillment-Kosten: 4,58 Mrd. US-Dollar
… ihr Anteil am Netto-Umsatz: 9,5 Prozent
   
2010
Netto-Umsatz: 34,2 Mrd. US-Dollar
Fulfillment-Kosten: 2,9 Mrd. US-Dollar
… ihr Anteil am Netto-Umsatz: 8,5 Prozent
 

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7 Kommentar/e

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  • peter&paul

    peter&paul

    ich sehe nichts verwerfliches daran, wenn amazon den in d leider allg. üblichen schlampereien in liefer- bzw. logistbeziehungen einen riegel vorschiebt, und das geht leider wirksam nur über finanzielle sanktionen.
    wer als lieferant die eigentlich selbstverständlichen forderungen von a. nicht erfüllen will oder kann, sollte sich eben einen anderen kunden suchen.
    warum fühlen sich offensichtlich firmen wie auch privatpersonen so wohl in der allg. servicewüste in d ?

  • Sandra

    Sandra

    Entschuldigung, aber manche Punkte macht Amazon selbst zum Affen. Wiederholt habe ich Pakete von denen erhalten, in denen viiiel zu viel Luft gelassen wurde, und mit enorm viel Packpapier ausgestopft wurde. Amazon sollte erstmal selbst im Auslieferzentrum schauen, wie dort gehandthabt wird, bevor es Lieferer zu sich zur Kasse bittet!

  • Thomas

    Thomas

    Was für ein Unsinn. Ich bin nun schon über 20 Jahre in der Logistik tätig und kann sagen dass Amazon im Vergleich zu den deutschen Lebensmitteleinzelhändlern wie REWE, Lidl, Metro, Edeka sehr zahm ist.

    Es muss zunächst einmal geschaut werden wie viele Defekte die Lieferanten verursachen. Angefangen bei Verspätungen in der Anlieferung über fehlende Lieferpapiere, falsche Barcodes, fehlende Barcodes, nicht verarbeitbare Ware. Da kommen wöchentlich mehrere Tausend (!!!) Falschlieferungen in einem Logistikzentrum an.

    All das verursacht Sonderprozesse und Mehraufwand und sorgt im schlimmsten Fall dafür dass Kunden nicht beliefert werden können.

    Gutes Zureden bei Lieferanten hilft leider nicht.

  • Amazonkunde

    Amazonkunde

    Typisches BöBla geschwafel...

  • rehse

    rehse

    Hauptsache, Amazpon zahlt hier Steuern. Oder tun sie das doch nicht so, wie es sich gehört? Ich kaufe bei dieser Organisation nichts, weil sie ihre Arbeitnehmer unanständig behandeln.

  • amazone

    amazone

    @rehse
    1) amazon zahlt steuern (oder auch nicht) im rahmen der durch die politik gesetzen möglichkeiten.
    2)dann dürfen sie wohl bei ganz vielen anderen großen firmen auch nicht kaufen, oder kennen sie welche von denen, die ihre an "anständig" behandeln???

  • rehse

    rehse

    @ amazone
    danke für Ihren Kommentar.
    Sie haben ja so recht. Ich kaufe auch bei vielen anderen Firmen nichts, z.B. bei IKEA, die nicht die Steuern hier zahlen, die eigentlich fällig wären. Auch trinke ich kein braunes Wasser aus Pappbechern auf der Straße, weil diese US-Unternehmen ebenfalls Tricks anwenden, um sich die Steuern zu ersparen. und ein Produkt von Apple habe ich auch nicht, da verhält es sich nicht anders.
    Es gibt zu allen Einkäufen genügend Alternativen - noch. Kann ja sein, dass diese weniger werden. Mein Konsum allerdings auch. Immer größer - weiter - höher geht nicht mehr lange gut.
    Damit kein Mißvetrständnis auftritt: ich bin kein Buchverkäufer sondern Leser.

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