Neu im Buchregal

Lesen als Körpertechnik für Geübte

Michael Schikowski liebt Bücher – und macht keinen Hehl daraus, ein konservatives Verhältnis zur Buchkultur zu besitzen. In seinem Großessay „Warum Bücher?“ macht der ausgebildete Buchhändler, studierte Germanist und Blogger (!) seiner Abscheu gegenüber der Digitalkultur auf herrliche Weise Luft. VON KAI MüHLECK

„Viele Dinge sind ausgereift und man kann sie kaum verbessern. Der Stuhl, die Tasse sind perfekt (…) weil sie eine Form gefunden haben, die dem Leib entspricht. Die Tasse für den ersten Durst. Die Menge ist ausreichend und doch schon ein wenig abgekühlt. So ein Gegenstand ist gewiss auch das Buch. Es ist perfekt und nicht verbesserungsfähig“, schreibt Schikowski. Das Schönste an seinem Buch, einem Buch über die Buchkultur, ist sein ernsthafter Versuch, die Veränderung der Lesekultur als soziales Phänomen zu begreifen. „Die Selbstverständlichkeit der Buchkultur“, resümiert Schikowski, „ist verloren.“ Das Buch ist es - in Zeiten des E-Books - noch lange nicht.

Was die Körperlichkeit des Buches in aller Konsequenz für einen Wert und eine Wertschöpfungsmöglichkeit – auch im kulturellen Sinn ermöglicht – das alles bringt Schikowski herrlich auf den Punkt.

Er ordnet, unterscheidet und gewichtet: Verschiedene Typen und ihre Stellung zum Digitalen, beispielsweise: von buchlosen Hip-Tuern über pragmatische Verwalter der Buchdämmerung bis zu den Tempelhütern des Analogen, zu denen er sich mit Augenzwinkern selbst zählt. Haupteigenschaften des physischen Buches, die es von Digitalisaten abheben und überlegen machen, werden da beschworen:

  • Die besondere Konvention und Fähigkeit der Weltdarstellung, für die Geduld notwendig ist
  • die körperliche Form, die ein eigenes Leseerlebnis ermöglicht
  • und zu guter Letzt das Buch als soziales Medium

Er verhöhnt die Arroganz des Digitalen ebenso wie den in seinen Augen hilflosen Versuch des „Verbandskastens“, den nicht zu stoppenden kulturellen Wandel zu gestalten. Er schüttelt sich vor Furcht über die Macht der Digitalkonzerne, die gewiss nicht als Wohltäter in die Welt des Buches und des Handels mit Büchern eingestiegen sind und das Medium und die Lesekultur nachhaltig verändern.

Ein Leser, der seinen E-Reader genauso wenig hergeben möchte wie seine Bücherwand abzuschaffen, erscheint manches allzu katzenjammerisch und schwarzgemalt. „Die Tür zur Buchkultur schließt sich langsam. Zu folgern, dass das, was vergeht, verdiene zu vergehen, ist ehrlos und schäbig. Es ist eine Frage der Integrität, wie man sich in das Unvermeidliche ergibt“, hebt der Schwanengesang bereits in der Einleitung an. Doch Schikowskis Buch ist bei allem Ernst gar keine Hasspredigt gen Digitalien; Humorlosigkeit wird man bei ihm vergeblich suchen. Schikowski beschreibt auf einzigartige Weise, wie sie sich anfühlt, diese „Holprigkeit des Übergangs zwischen Buchkultur und Digitalkultur“ am eigenen Leib zu erfahren. Schwarz hier, weiß dort – Schikowski ist ein wahrer Meister im Vermessen der Graustufen.

Börsenblatt-Leser kennen den Autor vielleicht bereits von seinen Meinungsbeiträgen, etwa dem Letzten, der heftig polarisierte. Hier kommt nun die Langfassung, die sich aber viel kürzer liest. Kaum vorstellbar, dass es einen Leser gibt, den es nach der Lektüre nicht reizt, Position zu beziehen.

Michael Schikowski: "Warum Bücher?" Bramann, 104 Seiten, Klappenbroschur, 14,90 Euro.

Der Titel, im August für seine Praxis-Ratgeberreihe für Verlagsmitarbeiter und Buchhändler bekannten Bramann Verlag erschienen, ist auch als E-Book erhältlich. In einer älteren Version dieser Rezension wurde fälschlicherweise das Gegenteil behauptet. Schikowskis Essay wäre als E-Book wohl  nicht so leicht in meine  Jackentasche gewandert - das Problem der Sichtbarkeit von Büchern im Internet, das er ausführlich diskutiert, beweist sich so an seinem eigenen Buch. Und dafür hat es, als grimmigen Liebesbeweis, ein paar Eselsohren erhalten.

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6 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Buchhändler

    Buchhändler

    Vorab ein HOCH an Herrn Schikowski. Dieses Buch Kauf ich mir im stationären Buchhandel. DANKE

  • Galbadon

    Galbadon

    Gibt´s da auch als E-Buch?

  • Ralf Schiering

    Ralf Schiering

    Ja. Lieferbar. Genügend Exemplare vorhanden. Steht auch im Artikel ;-))

  • Buchhändler

    Buchhändler

    Ja, wer lesen kann...............@gabaldon

  • E-Leser

    E-Leser

    Oha, mit 14,99 Euro ist das E-Book ja sogar noch teurer, als das 104 Seiten dünne Papierbüchlein.

    Wer übrigens gerne mal etwas lesen möchte, dass mit einigen Klischees aufräumt, kann ich folgendes empfehlen:

    Hilmar Schmundt
    SPIEGEL E-Book: Gutenbergs neue Galaxis: Vom Glück des digitalen Lesens
    Erschienen im Spiegel-Verlag
    Ca. 69 Seiten für 0,99 Cent

  • H. Kraft

    H. Kraft

    Mit Herrn Michael Schikowski gibt es endlich jemanden, der sich mit diesem Essay für Bücher und das haptische Buch in Händen halten, einsetzt. Als Buchhändler weiß er um die Vorzüge vom Buch und möchte diese nun bewusst weitergeben.
    Kollegen und Kolleginnen sowie junge Buchhändler könnten also dieses Buch von Schikowski wohl lesen.
    Einen Dank an Herrn Kai Mühleck für seinen einleitenden Text zum Buch.
    Trotz allem Miteinander zwischen Buch und einem digitalen Lesen wäre es notwendig, dass die Buchkultur wieder neu entdeckt würde.
    Bücher also nicht nur zu einer Präsentation und Schau in die Regale zu stellen, sondern sich mit ihnen auf den Weg zu machen und sie als Freunde im eigenen Leben sehen.
    Ein Buch zum Lesen neu zu entdecken, kann manchmal zu einer Überraschung führen.
    Wer Bücher noch zusätzlich als seine Freunde nennen darf, erkennt dann auch ein kleines Glück, welches er besitzt und mit dem er als Leser beschenkt wird.
    Es kommt nur darauf an, die richtigen Bücher für sich selber zu entdecken und dann können sich für den Leser/in ungeahnte Welten eröffnen, die ihn staunen lassen.
    H. Kraft

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