Gespräch mit Karl-Heinz Ott

»Es kommt mir auf eine musikalisch inspirierte Sprache an«

Epochenbrüche, Schwierige Familien, Deutsche Seltsamkeiten – unter diese Überschriften stellt der Literaturkritiker Jörg Magenau seinen Überblick über die Neuerscheinungen des Herbstes (nachzulesen im aktuellen BÖRSENBLATT Heft 25, das heute erscheint). Für boersenblatt.net sprach Magenau mit Karl-Heinz Ott, dessen Erzähler in seinem neuen Roman „Ob wir wollen oder nicht“ in Untersuchungshaft sitzt.

Karl-Heinz Ott

Karl-Heinz Ott © Peter Peitsch

Im Herbst erscheint ein neuer Roman von Ihnen und eine Biografie über Georg Friedrich Händel. Welches Buch ist Ihnen das wichtigere? Wie schafft man es, gleichzeitig Roman- und Sachbuchautor zu sein? Ott: Nach der Abgabe eines Romans sich an ein Sachbuch zu setzen, ist wie eine große Erleichterung. Im einen Fall scheint während des Schreibens keine einziger Satz gerechtfertigt zu sein, zumal man jeden Gedanken wieder fallen lassen und andere dafür ins Spiel bringen könnte. Im Falle Händels dagegen gibt es bereits eine so immense Stofffülle, dass ich eher die Not empfinde, mich auf einige Punkte konzentrieren zu müssen. Natürlich stellt ein Roman eine ganz andere Herausforderung dar. An meinen Radio-Essays dagegen sitze ich reichlich entspannt, wobei ich es auf keinen Fall missen möchte, im Bereich der Musik und der Literatur immer wieder philosophisch-ästhetischen Grundsatzfragen nachzugehen. Was hat Sie an Händel interessiert? Ott: Das Händel-Buch wird alles andere als eine Biografie sein, sondern mit Bezug auf Händels Zeit und seine Werke Fragen nachgehen, die etwa die Debatte um den Werkbegriff oder das Verhältnis von autonomer und religiöser Kunst, aber auch unser in den letzten Jahrzehnten völlig gewandeltes Verhältnis zur Barockmusik anbelangen. Es hat bei mir eine Weile gedauert, bis ich mich für Händels Opern und Oratorien begeistern konnte, was ich unter anderem dem – leider früh verstorbenen – Regisseur Herbert Wernicke zu verdanken habe, dessen Inszenierungen einem nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren öffnen konnten. Mich interessiert aber auch die Frage, wie ein aus Halle stammender Protestant in Italien zu einem furiosen Komponisten der Gegenreformation wird, was Händels gesamtes Werk kennzeichnet, zumal die anglikanische Kirche, für die er später eine Art Zulieferer war, trotz ihrer Abspaltung von Rom bis heute eine liturgische Pracht entfaltet, an der gemessen diejenige des Vatikan geradezu trist wirkt. Sie haben neben Philosophie und Germanistik auch Musikwissenschaft studiert. Wie sehr prägen musikalische Strukturen Ihr Schreiben? Ott: Im Grunde kommt es mir auf nichts anderes als eine musikalisch inspirierte Sprache an, zumal in der Art der Sprache unsere Seelenzustände weit angemessener als in irgendwelchen Aussagen zum Ausdruck kommen. Der Sound, der Rhythmus, der Klang, das Tempo, das Staccato, Presto oder Adagio einer Sprache offenbaren mehr von unserer Gestimmtheit als Sätze, die unser Befinden auf den Begriff zu bringen versuchen. Schließlich verbirgt sich hinter dem sogenannten Stil ja nicht ein davon abzuspaltender Inhalt, sondern die Sache selbst, und zwar im Sinne eines extremen Aufgewühltseins oder einer Ruhe, die etwas Kontemplatives besitzt. In „Ob wir wollen oder nicht“ ist ein Verbrechen geschehen. Der Ich-Erzähler sitzt in einer Gefängniszelle und behauptet, nichts damit zu tun zu haben. Handelt es sich also um einen Kriminalroman? Ott: Es handelt sich um einen Krimi, der insofern kein Krimi ist, als im Verlauf der Geschichte andere als kriminalistische Fragen in den Vordergrund rücken. Spannung entsteht zunächst daraus, dass man nicht weiß, was eigentlich geschehen ist und dass man dem Erzähler in der Gefängniszelle nicht unbedingt trauen kann. Sie scheinen sich in ihren Büchern auf Zwangscharaktere – vor allem auf manische Redner – zu spezialisieren. Was für ein Typ ist dieser Mann? Ott: Im Grunde ist er recht einsam, was natürlich auch das Sprudeln seiner inneren Stimmen erklärt. Dabei prägt ihn eine Geschichte, wie ich sie von manchen kenne, die vor dreißig, vierzig Jahren an die großen Aufbrüche geglaubt haben. Was als Befreiung intendiert war, hat sich in etwas verwandelt, wofür ich keinen Ausdruck weiß, und was sich vielleicht nur anhand solcher Figuren andeuten lässt. Das klingt wie die Kurzfassung einer Post-68er-Biografie, wie sie derzeit in Mode sind. Ott: Im weitesten Sinne hat der Protagonist eine etwas verspätete 68er-Vergangenheit, doch sie spielt in diesen Roman nur indirekt und insofern herein, als ihm früher alles andere wichtiger war, als ein Studium zu Ende zu bringen oder wenigstens eine Lehre zu machen. Irgendwann musste er zu seinem eigenen Entsetzen entdecken, dass der Zug für ihn abgefahren ist. Der Text ist ein großer Monolog, den man sich auch gut auf der Bühne vorstellen könnte. Lässt sich da erkennen, dass Sie als Dramaturg an verschiedenen Theatern gearbeitet haben? Wie „dramatisch“ ist Ihre Prosa? Ott: Sicherlich ist das Theater nicht spurlos an mir vorbeigegangen, zumal ich beim Formulieren meist laut vor mich hinspreche und auch entsprechend gestikuliere. Kürzlich sagte ein Musiker zu mir: Egal wie lang und verschachtelt Ihre Sätze auch immer sind, es sind immer Sätze zum Sprechen. Das hat mich natürlich gefreut.

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