Appell an den Buchhandel nach Weltbild-Insolvenz

"Nun erst recht: Rein ins Netz!"

"Stammkunden wollen nicht komplett aufs Internet verwiesen werden", erklärt Michael Menard, Leiter des Börsenverein Landesverbands Norddeutschland, die Weltbild-Krise. Warum er den unabhängigen Buchhändlern trotzdem dringend empfiehlt, ihre Kundschaft im Internet zu bedienen, verrät er hier.

"Vor ein paar Jahren sah Carel Halff voraus, dass im Buchhandel 40 Prozent der Ladenflächen verschwinden würden. Grund: die Verlagerung von Umsatz ins Netz. Die Weltbild-Läden waren in diesem Szenario einbezogen.

Weltbild macht mit rund 30 Prozent Internetanteil mit Abstand den höchsten Umsatz im Netz. Wie schon bei Thalia, ist der Erfolg aber auch der Vater des Misserfolgs. Bei Thalia passten die stolzen 15 Prozent Internetanteil nicht mehr zu dem Konzept aus der Zeit vor dem Internet, mit großen Flächen in 1a-Lagen Kunden anzuziehen. Für 15 Prozent des Umsatzes werden jetzt keine teuren Quadratmeter mehr gebraucht. Nun müssen sie mit Zusatzsortimenten bestückt werden, was die Gefahr birgt, dass das Bild einer Buchhandlung vor Ort verschwimmt.

Weltbild sah sich beim lokalen Schrumpfen besser aufgestellt, hatte man doch weniger auf die ganz großen und ganz teuren Flächen gesetzt. Filialen schließen und deren Umsatz ins Netz verlagern, lautete das Konzept für die Umstellung.

Doch nun passierte, was dem Buchhandel, der stationär bleibt, bei seinem Internetumsatz nicht passieren kann: Weltbild kam von zwei Seiten unter Druck:

  • Auch Kunden, die im Netz kaufen, schätzen das Stöbern und den persönlichen Kontakt im Geschäft vor Ort. Das gilt nirgendwo mehr als im Buchhandel, der mit 80 Prozent den höchsten Stammkundenanteil im Einzelhandel hat. Stammkunden wollen aber nicht komplett aufs Internet verwiesen werden. Doch so ist es, wenn Filialen für den Internetumsatz geschlossen werden.
  • Wenn der Reiz des Sortiments vor Ort fehlt und nur das Internet bleibt, dann steht selbst ein Großunternehmen wie Weltbild ohne die Stütze der Kundenbindung durch die stationären Läden in direkter Konkurrenz zu Amazon, und die lässt sich nicht gewinnen – selbst wenn die Gesellschafter Kapital nachgeschossen hätten.

Anders beim stationären Sortiment, das auf seine örtlichen Stammkunden setzt. Es will im Internet keinen anonymen Amazon-Kunden nachjagen. Es will nur seine Stammkunden auch im Netz an sich binden, und das gelingt. Bei Osiander gibt ein Drittel der Internetbesteller an, dass sie die Ware vor Ort abholen wollen. Wie könnte die Verbindung des Stöberns vor Ort und des gezielten Bestellen im Netz besser untermauert werden? Beim Abholen vor Ort schaut man sich an, was es sonst noch Neues gibt.

Die Gründe für das Scheitern von Weltbild sind Anreiz für das stationäre Sortiment, sich weiter im Netz zu engagieren. Gerade jetzt, wo seit Mitte 2013 der Internethandel hinter der Umsatzentwicklung des stationären Sortiments zurückbleibt."

 

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11 Kommentar/e

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  • buchhändlerin

    buchhändlerin

    Genau das ist vor kurzem schon bei den Club-Filialen des
    Bertelsmann Clubs passiert, es sind etliche geschlossen
    worden. Nun liege ich in der Nähe einer solchen geschlossene Filiale und viele Kunden haben gesagt, daß
    sie dort austreten wollen, sie wollten nicht im Internet
    bestellen. Einige sind auch Kunde bei mir geworden, andere sind für den Buchhandel wohl verloren.
    Die Schließung diverser Club-Filialen hat bislang kaum
    einer zur Kenntnis genommen, schade, auch hier verschwinden Buchhandelsflächen und Menschen ihre
    Arbeitsstellen.

  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    schöne neue welt, wo der mensch keinen anderen mehr braucht anscheinend? auch weihnachten und sylvester lieber mit anonymen Twitter-Freunden im Netz verbringt, wie praktisch, man braucht ja nicht rauszugehen. Man braucht sich nicht anzuziehen. Man braucht auch nicht zu denken. Man kann ja endlos re-tweeten oder liken, man kann von Twitter auf facebook springen, und wieder zurück, und man kann sich auch seine Weihnachtsganz gegrillt, gesellscht oder was immer per Internet-Shop gebrachten ins Haus bringen. Ist doch alles perfekt. Und wer braucht schon noch einen Buchladen. Ach, so ein dummes, altmodisches Zeug auch. Das staubt, das ist Totholz, das hat Gewicht im Koffer. Das kostet Geld beim Billigflieger, wenn du durch Bücher Gewicht in deinen Leichtkoffer lagerst. Da gibts doch diese wunderbaren Plastikdinger, E-Reader und Kindle-chen, wie sie heißen, passen in die Handtasche, kannst die Buchstaben vergrößern und verkleinern, und es soll bald auch schon der Clou angeboten werden, dass eine eingebaute Sound-Installation das Geräusch von Seitenumblättern simuliert.
    Mal im Ernst, wozu noch RL - real life? Warum tragen, schleppen, reden, denken, wenn doch ein Klick genügt, um Deinen Konsumrausch zu befriedigen, der Postbote, der Lieferservice, der overnight-Express-Zustelldienst - wird dann auch bald per Knopfdruck von einer e-car, einer Elektro-Car, und einem mobilen Roboter erledigt. Der Mensch, Moment, wer und was war das noch mal...? Ach so, dieser ewige Störfaktor. Der immer noch Fragen hatte. Der ein Lächeln wollte. Der kurz vor Ladenschluß noch hereinschoß und den Feierabend verdorben hat - "Ich brauche noch ein Buch - für den Geburtstag heute Abend - können Sie mir einen Tip geben..? Also meine Freunding/mein Freund/ meine Schwester/mein Bruder/ meine Mutter/mein Vater - ja, genau, was können Sie mir empfehlen..? Und könntens das Bücherl auch noch einpacken...?? Tausend Dank! Tausend Dank! Sie haben meinen Abend, mein Image, mein Leben gerettet. Ich empfehle Sie weiter! So liebenswürdig und warmherzig und einfühlsam, wie Sie waren, und mich noch so freundlich und prompt bedient haben, wo doch der Schlüssel sich fast bereits im Schloß gedreht hatte, zum Abschließen. Jetzt können Sie für immer schließen! Haben Ihre Ruhe. Der Kunde klickt. Ende.

  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    P.S. Korrektur - da schnell und "live" geschrieben und abgeschickt, hatten sich ein paar Schreibfehler - "Weihnachtsgans" soll es natürlich heißen, und auch "gebraten" - statt gebracht...

  • rehse

    rehse

    @Lesie & Sprachie
    Ja, schade, das scheint so zu kommen, dass die Denkfaulen und die Dummköpfe die Oberhand behalten werden. Sehr schade, aber noch ist nixht alle Hoffnung verloren.

  • Verleger

    Verleger

    @Lesie&Sprachie @rehse
    Es stört mich maßlos, dass alle, die via Twitter vernetzt sind oder einen E-Reader besitzen (so auch ich), von einigen immer in die "Denkfaulen"-und-"Dummköpfe"- Ecke gestellt werden. Ein sehr einfältiges Bild von Welt und vom Menschen, und ein sehr gefährliches zudem.
    @Lesie & Sprachie: Das ausschließliche Lesen von gedruckten Büchern und Ihre Ablehnung von E-Readern scheint keinen positiven Einfluss auf Ihre Rechtschreibkompetenz zu haben...

  • rehse

    rehse

    @verleger
    Es liegt mir fern, Sie zu beleidigen, auch wenn ich kein Anhänger von facebook, twitter und auch (noch) nicht E-Reader besitze. Aber wenn es keine LADENGESCHÄFTE mehr geben wird, kommt vielleicht das große Erwachen.

  • rehse

    rehse

    @ verleger -kleine Korrektur

    hinter twitter habe ich das Wort "bin" vergessen. Bitte um Nachsicht.

  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    Dear @verleger....))
    Ich betreibe 2 online-Magazine. Eines seit 12 Jahren. Mit gestern - an einem einzigen Tag 21.648 page views. Und einem Total von 6.223.000 - na gut, in all den Jahren. Ich schreibe extra unter Pseudonym hier, sonst sähe es aus, als machte ich Werbung für meine beiden onlinies-only. Die Grund-Tonart ist satirisch...Vielleicht hätte ich das meinem "comment" hinzufügen sollen...momenti-dementi..und auch sorry...)) Ich hätte auch gerne einen E-Reader, glaub ich....)) und werde wohl auch einen meiner endlich-Romane im self-publishig-Verfahren als E-Book herausgeben. Warum? Weil ich es mir sonst nicht leisten kann...
    Das Thema insgesamt habe ich nur kurz angerissen...in seiner Vielfalt...und ja auch den Kunden selbst dabei ironisiert...ich war eine, als ich noch in der Kleinstadt lebte, die immer in letzter Minute angerannt kam - als noch im 18 Uhr abgeschlossen wurde und noch immer samstags um 13 Uhr....Und die in 2. oder 3. Generation-Buchhandlung - die Inhaberin - blickte immer ganz streng, und ich entschuldigte mich dafür, dass ich etwas kaufen wollte...
    Wenn Sie meinen comment unter dem Aspekt der Satire-Beimischung konsumieren...könnte er Ihnen am Ende sogar gefallen? Und ja - möchten Sie etwas von mir veröffentlichen.....)))...hihi..

  • ...

    ...

    Schreiben wie eine 12-Jährige auf Traubenzucker, und sich dann über anderer Leute Intelligenz auslassen - charmant...

    "Joke's on you, I was only pretending to be retarded!"

  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    @nummer9 - ich nehm es totally als Kompliment..)) Danke.
    Wunderbar - !

















  • Verkaufnix

    Verkaufnix

    @Lesie & Sprachie: Ja, das mit dem Ironie-Verstehen ist nicht für alle gleich einfach. Es ist vor allem ein Generationen-Thema. Kleine Anekdote: Habe meinem Sohn (21) ein Buch, Garou, empfohlen, weil ich es absolut erheiternd und unterhaltsam fand. Habe ihm also das gedruckte Exemplar in die Hand gedrückt und er fing an, darin zu lesen. Ein paar Wochen später frage ich also, ob er es fertig gelesen hat. Noch nicht, die Antwort, aber er habe sich das ebook davon gekauft. Die gedruckte Version hätte ihn keinen Cent gekostet, aber das ebook ist ja so viel praktischer...
    Die jüngere Generation hat ein vollkommen anderes Einkaufsbedürfnis und -verhalten.
    Ich persönlich glaube nicht, dass ein reines "sich im Internet präsentieren" ausreicht. Die Weltbild-Kunden sind preissensibel und besondere Angebote gewöhnt. Nicht umsonst hatte sich in verschiedenen Umfragen immer wieder "bei Weltbild sind die Bücher billiger" ergeben. Die Abkehr von Sonderangeboten hin zu "normalpreisigen" LP gebundenen Büchern war daher sicherlich eine Fehlentscheidung. Dafür braucht niemand Weltbild.

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