Thalia-Chef Michael Busch über die Zukunft des Tolino

"Die Mittel reichen"

Michael Busch sieht den Kindle-Konkurrenten Tolino trotz der Insolvenz von Weltbild auf Kurs. Für eine Erweiterung der Allianz beteiligter Firmen erkenne er durchaus Chancen, erklärt der Thalia-Chef im Exklusiv-Interview mit Torsten Casimir.

Der Tolino hatte im Herbst einen Anteil von 37 Prozent im deutschen E-Book-Markt. Wie lief der Rest des Jahres?
Wir hatten ein sehr erfolgreiches Weihnachtsgeschäft und warten gespannt auf die Zahlen der GfK für das vierte Quartal. Allerdings sind wir sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam mit unseren Partnern das selbst gesteckte Ziel erreicht haben: 30 plus x Prozent Marktanteil. Dazu kommt das Prädikat der Stiftung Warentest »Preis-Leistungs-­Sieger«, auf das wir stolz sind. Insgesamt war das also ein sensationell guter Start.

Welche Erwartung haben Sie zum vierten Quartal?
Wir waren sehr zufrieden mit unserem vierten Quartal. Aber wir kennen, wie gesagt, die Zahlen der GfK noch nicht. Unabhängig davon ist es unser Ziel, unseren jetzigen Marktanteil weiter auszubauen. Schauen Sie in die USA und das UK – da liegt Amazon mit weitem Abstand vorn, mit einem Marktanteil nahe 80, im UK sogar 90 Prozent. In Deutschland ist es uns gelungen, in sehr kurzer Zeit eine starke und relevante Nummer 2 aufzubauen.

Nun bedroht aber die Weltbild-Krise den Tolino. Sichtbarkeit dürfte verloren gehen und Vertriebskraft. Und vor allem: Wird das Geld reichen für die enorm aufwendige Werbung?
Ja, die Mittel reichen. Denn der Tolino ist für alle Partner der Allianz ein zentrales strategisches Thema. Natürlich ist es bedauerlich, dass Weltbild in eine schwierige Situation geraten ist. Aber was die Marke Tolino angeht und die Distributionsfähigkeit aller Tolino-Partner, glauben wir, dass wir eine gute Reichweite erreicht haben und halten können.

Und wenn Weltbild und womöglich Hugendubel es nicht schaffen?
Auch wir waren vor Kurzem in einer sehr schwierigen Situation und haben erlebt, wie auch sogenannte Partner über uns gesprochen haben. Das war für uns keine angenehme Situation. Wir beteiligen uns nicht an solchen Diskussionen. Wir denken kontinuierlich darüber nach, wie wir die Tolino-Partnerschaft sinnvoll erweitern können. Hier sehen wir durchaus Chancen. Sicherlich werden sich Tolino-Partner auch in Zukunft gelegentlich von Standorten trennen, die nicht gut funktionieren. Darunter kann die Vertriebsreichweite immer mal wieder etwas leiden, ja. Aber das ist in diesen Zeiten Teil unseres Geschäfts.

In der Branche wird spekuliert, ob sich die Allianz jetzt weiteren Tolino-Partnern öffnet.
Wir Tolino-Partner haben unsere Position dazu nicht verändert. Wir sind möglichen erweiterten Partnerschaften gegenüber schon immer offen. Allerdings haben wir – nicht anders als im Oktober letzten Jahres – bestimmte Rahmenbedingungen.

Das Reader-Geschäft hat sehr kurze Innovations­zyklen. Die Tolino-Allianz bleibt unter ständigem Druck, zu investieren und zu werben. Fühlen Sie sich dem gewachsen?
Ja. Die Frage haben wir uns ganz zu Anfang gestellt, und es war klar: Wenn wir in dieses Rennen einsteigen, dann ist das ein Marathon und kein Sprint. Heute sind wir noch zuversichtlicher als zu Beginn, dass wir einen angemessenen Marktanteil für den Tolino langfristig durchsetzen können. Am Markt zu sein, heißt doch immer, dem Druck von Innovation ausgesetzt zu sein.

Im konkreten Fall auch noch dem Druck eines übermächtigen Marktführers aus Seattle …
Wir müssen als Deutsche endlich einmal selbstbewusst sagen: Was die Amerikaner können, das können wir auch. Zalando zeigt es, die Tolino-Allianz zeigt es. Mit unserem Netzwerk von starken Partnern sind wir in der Lage, ein interessantes Paket für das digitale Lesen zu schnüren, das insbesondere für den Kunden, der alle Vertriebskanäle weiterhin gern nutzt, attraktiver und offener ist als Amazon und der Kindle. Der bisherige Erfolg gibt uns recht.

 

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8 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Besorgter Buchhändler

    Besorgter Buchhändler

    Drücken wir die Daumen, das Thalia der enormen Bedrohung durch die Weltbild Krise (und weitere Krisen im Buchhandel) weiterhin trotzen kann. Dem Buchhandel stehen sehr sehr schwere Zeiten bevor. Es wird alle Kraft benötigt!
    Auch um Arbeitsplätze im Buchhandel zu erhalten.

  • Wolfgang Tischer

    Wolfgang Tischer

    Auch ich drücke die Daumen, denn es wäre schade, wenn der Tolino als gutes Konkurrenzprodukt zum Kindle untergehen würde.

    Leider hat Thalia mit dem OYO gezeigt, dass man nicht immer loyal zu den eigenen Produkten steht.

    Problematisch ist die Einschränkung "Wir sind möglichen erweiterten Partnerschaften gegenüber schon immer offen. Allerdings haben wir – nicht anders als im Oktober letzten Jahres – bestimmte Rahmenbedingungen."

    Das ist natürlich nicht die Strategie, die Amazon groß gemacht hat und man muss bezweifeln, dass sie der Tolino-Plattform förderlich ist.

    Sinnvoller wäre es, die Plattform weit und zu besten Konditionen für alle zu öffnen: Verlage, Buchhandlungen, Online-Shops und Self-Publisher.

    Denn das wichtigste ist Reichweite, Reichweite und eine große Verbreitung. Der Gewinn steht erst mal hinten an. Den Sack zuziehen kann man später immer noch. So macht es zumindest Amazon sehr erfolgreich.

  • Georg M.

    Georg M.

    Die Vertriebsreichweite die Herr Busch anspricht bekommt er aber nur, wenn viele weitere Buchhändler mit an Bord genommen werden. Hier dürfte der Fahrpreis entscheidend sein. Vielleicht funktioniert es auch mit Partnern außerhalb der Branche.

    Ob man den notwendigen Innovationen und Inverstitionen in die Hardware gewachsen ist, darf bezweifelt werden.

    Ich warte noch mit dem Kauf eines Readers. Der Tolino wird es, wenn ich ihn nicht nur bei den bisherigen Händlern kaufen kann.

    Sollte die DBH in den Abgrund stürzen sieht es sehr schlecht aus.

  • Dirk Scholze

    Dirk Scholze

    Diese Interviews mit Herrn Busch haben schon einen hohen Unterhaltungswert, erinnern mich aber auch oft an Veröffentlichungen im „Neuen Deutschland“ in der Mitte der achtziger Jahre:

    Da fragt Herr Casimir gleich am Anfang des Interviews: Wie lief der Rest des Jahres?

    Darauf Herr Busch: „Wir hatten ein sehr erfolgreiches Weihnachtsgeschäfts und warten gespannt auf die Zahlen der GfK für das vierte Quartal.“
    Da fragt sich doch der geneigte Leser, was Herr Busch sagen will – Wenn ich ein erfolgreiches Weihnachtsgeschäft hatte, basiert doch der Erfolg auf dem Vergleich mit den Vorjahreszahlen meines Unternehmens und nicht auf irgendwelchen GfK Zahlen.
    Herr Busch fährt dann fort: „Allerdings sind wir sehr zuversichtlich“ – was hat da dieses, wenig aussagekräftige Allerweltswort „allerdings“ da zu suchen – entweder sind wir sehr zuversichtlich – oder wir wissen nicht, was los ist; oder, wie es um unser Unternehmen steht!

    Herr Casimir fragt weiter: Nun bedroht aber die Weltbildkrise den Tolino….

    Herr Busch antwortet: „Natürlich ist es bedauerlich, dass Weltbild in eine schwierige Situation geraten ist“ – der gemeine Leser würde diese Aussage unter dem Gesamtbegriff „Krokodilstränen“ zusammenfassen.

    Aber wir sind noch nicht am Ende:
    Herr Casimir fragt weiter –
    „ Und wenn Weltbildbild und womöglich Hugendubel es nicht schaffen?“

    Herr Busch antwortet:
    „Auch wir waren vor kurzem in einer sehr schwierigen Situation und haben erlebt, wie auch sogenannte Partner über uns gesprochen haben. Das war keine angehnehme Situation.“

    Ach Herr Busch, jetzt kommen mir wirklich die Tränen - Sie sind umgeben von Belzebuben:

    Geldgierigen Verlagen, die Ihnen keinen Rabatt von 65% einräumen wollen, Barsortimenten, die nicht gewillt sind, Ihnen Ware unter ihren Einkaufspreisen zu überlassen, und sonstigen Lieferanten, die nicht erst nach 90 Tage Ihre bereits vorfinanzierten Dienstleistungen von Ihnen bezahlt haben wollen.

    Oh Herr Busch, die Welt ist schlecht und deshalb sehen Sie sich leider zu folgender Aussage gezwungen:

    „Sicherlich werden sich Tolino Partner auch in Zukunft gelegentlich von Standorten trennen, die nicht gut funktionieren.“

    Als letztes fragt Herr Casimir dann noch:
    „Im konkreten Fall auch noch den Druck eines übermächtigen Marktführer aus Seattle..“

    … und jetzt wird es Deutschnational – Herr Busch antwortet: „Wir müssen als Deutsche endlich einmal selbstbewusst sagen: Was Amerikaner können, das können wir auch.“

    Ich füge dieser Aussage von Herrn Busch nichts mehr hinzu, frage mich aber jetzt, ob die Interviews mit Herrn Busch, wirklich einen hohen Unterhaltungswert haben?



    Dirk Scholze
    Berater für den Sortimentsbuchhandel, Oldenburg

  • Galbadon

    Galbadon

    Die Kritik an der Tolino-Allianz mag ja berechtigt sein, aber Herr Busch hat doch recht damit - dass man dem bösen A. durchaus etwas entgegensetzen kann - wenn man will. Viele Kindle-Käufer haben 2. Gründe für den Kauf: Bequemlichkeit und Hilflosikgkeit beim neuen Medium.
    Es war ja nun mal so, dass der deutsche Buchhandel eben nicht für E-Buch Kompetenz stand, die man eigentlich dort hätte erwarten können. Das E-Reader Geschäft überließ man den Elektromärkten, das e-Buch Geschäft ersetzte man mit Lamento.
    Mit dem Tolino ist ein großer Schritt getan worden, e-Buch Kompetenz für den Kunden wahrnehmbar im Buchhandel anzusiedeln. Und wenn es nicht Tolino ist, dann ist es eben Pocketbook wie bei Osiander und der Maierschen oder Sony bei ebook.de. Wichtig ist doch wirklich nur, dass der Buchhandel bei diesem Thema endlich aus dem Quark kommt - und mittlerweile sind wenigstens einige auf dem Weg dahin.

  • Einer

    Einer

    Heißluftanteil > 95%...

  • Hausmeister

    Hausmeister

    "Der Tolino hatte im Herbst einen Anteil von 37 Prozent im deutschen E-Book-Markt."

    37% ?????

    Woher stammt diese Zahl? Das stimmt niemals! Maximal 10%! Da bin ich mir sicher!

  • E-Leser

    E-Leser

    @Hausmeister

    Das ist hier nachzulesen -> http://www.boersenblatt.net/674563/

    Allerdings: 37% Marktanteil ist nicht der Marktanteil des Tolinos, sondern die zusammengezählten E-Book-Umsätze der Tolino-Partner, also Thalia, Weltbild, Hugendubel, T-Com, Bertelsmann, Otto-Versand, BOL.de, Buch.de, Bücher.de und wer da noch so mit dranhängt. Was für Gerätschaften die E-Book-Käufer in Verwendung haben, spielt dabei keine Rolle.

    Ein Erfolg ist es aber trotzdem.

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