Netzwerk Oetinger34

Revolutionen im Weißraum

Mit Oetinger34 startet der Oetinger Verlag ein neuartiges Kreativnetzwerk für Autoren, Illustratoren und Leser. Herzstück ist der sogenannte Weißraum –  eine Editions-Software, mit der kollaborative Buchprojekte entstehen sollen.

Unter Hochdruck tüftelt seit gut zwei Jahren ein Team hinter den Glasfassaden des Oetinger Verlags am jüngsten Großprojekt des Kinder- und Jugendbuchspezialisten. Vom Kreativnetzwerk ­Oetinger34, das im Namen die Hausnummer in der Max-Brauer-Allee trägt, versprechen sich die Hamburger unter Leitung von Till Weitendorf und Doris Janhsen nicht weniger als »den Verlag der Zukunft«: In Abgrenzung zum Self-Publishing will Oetinger »ganz neue Möglichkeiten der kreativen Kollabora­tion mit einem klaren ­Fokus auf Qualität schaffen und das Beste aus dem klassischen Verlag mit dem des digitalen Publizierens verbinden«.

Kreativität soll demokratischer werden

Der Kreativitätsprozess soll »demokratisiert« werden, Leser können schon beim Entstehungsprozess live dabei sein. Gerade ist das Projekt in die Betaphase gegangen. 120 von einer Portalmanagerin und dem Oetinger34-Lektorat handverlese­ne Nutzer können sich in verschiedenen Rollen als Autor, Illustrator, Junior-Lektor und Leser vernetzen und Ideen auf den Weg bringen. In einem Speedmeeting auf der Leipziger Buchmesse werden weitere hinzukommen (siehe Kasten rechts).

Zunächst findet online ein ­Matching zwischen Autoren und Illustratoren statt, dabei helfen Angaben zu den eigenen Fähigkeiten und künstlerischen Vorlieben, die Teil eines jeden Nutzerprofils sind. Vom Verlag geschulte »Junior-Lektoren« (etwa Studenten mit Verlagserfahrung und Young Professio­nals) unterstützen und begutachten die laufenden Projekte: Für jedes Gutachten erhalten sie einen Betrag von 7,50 Euro. Die Kreativen können jederzeit Leser einladen, die dann die gerade entstehende oder bereits abgeschlossene Arbeit per Sternchensystem bewerten – nach dem Amazon-Prinzip.

Haben die Projekte genug Fol­lower gefunden und einige Rezensionen gesammelt, sind sie bereit für die Teilnahme am nächsten Voting. Für die Anmeldung zur Abstimmung ist eine Schutz­gebühr von zwölf Euro fällig – aus diesem Topf wird die Arbeit der Junior-Lektoren bezahlt. Das Voting ist mit der Hoffnung auf eine Veröffent­lichung im Imprint ­Oetinger34 verknüpft.

Wer einen der ersehnten Verlagsverträge erhalten will, muss vom Netzwerk unter die Top 10 gewählt werden. Oetinger34 ist content- und communitygetrieben, programmatische oder inhaltliche Grenzen gibt es keine. Die Titel erscheinen als Printbuch und / oder E-Book mit voller Vertriebs- und Marketingpower des Verlags. Vorteil für Oetinger: »Wir können uns auch an Titel herantrauen, für die bei uns bislang kein Platz war«, erläutert Till Weitendorf.

Die Hamburger sichern sich zwar das Erstoptionsrecht auf alle Projekte, arbeiten aber bewusst nicht mit Knebelverträgen oder Ausschlussklauseln. In das Netzwerk kommt nur, wer die entsprechende Qualifikation mitbringt. »So entsteht ein Pool an Nachwuchskreativen, mit dem wir gemeinsam querdenken und außergewöhnliche Ideen in Rekordzeit verwirklichen können«, sagt Tea Herovic (Projektmanagement).

Ein Editor namens Weißraum

Als »Herzstück« von Oetinger34 bezeichnet Till Weitendorf den sogenannten Weißraum. Der Verlag hat einen »Editor« gebaut, der sowohl für Bilder- und Kinderbücher als auch für Jugendbücher geeignet ist. Auf der Netzwerkseite lassen sich schnell Mitstreiter und aktuelle Projekte finden. Denn der Projektleiter stellt sich sein Team individuell zusammen und entscheidet selbst, wie viel er zeigen möchte. Eine komplexe Rechte-Matrix koordiniert den Projektfortschritt im Weißraum. Denn alle, das ist der Clou, arbeiten an einem Dokument.

Till Weitendorf ist davon überzeugt, dass der kollaborative Ansatz mehr Kreativität freisetzt – am Ende könnten völlig neue Formate und Genres entstehen. Auch der Verlag hat die Möglichkeit, Ideen und Themen an das Netzwerk weiterzureichen.

Das Erlösmodell ihrer neuartigen Ideenwerkstatt werden die Hamburger noch feinjustieren: So wie bereits bei der hauseigenen Lösung »TigerCreate«, mit der Verlage inhouse angereicherte E-Books produzieren können, denkt Oetinger auch beim Weißraum über ein »White-Label-Modell« nach – andere Verlage könnten das Tool gegen Lizenzgebühr für eigene Zwecke nutzen.

Oetinger Campus - Fortbildungsprogramm für Kreative

Für die Teilnehmer des Netzwerks Oetinger34 wird ein großes Fortbildungsprogramm aufgesetzt: Basiswissen gibt es kostenlos, daneben vermittelt der Oetinger-Campus in Schulungen, Seminaren und Video-Tutorials das Handwerkszeug für Autoren, Lektoren, Illustratoren. Gleichzeitig ist geplant, den Campus zum flankierenden Erlösmodell zu entwickeln.

Der Praxistest steht Oetinger34 jetzt bevor. Man kann gespannt sein, ob das nächste Kapitel in der Geschichte des Verlegens tatsächlich in Hamburg-Altona geschrieben wurde.

Oetinger34 - Roadmap

  • 12. März 2014: Start der (geschlossenen) Betaphase mit 120 Nutzern
  • 13. – 16. März: Auf der Leipziger Buchmesse findet ein Speedmeeting mit Interessierten statt, jeweils von 10 bis18 Uhr, Halle 2, E 100 /101
  • Außerdem wird das Projekt im Rahmen der Leipziger Autorenrunde am Samstag, 15. März, von 15:00-16:30 Uhr im CCL Mehrzweckfläche 3 vorgestellt
  • August 2014:  Oetinger34 geht in die offene Betaphase und ruft die Teilnehmer zu einem ersten Voting über die Projekte der Plattform-Teilnehmer auf. Außerdem startet der begleitende Oetinger-Campus sein erstes Fortbildungsangebot
  • Oktober 2014: Zur Frankfurter Buchmesse präsentiert das Imprint Oetinger34 die ersten Titel – voraussichtlich zwei Buchprojekte, die im Frühjahr 2015 erscheinen sollen.

Oetinger 34 – Erlösquellen auf einen Blick

  • Bücher im neuen Imprint Oetinger 34
  • Portfolio: Oetinger öffnet sich für neue Genres und inhaltliche Experimente
  • Netzwerk: Wertvolle Kontakte zu Young Professionals
  • Campus: Fortbildungen sind ein flankierendes Erlösmodell
  • White Labeling: Andere Verlage erwerben Lizenzen für den Editor

 

 

Website: www.oetinger34.de

 

 

Kai Mühleck

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1 Kommentar/e

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  • Berufskreativer

    Berufskreativer

    Due grundsätzliche Fehlannahme liegt schon im Ansatz: Der Kreativitätsprozess ist schon per definitionem undemokratisch, er verlangt nach individuellem Ausdruckwillen, einer gewissen selbstausbeuterischen Leidenschaft und einem persönlichen Ziel. Dies demokratisieren, nein besser: kommerzialiseren zu wollen heisst, der Schöpfung die Seele zu nehmen. Kollaborative Urheberschaft funktioniert nur bei sehr fein aufeinander einjustierten Teams - das Gegenteil des Portalkonzepts. Viel Glück allen Beteiligten.

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