Frankfurter Buchmesse

Verleger auf Reisen: "Vor uns liegt noch ein langer Weg"

Vier internationale Verlegergruppen erkundeten in den vergangenen Wochen die deutsche Verlagslandschaft − betreut von der Frankfurter Buchmesse und unterstützt vom Auswärtigen Amt. Welche Ideen und Erkenntnisse nehmen die Kollegen vom deutschen Buchmarkt mit nach Hause? Acht Antworten aus Moskau und Dallas, aus Neu Delhi und São Paolo.

Editors Trip USA / Kanada

Unter dem Motto "Small Publishers – Big Impact" besuchte eine Gruppe aus den USA / Kanada vom 22. bis zum 28. Juni Verlage in Berlin und Frankfurt, geführt von Riky Stock (German Book Office New York). Auf der Agenda standen unter anderem Besuche bei S. Fischer, Suhrkamp und Aufbau sowie die Teilnahme an einer ganztägigen Konferenz im Frankfurter Haus des Buches zum Thementrio Übersetzung, Digital Publishing, Buchtrends. Zwei Verleger-Bilanzen:

Will Evans, Verleger, Deep Vellum Publishing, Dallas (Texas)

"Das, was ich bei dieser Reise am meisten schätzen gelernt habe, ist die persönliche Begegnung mit Verlegern und Autoren. Wir haben zum Beispiel Thomas Pletzinger und sein Team von Adler & Söhne in Berlin getroffen. Ich nehme einige Ideen mit nach Hause, wie wir Autoren Einnahmequellen jenseits vom reinen Buchverkauf erschließen können. Bezahlte Lesungen wie hier gibt es in Amerika zum Beispiel nicht besonders oft. Gleichzeitig geht es darum, Leser auf neue Art und Weise anzusprechen, über spannende, manchmal auch verrückte Events. Da hat mir die Reise wichtige Impulse gegeben."

Sarah MacLachlan, Verlegerin, House of Anansi Press, Toronto

"Ehrlich gesagt: Ich werde einige Zeit brauchen, um alle Eindrücke der Reise zu verarbeiten. Wir bei Anansi Press pflegen seit längerem eine gute Beziehung zu deutschen Verlagen und haben schon Lizenzen an Hanser, Klett Cotta, cbt und Droemer verkauft. Es war sehr interessant, bei der Tour die Unterschiede zwischen Berlin und Frankfurt zu sehen – und zu erkennen, dass die deutsche Verlagslandschaft eben nicht zentralistisch aufgebaut ist. Gute Verlage finden sich in vielen Städten, viele sind historisch gewachsen, haben eine 150jährige oder sogar 250jährige Geschichte hinter sich. Es gibt eine enorme Vielfalt − und eine lange Tradition, die mir vorher nicht so bewusst war."

Editors Trip Indien

Indische Verleger aus den Segmenten Graphic Novel, Comic und Jugendbuch waren vom 23. bis zum 27. Juni in Deutschland zu Gast. "Anders als auf den internationalen Märkten stehen diese Genres in Indien erst am Anfang. Wir sehen hier noch sehr viel Potential", so Prashasti Rastogi vom German Book Office New Dehli. Stationen der Reise waren unter anderem der Avant-Verlag, Reprodukt, Mosaik, Carlsen und Arena. Zwei Resümees aus Verlagen:

Ameya Nagarajan, Kinderbuchsparte, Penguin Random House, Neu Delhi

"Ich nehme den persönlichen Wunsch mit nach Hause, künftig mehr Krimis und Bilderbücher zu veröffentlichen, hoffentlich in Zusammenarbeit mit dem German Book Office in Neu Delhi und den Verlegern, die ich bei der Reise getroffen habe. Wir haben zwar keinen Mangel an exzellenten Autoren in Indien − und sie bedienen auch alle Genres. Trotzdem ist nahezu alles, was bei uns im Jugendbuchsegment erscheint, importiert."

Sudeshna Shome Ghosh, Red Turtle Rupa Publications, Neu Delhi

"Besonders spannend für mich: Die Idee, Non-Fiction und Fiction für Kinder in Büchern und Comics zusammenzubringen. Die Mosaik-Reihe "Abrafaxe" ist dafür ein erfolgreiches Beispiel, wie sich Zeitreisen und Schauplätze in unterhaltsamer Weise für Kinder aufbereiten lassen. Ähnliches gilt für die Graphic Novel-Reihen, die wir bei Carlsen kennengelernt haben. Deutsche Kinder- und Jugendbuchverlage sind übrigens in einer ähnlichen Situation wie wir − auch sie müssen heimische Autoren und Bücher gegen die starke Präsenz internationaler Titel am Markt durchsetzen."

Editors Trip Brasilien

Eine Delegation von fünf brasilianischen STM-Verlegern hat vom 22. bis zum 27. Juni deutsche Fachverlage besucht, darunter Springer, Thieme, De Gruyter und Hogrefe. "Der Gastlandauftritt Brasiliens 2013 hat ein Schlaglicht auf die brasilianische Literatur geworfen. Wir wollen den Austausch zwischen deutschen und brasilianischen Verlagen weiter vertiefen und konzentrieren uns in diesem Jahr auf den Bereich STM", so Marifé Boix-Garcia, bei der Frankfurter Buchmesse Geschäftsleiterin Business Development Südeuropa & Lateinamerika. Sie hat die Tour gemeinsam mit Ricardo Costa betreut, Associate Partner der Frankfurter Buchmesse in São Paulo. Erfahrungen:

Eduardo Blucher, Editora Blucher, São Paulo

"Wenn die Erde unter den Füßen bebt, lässt sich schwer abschätzen, was bleibt und was untergeht. Wir sind nach Deutschland gekommen, um mehr über die stabilen Fixpunkte zu erfahren, die den Buchmarkt aufrechterhalten. Stattdessen haben wir gelernt, dass sich deutsche Verlage mit mehr als hundertjähriger Tradition bereits grundlegend verändert haben − und dass sie fit für die digitale Welt sind. Und wir haben gelernt, dass digitale Prozesse in die verlegerischen Abläufe integriert werden müssen und nicht erst dann beginnen können, wenn das Buch fertig ist. Vor uns in Brasilien liegt noch ein langer Weg − aber auch ein attraktiver Markt."

Ana Paula Matos, Saraiva Imprint Editora Érica, São Paulo

"Nach der Rückkehr aus Deutschland bin ich mir sicher, dass wir als brasilianische STM-Verleger die Motivation, aber auch manche Sorgen unserer deutschen Partner teilen. Inhalt allein verliert an Bedeutung. Stattdessen liegt der Schlüssel zur Zukunft in der Kombination aus Inhalt plus Service plus Technologie − jedenfalls für den Bildungsmarkt, für Studenten und Universitäten."

Editors Trip Russland

Russische Belletristik-Lektoren und Literaturkritiker machten sich vom 29. Juni bis zum 6. Juli auf den Weg nach Deutschland – unter der Leitung von Anastasia Milekhina, Buchinformationszentrum Moskau. Die Reise der russischen Delegation führte nach Frankfurt, Berlin, München und Baden-Baden, zu Verlagen wie Stroemfeld, Rowohlt Berlin, Matthes & Seitz, Random House und C.H. Beck. Eindrücke:

Ekaterina Wladimirskaja, Corpus Verlag, Moskau

"Nach der Reise verstehe ich besser, was für Menschen unsere deutschen Kollegen sind, wie sie denken, arbeiten und ihre Produktion gestalten. Wir wissen jetzt genauer, an welchen Verlag wir uns wenden können, wenn wir einen Titel zu einem bestimmten Thema suchen oder Rechte verkaufen möchten. Große Unterschiede gibt es bei der Arbeitsweise, hier können wir uns einiges von den deutschen Kollegen abschauen. Die Arbeitsbedingungen der deutschen Marketing- und Presseabteilungen sind beneidenswert. Allerdings haben die meisten russischen Verlage nicht die finanziellen Ressourcen dafür."

Aleksander Kabissow, Text Verlag, Moskau

"Diese Reise war für mich in vielerlei Hinsicht sehr hilfreich. Es gibt jetzt engere Verbindungen mit den deutschen Verlagen, die ähnliche Themenschwerpunkte haben wie wir, und die Basis für eine gute Zusammenarbeit ist durch den persönlichen Kontakt vorhanden. Bei Suhrkamp haben wir erfahren, wie man Autoren zu künftigen Klassikern weiterentwickelt. Die Arbeit mit den Autoren geht weit über das Lektorat der Texte hinaus. Auch in Richtung Marketing haben wir neue Impulse erhalten – wir überlegen, Buchhändlern Leseexemplare zu schicken und sie künftig bei der Planung von Veranstaltungen stärker einzubeziehen."

Weitere Eindrücke und Einschätzungen gibt es im Blog der Buchmesse.

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