Neu im Regal - Lesetipp der Woche

Wilde Entschlossenheit

Provinzielle Abgeschiedenheit contra öffentliche Aufmerksamkeit: Was tun, wenn man sich trotz unterschiedlichster Lebensentwürfe liebt und nicht voneinander lassen kann? Silvia Avallone jagt ihre jungen Protagonisten in einer Achterbahnfahrt der Gefühle durch einen Roman, der den Leser mit Vexierbildern der Wirklichkeit zum Nachdenken bringt. VON STEFAN HAUCK

Nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander können die beiden Helden des Romans, die 22-jährige Marina Bellezza, die ob ihrer Schönheit und Ausstrahlung die Menschen in den Bann zu ziehen vermag, und der ein paar Jahre ältere Andrea, der sich nicht von ihr zu lösen vermag, der ohnmächtig unter ihrer Sprunghaftigkeit leidet. Was sie verbindet ist die erste große Liebe und eine ungeheure Enttäuschung über ihre Familien, die sie verhärten lässt. Beide kämpfen sie vergeblich um die Zuneigung der abwesenden Väter: Andrea rebelliert gegen seinen Vater, einen karrieristischen Rechtsanwalt und Ex-Bürgermeister, der Andreas’ älteren Bruder vorzieht und nur von materiellem Gewinnstreben geprägt ist; Marina gegen den nur sporadisch auftauchenden Vater, der sich mit Schiebereien kaum über Wasser halten kann, aber auf großem Fuß lebt und größtes Interesse an der Karriere seiner Tochter vorheuchelt. Die Mütter sind schwach, die eine nur der nickende Schatten ihres Manns, die andere eine phlegmatische Alkoholikerin.

Als Marina und Andrea zu Romanbeginn in ihrem Heimatdorf Biella im Valle Cervo nach drei Jahren Funkstille wieder aufeinandertreffen, könnten ihre Lebensentwürfe nicht unterschiedlicher sein: Marina setzt sich in Gesangscastingsshows gegen Konkurrentinnen durch, erzählt mediengerechte Versatzstücke ihres Lebens, die sie ins Rampenlicht katapultieren und zum Star machen sollen. Andrea verachtet diese Showwelt, schmeißt sein Studium und will jeglichem Kommerz den Rücken kehren, sich Kühe zulegen und die in den Bergen gelegene Sennerei seines verstorbenen Großvaters zu neuem Leben erwecken. Er liebt die Stille der Provinz, Marina will ihr entfliehen und mag sie doch ebenso.

Liebevoll und zugleich schonungslos seziert die 1984 in Biella geborene Autorin die Landschaft und die darin lebenden Menschen, die Dorfbewohner, Freunde, eine Klassenkameradin, die an ihrer Doktorarbeit schreibt und das Tal wieder bevölkern möchte, eine ideale Begleiterin Andreas also - der aber nur Augen für Marina hat, die ihn immer verlässt zum großen Ruhm, bis sie begriffen hat, was Freiheit ausmacht. Die Protagonisten laufen und fahren schier endlos herum und entpuppen sich dabei als Suchende und Fliehende zugleich. Mit einer Zähigkeit, fast Verbissenheit verfolgen sie Zukunftsideen, mit denen sie die trostlose Gegenwart hinter sich lassen können.

Avallone jagt ihre Protagonisten in einer Achterbahnfahrt der Gefühle durch den Roman, dass einem schwindlig werden kann, immer wieder machen sich Wut und Frustration bereit und schlagen tornadoartig Schneisen in das Leben der Liebenden, die sich Halt geben und beim Aufatmen Nein sagen zur Liebe. Keine amour fou, sondern ein verzweifeltes Angewiesensein auf den anderen, den sie bis ins Kleinste zu kennen glauben. Kein Zufall, dass Avallone Philosophie studiert hat und geschickt in Rückblicken Geschichten enthüllt, die zeigen, dass es stets mehr als eine Wahrheit gibt, dass sich, wenn man sich in die Perspektive der anderen versetzt, auch Erinnerungen anders darstellen – Puzzleteilchen für Puzzleteilchen setzt die Autorin einen Kosmos zusammen. Der Leser leidet mit, wie Andrea im Winter in Abgeschiedenheit den Schneestürmen trotzt, wie Marina nach öffentlichen Auftritten wiederholt ausbricht und sich wild entschlossen in Andreas’ Leben einklinkt. Avallone schafft Vexierbilder der Wirklichkeit – und die Einsicht, dass im Grunde nichts von Dauer ist, sondern nur durch unser Wollen dauerhaft werden kann. 

Silvia Avallone: Marina Bellezza. Klett-Cotta, 566 S., Euro

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