Lesetipp: "Warum Polen ein Paradies für Amazon ist"

"Die Welt" besucht Versandzentrum Posen

Harte Arbeit, 11,5 Stunden-Schichten, die offiziell nach 10,5-Stunden vorbei sind, miese Stimmung in der Belegschaft: "Die Welt" berichtet über die Arbeit der Amazon-Mitarbeiter in Polen.

Von "unmenschlicher Plackerei", die seine Kollegen der "Gazeta Wyborcza" jüngst in den Versandzentren beobachtet hatten, mag Jörg Winterbauer ("Die Welt") nicht sprechen: "Überraschend ist die unglaubliche Ruhe, die hier herrscht – eine Woche vor Weihnachten", stellt er in der Lagerhalle des Versandzentrums in Posen fest – einem von drei Versandzentren des Onlinehändlers im Nachbarland. Von dort rollen die meisten LKWs von DHL nach Deutschland. "Die Angestellten schlurfen in gemächlichem Tempo durch die Halle, man würde niemals vermuten, dass gerade die stressigste Zeit des Jahres ist."

Dennoch, Lob gibt es für die Arbeitsbedingungen bei Amazon nicht, im Gegenteil: Nur wenn der Chef daneben steht, kommentieren die Arbeiter, sie fänden Ihren Job "okay": Winterbauer macht eine allgemeine Stimmung der Erschöpfung und Niedergeschlagenheit aus: "Wie Zombies" kommen ihm die Mitarbeiter mit ihren leeren Blicken vor. Im Gespräch außerhalb der Werkhallen von Breslau klagen Arbeiter über eintönige Arbeit, massiven Zeitdruck und ständige Überwachung. Das Bruttogehalt liegt bei rund 500 Euro − es sei denn, die Mitarbeiter werden über Zeitarbeitsfirmen in die Hallen geholt, dann warten sie mitunter vergeblich auf ihren Lohn.

Die Unzufriedenheit in der Belegschaft ist nach Winterbauers Aussage greifbar − aber soweit, dass die Mitarbeiter massenhaft bei Gewerkschaften wie Solidarność Schlange stehen, geht der Unmut nach seiner Einschätzung nicht – auch Angesichts des niedrigen Arbeitslosengeldes in Polen und wegen anderer Arbeitgeber, deren Arbeitsbedingungen "noch viel schlimmer" seien.

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4 Kommentar/e

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  • Direktlieferant

    Direktlieferant

    Man kann sich den Gedanken nicht verkneifen: Von strategischen Streiks einer sich selbst suchenden Gewerkschaft dynamisiert, werden mittelfristig die Arbeitsplätze in der Logistik in Leipzig, Brieselang und Bad Hersfeld gegen noch günstigere in Polen und Tschechien ausgetauscht. Statt Marketing für das Auslaufmodell Ver.di: Arbeiter aller Länder vereinigt Euch!

  • Düsselbarsch

    Düsselbarsch

    @ Direktlieferant

    Wenn die Gewerkschaften auf Argumente wie Ihre gehört hätten (Seid ruhig und freut Euch: Es könnte schlimmer kommen!), wären wir noch bei den halbfeudalen Arbeitsverhältnissen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

  • Direktlieferant

    Direktlieferant

    @Düsselbarsch

    Lieber Düsselbarsch, weshalb sprechen wir nicht mal über die miesen Gehälter im Sortimentsbuchhandel oder schauen uns die Bezahlung der LogistikmitarbeiterInnen in Verlagsauslieferungen an? Bei Amazon ist vieles grauenhaft, aber diese Ablenkungsjammerei gepaart mit der Übernahme der Ver.di-Parolen nervt und bringt uns nicht weiter.

  • Düsselbarsch

    Düsselbarsch

    @ Direktlieferant

    Was daran "Ablenkungsplauderei" sein soll, verstehe ich nicht. Richtig ist natürlich: Auch neben Amazon gibt es noch genügend Arbeitsverhältnisse, die verbessert gehören. Aber außer dem gewerkschaftlichen Weg fällt mir in der Tat kein anderer ein, dieses zu erreichen.

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