Eisbrecher-Tour

Voneinander lernen

Eisbrecher # 5: Bei der Erkundung neuer Wege lassen sich reichlich „learn nuggets“ einsammeln. Gründer, Old-School-Verleger und Buchhändler nutzten die Chance in Köln, der fünften Station der Eisbrecher-Tour. VON NILS KAHLEFENDT

„Spürbar anders“ steht an der roten Litfass-Säule vorm Hotel, gemeint sind die Fußballer vom Kölner FC. Die Geißböcke ahnen noch nicht, dass sie am Freitagabend bei den Bayern unter die Räder kommen werden. Spürbar anders als sonst geht es am Donnerstagabend auch in der KunstSalon Location im Kölner Süden zu, der fünften Eisbrecher-Station des Börsenverein-Start-up-Clubs. „Präsentationen aus unserem Haus sind in der Regel 85 Folien lang“, scherzt Christian Wala, der als Marketing-Chef Publishing von Wolters Kluwer Deutschland, unserem Gastgeber, die Begrüßung übernimmt – heute kommt er mit deutlich weniger aus. Wala ist zuständig für den klassischen Buchbereich, Loseblattwerke, Zeitschriften – die „old economy“ gewissermaßen, mit der der Konzern noch das meiste Geld einfährt. Doch auch hier geht die Entwicklung klar in Richtung integrierter Anwendungen. „Das heutige Geschäft ist mehr und mehr in die Workflows unserer Kunden eingebunden.“ Damit steht auch ein Konzern wie Wolters Kluwer strukturell vor ähnlichen Herausforderungen wie die Start-ups, die sich im Kunstsalon unter großen Papierlampions präsentieren. Klar, dass sich die Gastgeber die ein oder andere Anregung von diesem Abend erhoffen. Vor allem sind sie neugierig: Wie ticken sie, die Start-ups?

Die digitale Kinderbuchhandlung

Manchmal beginnt etwas Neues, indem man an Grenzen stößt. So war es auch, als sich die Kinderbuchautorin und Illustratorin Anna Karina Birkenstock mit dem Medien-Designer Caspar Armster zusammentat, um die Kinder- und Jugend-E-Bookhandlung Buchlichter zu gründen. Die Verlage, mit denen Birkenstock bislang zusammenarbeitet, scheuten das Risiko, E-Book-Versionen ihrer Kinderbücher auf den Markt zu bringen – also ging man kurzerhand selbst in Vorlage. Doch wer A sagt, und nicht unter „ferner liefen“ bei Apple, Amazon & Co. landen will, denkt weiter. So war die Idee zu einer kleinen, feinen, unabhängigen E-Bookhandlung, die das Know-how einer klassischen Kinder- und Jugendbuchhandlung in den digitalen Raum überträgt, bald gefasst. Sie könnte das Angebot von Indie-Plattformen wie Minimore sicher sinnvoll ergänzen. Buchlichter setzt bei seiner Auswahl auf redaktionell betreuten Content, nicht auf Algorithmen. Pädagogen, Buchhändler und, nicht zuletzt, Kinder und Jugendliche selbst sollen das Angebot unverwechselbar machen. „Wir wollen unsere E-Books thematisch, nach Lesealter und technischer Umsetzung sortieren – nicht einfach nach Verkaufsrang in einer Liste“, so Caspar Armster, der im Brotberuf als TV-Setdesigner für diverse ARD-Anstalten arbeitet. Technisch setzt Buchlichter auf das kopierschutzfreie Epub3-Format; die mit Vorlesefunktion, Ton oder Animation angereicherten E-Books sollen direkt im Webbowser, demnächst über eine selbst entwickelte App (iOS und Android) zu lesen sein. Momentan arbeitet das kleine Buchlichter-Team, zu dem zwei IT-Entwickler gehören, mit einer Kinder-Bibliothek zusammen und setzt auf Blogger, um ihren Bekanntheitsgrad bei Eltern und der jungen Zielgruppe zu erhöhen. Kontakte zu profilierten Kinderbuchläden quer durch die Republik sind ebenso erwünscht wie potenzielle Investoren – derzeit stemmen die Macher von Buchlichter ihr Projekt noch aus eigenen Rücklagen.

Literaturkreis 2.0

Als Facebook-Chef Mark Zuckerberg Anfang des Jahres die Öffentlichkeit mit der Idee eines eigenen virtuellen Buchclubs überraschte und dafür die Facebook-Seite „A Year of Books“ einrichtete, gab es zwar einige Häme, dafür war der gute, alte Lesekreis mal wieder in aller Munde. Jede zweite Woche will der viel beschäftigte CEO ein neues Buch lesen und darüber mit seinen Followern diskutieren. Ein neues Phänomen? Mitnichten, denkt man an die Lesegesellschaften und Literatursalons früherer Jahrhunderte. Fakt ist: Lese- und Literaturkreise erfreuen sich wachsender Beliebtheit, nicht nur in den USA: Rund 36.000 solcher Zirkel mit geschätzt 360.000 Mitgliedern soll es in Deutschland, Österreich und der Schweiz geben. Das Prinzip, nach dem sie funktionieren, ist denkbar einfach: Gemeinsam wählt man Bücher aus, die jedes Gruppenmitglied für sich liest; in regelmäßigen Treffen wird das Erlesene anschließend diskutiert. Für Kerstin Hämke, die als Marketing-Frau in der Konsumgüter- und Telekommunikationsbranche gearbeitet und vor 12 Jahren einen eigenen Lesekreis gegründet hat, war der Social-Reading-Gedanke Initialzündung einer Geschäftsidee: Mit Mein-Literaturkreis.de hat sie die erste (und bislang einzige) Online-Plattform für Lesekreise im deutschsprachigen Raum angeschoben. Gestartet ist die Seite als Ratgeber-Plattform mit Tipps zur Gründung und Organisation von Literaturkreisen, nach und nach soll sie auch als Online-Community nutzbar werden, über die sich die Gruppen organisieren. Doch Hämkes Vision reicht weiter: „Auch für Profis in den Verlagen wollen wir kompetenter Ansprechpartner zum Thema Lese- und Literaturkreise werden.“ Das klingt schlüssig, sind doch deren Mitglieder nicht nur Vielleser und –käufer, sondern oft auch Meinungsführer in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld. So plant Hämke nicht nur Werbe- und Kooperationsangebote, sondern auch Seminare und Beratung für Verlage, die zielgerichtet auf Leser-Communities zugehen wollen. Während Portale wie lovelybooks eher auf jüngere, internetaffine Zielgruppen zugeschnitten sind, ist der Fokus von Mein-Literaturkreis.de deutlich breiter. Läuft alles nach Plan, soll aus Hämkes Hobby bald ein tragfähiges Geschäftsmodell werden. In der Nische bewegt sich die PR-Frau nicht – allein in ihrem Heimatort Bad Honnef existieren 20 verschiedene Gruppen: „Der Trend geht zum Zweit-Literaturkreis.“

Digitale Karteikarten

Während sich Anna Karina Birkenstock, Caspar Armster und Kerstin Hämke noch in der kräftezehrenden Gründungsphase befinden, ist Patrick Schmidt, einer der beiden Chefs der Wiesbadener Software-Schmiede Brainyoo und eben von der Didacta zurück, schon ein gutes Stück weiter: 15.000 Entwicklerstunden stecken bereits in ihrer E-Learning-Software, die das Prinzip der guten, alten Karteikarte „auf Spotify-Niveau“ bringen soll: Der erste Baustein des Systems entstand 2004, als Filip Lyncker, einer der heutigen Geschäftsführer, einen simplen Vokabeltrainer programmierte, um einfacher Portugiesisch zu lernen. Im Rahmen einer studentischen Kooperation wurde daraus Schritt für Schritt ein E-Learning-Tool zum effizienten Auswendiglernen umfangreicher Inhalte. Mit im Boot saßen etwa Studenten, die fürs juristische Staatsexamen büffelten. Grundlage der „Digital Learn Nuggets“ ist Sebastian Leitners Lernkarteisystem, bei dem in pädagogisch sinnvollen Abständen die Lerninformationen wiederholt aufgerufen werden, bis sie sich im Langzeitgedächtnis festgesetzt haben. Mit der Software können Karteikarten einfach und kostenlos erstellt werden, gepaukt wird dann in der morgendlichen S-Bahn, während der Mittagspause oder sonntags im Bett: Die Kombination aus Cloud, Desktop-Anwendung und Karteikarten-App macht es möglich, dass erstellte Lernkarten auf jedem Endgerät auch offline zur Verfügung stehen. 2013 und 2014 wurde die Brainyoo-Software im Rahmen des Innovationspreises IT der Initiative Mittelstand mit dem Siegel "Best of IT" im Bereich E-Learning ausgezeichnet. Inzwischen bieten die Wiesbadener ihre Lösungen auch im B2B-Bereich, etwa der unternehmensinternen Aus- und Weiterbildung, an.

Vom Zauber des Aufbruchs

Mitarbeiter, die interaktiv, mobil und standortunabhängig lernen? Lesezirkel vielleicht auch mal für jugendliche Buch-Muffel? Und eine digitale Kinderbuchhandlung, so engagiert und fantasievoll betrieben wie das Lieblings-Sortiment am Ort? Bei Kölsch und Häppchen steckten Gründer, Old-School-Verleger und Buchhändler an diesem Kölner Abend noch lange die Köpfe zusammen. Die Erkundung neuer Wege, das Erreichen neuer Ziele: Das ist es wohl, was alle hier treibt. Die Visitenkarten sind getauscht, vielleicht auf bald: in Leipzig!

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