Rezension: Andre Wilkens | Analog ist das neue Bio | Metrolit

Risiken und Nebenwirkungen des Digitalen

Jede Menge Denkanstöße für das ganz persönliche Nutzungsverhalten im Netz

Die Risiken und Nebenwirkungen des Digitalen sind das eigentliche Kernthema des Buches von Andre Wilkens. Klingt aber nicht so cool und griffig, weshalb Wilkens die Analogie zwischen »Analog« und »Bio« ins Zentrum seines Buches stellt. In der ersten Hälfte erörtert der Autor Chancen und Risiken des Digitalen, während er in der zweiten Hälfte konkrete analoge Alternativen aufzeigt.

Den Einstieg bildet ein kurzer Abriss der rasanten digitalen Entwicklung durch die letzten Jahrzehnte. Diese Entwicklung wird fast jeder, der heute mitten im Berufsleben steht, so oder ähnlich mitgemacht haben, sie bietet aber gerade deshalb ein gutes und griffiges Entrée ins Thema. Außerdem erklärt sich der Autor hier als Fan des Digitalen in Beruf und Alltag, der durchaus empfänglich ist für die Vorteile und Annehmlichkeiten, die computergestützte Systeme und das Internet mit sich bringen. Danach gibt der Autor ordentlich Gas und nimmt den Leser mit auf einen Parforceritt durch aktuelle visionäre Ansätze, die das Digitale als Lösung etlicher großer Probleme ansehen.

Angefangen bei smarter Sicherheit, digitaler Medizin und Selbstvermessung, Klimawandel, Sprachbarrieren, gesunde Ernährung bis hin zum glücklichen Dasein. Kein Thema scheint zu groß oder zu komplex zu sein, als dass es nicht anhand digitaler Ansätze gelöst werden könnte.

Diese teils etwas zu kurz geratene Betrachtung dient aber vor allem als Basis für die nächsten  zwei Teile, in denen Wilkens die Risiken des Digitalen aufzeigt. Hier geht es um digitale Überwachung oder der Ablösung des Menschen durch Maschinen in Arbeit und Alltag. Danach diskutiert er im Kapitel »Dialektik Digital« Fluch und Segen des Digitalen. Hier thematisiert er sehr fundamentale Themen wie die politische Kontrolle durch smarte Algorithmen und Überwachungssysteme oder die Steuerung des Konsumverhaltens, aber auch, wie die Sprachsteuerung moderner Smartphones Autisten beim Lernen von Kommunikationsmustern helfen kann. Von der Schilderung der Auswirkungen des Digitalen auf Medien und Meinungsbildung geht er nahtlos über zu Betrachtungen über die Auswirkungen des Digitalen auf das Glück der Menschen. Anhand zahlreicher konkreter Beispiele zeigt der Autor in diesem Teil auf, wie weit unser Leben schon ganz konkret von Algorithmen und digitaler Logik durchdrungen ist. Diese wichtige Botschaft verstärkt er wiederum durch einen Ausblick auf künftige digitale Szenarien, die mehr oder weniger bedrohlich daherkommen.

Damit hat der Autor eine Brücke zum zweiten Teil geschlagen, in dem er Steuerungsmechanismen auf politisch gesellschaftlicher Ebene vorstellt, ergänzt durch konkrete Handlungsanweisungen für den alltäglichen Umgang. In diesem Teil geht es dem Autor um die Zähmung und Bändigung der digitalen Entwicklung. Als Werkzeuge empfiehlt er konkrete Maßnahmen wie transparente und verständliche AGBs für digitale Angebote und die Notwendigkeit gesetzlicher Regelungen für ein demokratisch legitimiertes und offenes Internet. Über die Diskussion des globalen Charakters alles Digitalen und der damit einhergehenden Marktmacht einzelner, zunehmend monopolistisch agierender Akteure kommt er zu den wichtigen Themen Überwachung und Maßnahmen für Sicherheit, die jeder einzelne ergreifen kann. Damit wiederum hat der Autor einen Übergang zu den analogen Maßnahmen, die jeder Einzelne ergreifen kann, um sein Leben weniger digital zu gestalten.

Einige dieser alphabetisch geordneten Maßnahmen mögen manchem Digtaljunkie spannende Denkansätze geben, dass nicht alles im Alltag per Smartphone und Internet gelöst werden muss, andere kommen allerdings etwas esoterisch oder versponnen daher.

Insgesamt schafft es der Autor auf knapp 200 Seiten viel Material und Denkansätze zur rasant stattfindenden digitalen Entwicklung aufzubereiten. Eine Grundsätzliche Stärke bezieht das Buch aus der Tatsache, dass hier kein reiner Prophet des Digitalen oder Analogen schreibt, sondern ein ganz normaler Anwender und Nutznießer digitaler Entwicklungen, der ausgehend von aktuellen Entwicklungen anfängt, sich mit den tieferen Folgen und deren künftigen Auswirkungen zu beschäftigen. Damit zeigt Wilkens die Breite der Themen auf, die das Digitale ganz konkret beeinflusst und gibt dem Leser jede Menge Denkanstöße. Sowohl für gesellschaftlich und politische Entwicklungen, aber auch für das ganz persönliche Nutzungsverhalten.

 

1 Kommentar/e

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  • skreutzer

    skreutzer

    Wir werden eben in der einen oder anderen Form so etwas wie eine Ethik im Digitalen brauchen, ganz analog zur Entstehung der Gewerkschaften in der Zeit der Industrialisierung. Weil sich die Technik schneller wandelt als die Mentalität der Leute, kann das auch noch eine Weile dauern. Richtig schlimm wird es, wenn die existierenden Machtverhältnisse als gegeben angesehen werden, statt sich selbst eigene Lösungen zusammenzuhacken.

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