Leipziger Buchmesse

Eröffnungsrede von Vorsteher Heinrich Riethmüller

"Haben wir in der Vergangenheit immer klar genug Position bezogen, wenn Presse- und Meinungsfreiheit eingegrenzt wurde?" Warum sich Buchhändler und Verleger dieser Frage stellen müssen, machte Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller am Mittwochabend im Gewandhaus deutlich. Seine Eröffnungsrede zur Leipziger Buchmesse im Wortlaut.

"Für das Wort und die Freiheit"

Wenn man als Vorsteher des Börsenvereins, dem traditionsreichen Verband von Verlegern und Buchhändlern, eine Buchmesse eröffnet, spricht man üblicherweise über das vergangene Jahr. Wie hat sich der Buchmarkt entwickelt, welche Perspektiven ergeben sich? Man spricht über wirtschaftliche Erwartungen und Einschätzungen. Ich gestehe, dass mir das angesichts der Ereignisse der letzten Monate, die auch das Selbstverständnis unserer Branche herausfordern, dieses Jahr schwer fällt. 

Haben wir in der Vergangenheit immer klar genug Position bezogen, wenn die Presse- und Meinungsfreiheit eingegrenzt wurde? Dieser Frage müssen wir uns stellen. Verleger und Buchhändler transportieren Gedanken, Ideen und Meinungen von Autoren, die dafür immer häufiger von politischen oder religiösen Extremisten zum Freiwild erklärt werden. Immer häufiger geschieht es weltweit, dass Journalisten und Menschen, die für Meinungsfreiheit eintreten, verfolgt und ausgegrenzt werden. 

Doch bleiben wir im Land: Wie kann es passieren, dass sich ein Begriff wie "Lügenpresse" in Deutschland ausbreitet? Zu Recht wurde er jetzt zum Unwort des Jahres erklärt. Das alles sind Hinweise darauf: Wir müssen bei diesem Thema aufmerksam bleiben.

"Für das Wort und die Freiheit" - mit Plakaten und auf Werbeflächen weist der Börsenverein deshalb auch ab morgen auf der Leipziger Buchmesse auf die Verantwortung und den Einsatz der Verlage, Autoren und Buchhandlungen für die Presse- und Meinungsfreiheit hin. 

Was vermag Literatur bei diesem Thema zu leisten in einer Welt, die scheinbar immer unmenschlicher und immer stärker von Terror bedroht wird? Was ist ihre Berechtigung? Wie wichtig ist Literatur, sind Bücher? Brauchen wir sie? Oder ist die Beschäftigung mit Literatur Flucht vor der Wirklichkeit, nur etwas für Träumer und Intellektuelle?

"Ideen kann man nicht mit Waffen zerstören"

Nein, das ist sie nicht. Literatur transportiert Ideen, und Ideen kann man nicht mit Waffen zerstören. Ideen sind Grundlage für Veränderung, sind Ausdruck für Menschlichkeit und sind Voraussetzung für eine offene Gesellschaft.  

Viel ist über die Anschläge in Paris auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" geschrieben worden. Alle Analysen sind sich darin einig, dass mit diesem feigen brutalen Angriff und der Exekution der Redakteure nicht nur Menschen unendliches Leid zugefügt wurde, sondern dass die Presse- und Meinungsfreiheit im Kern getroffen werden sollte. 

"David Grossman - einer, von dem wir lernen können"

Einer, von dem wir lernen können, wie wir mit Gewalt umgehen und in einer bedrohlichen Welt leben können, ist David Grossman, der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2010. David Grossman hat am eigenen Leib erfahren müssen, was Hass, Krieg und das Unverständnis für die Kultur und die Religion des anderen mit Menschen machen können. Sein Sohn wurde Opfer des jahrelangen Krieges im Nahen Osten; und dennoch wagt David Grossman den mutigen Weg der Verständigung, des Ausgleichs - der in Israel alles andere als unumstritten ist - in einer Welt, wo ein ganzes Volk von Feinden umgeben ist. Wo sich die Gewalt verselbständigt hat und immer weiter eskaliert.

Wie kann da der Einzelne noch ein würdevolles Individuum sein, und wie - so fragt der Schriftsteller, der kein Gewehr in der Hand trägt, sondern sich nur mit Worten wehrt - kann Literatur uns dabei helfen? David Grossman: "Literatur ist die völlige Hingabe an den Einzelnen, an sein Recht, Individuum zu sein, und ebenso an seine Schicksalsgemeinschaft mit der ganzen Menschheit. Literatur ist ein Ausdruck des Staunens über das Geheimnis des Menschen, seine Komplexität, seinen Reichtum und seine Schatten... Die Literatur vermag es, uns allen unser Menschengesicht zurückzugeben." 

"Literatur zeigt, was den Menschen im Kern ausmacht"

Gerade bei dieser Messe, deren Schwerpunktthema die deutsch-israelische Versöhnung und die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vor 50 Jahren ist, wollen wir uns an die Kraft und Wirkung von Literatur erinnern. Es war und ist immer die Literatur, vor allem im deutsch-jüdischen Verhältnis, die uns eine Idee davon gibt, was den Menschen im Kern ausmacht, zu was er im Guten wie im Schlechten  fähig ist.

Literatur transportiert Ideen. Auch darüber, wie unsere Welt vielleicht in Zukunft aussehen wird, wie sie sich durch den digitalen Kapitalismus mit einer enormen Geschwindigkeit verändert und wie sie in Teilen aus dem Lot zu geraten scheint. Man denke beispielsweise an den vor über 75 Jahren erschienenen und ahnungsvollen Roman von George Orwell, "1984", oder den aufrüttelnden aktuellen Roman von Dave Eggers, "Circle", die eine Welt beschreiben, in der es keine Individualität mehr gibt, in der alles bestens organisiert ist und die Menschen scheinbar in Sicherheit, Glück und Wohlstand leben. 

Nicht nur Jaron Lanier, der Friedenspreisträger des vergangenen Jahres, warnt davor, dass wir uns leichtfertig und aus Bequemlichkeit in die Hand weniger Firmen begeben, die uns manipulieren und eine Welt ohne Menschlichkeit schaffen. Die Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Und eine menschliche Welt braucht Vielfalt und sie braucht Werte. Sie braucht Raum für Austausch von Gedanken, sie braucht eine Struktur. 

Für diese Vielfältigkeit steht die Buchbranche, stehen Autoren, Verlage und Buchhandlungen. Wenn ein Unternehmen die ganze Wertschöpfungskette vom Autor bis zum Leser in seine Hand bekäme, wäre das nicht nur ein wirtschaftliches Desaster, sondern auch eine gesellschaftspolitische Katastrophe. Wenn die auf der Welt einmalige Infrastruktur des deutschen Buchhandels, und damit der wichtigste Umschlagpatz für Gedanken und Ideen nicht mehr existierte, würde unsere Welt deutlich ärmer.

"Die Werte einer freien Gesellschaft"

Damit diese Infrastruktur erhalten bleibt, müssen alle mitwirken: Verleger und Händler, Politiker und nicht zuletzt auch die Leser. Händler und Verleger müssen immer wieder neu aktuelle und auch medienübergreifende Angebote entwickeln, die ihre Kunden begeistern und herausfordern. Politiker müssen sich aktiv – und gerade in den Verhandlungen beim Freihandelsabkommen – für die Buchpreisbindung und die Werte einer freien Gesellschaft einsetzen, weil nur dann das breite Buch- und auch Bildungsangebot gewährleistet werden kann. Und Leser sollten beim Kauf von Büchern eben nicht nur und allein an ihre Bequemlichkeit denken, sondern bewusster einkaufen. 

Wem Werte wie Vielfalt, kultureller Austausch, Meinungsfreiheit, persönliche Bindung, Individualität und Bildung wichtig sind, der kann die Welt nicht denen überlassen, die sich anschicken, nicht nur unsere Welt zu erobern, sondern sie auch zu kontrollieren. Dabei bliebe viel Überlebenswichtiges auf der Strecke, nicht nur das Wort und die Freiheit. 

Vielfalt in der Literatur  ist ein Zeichen von Freiheit. Unsere Branche steht für diese Vielfalt, und die Leipziger Buchmesse zeigt sie mit ihren vielen Ausstellern und in über 3000 Veranstaltungen in den nächsten Tagen. Wir freuen uns auf den Austausch, die Debatten, die Autoren. 

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

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