Cory Doctorow auf der re:publica

Privatsphäre ist Teamarbeit

Eine vollständig computerisierte Welt mag auf den ersten Blick praktisch für die Menschheit erscheinen. Aber sie dient auch der kompletten Überwachung. Davor warnte Science-Fiction-Autor und Blogger Cory Doctorow auf der re:publica.

Dass gegenwärtige Technologien immer auf den Fersen von Science Fiction sind, weiß wohl kaum jemand besser als der kanadische Autor und Blogger Cory Doctorow. Der moderne Überwachungsstaat ist oft Thema seiner Romane (Little Brother) und Blog-Posts (Boing Boing) – wie auch seiner mal heiteren, mal dystopischen Keynote auf der re:publica. Doctorow trägt ein schwarzes T-Shirt mit Angela-Merkel-Print.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist unsere vollends computerisierte Welt, in der selbst der menschliche Körper mehr und mehr technisch ergänzt wird. Computer können unsere wichtigsten Organe und Körperfunktionen unterstützen – und werden sie alsbald ersetzen können. Die zunehmende Cyborgisierung ist für Doctorow jedoch nur ein Einfallstor staatlicher Kontrolle. Denn genauste Überwachung ermöglichten wir ohnehin: Wir brauchen keine elektronischen Fußfesseln, denn wir tragen sie täglich in unseren Hosentaschen. Über Smartphones kann der moderne Überwachungsstaat zum Innersten seiner Bürger durchdringen, ihn zur Toilette und ins Bett begleiten. Oder zur Demonstration: In der Ukraine wurden Maidan-Demonstranten über ihre Smartphones identifiziert.

Schaden für den Sozialstaat

Die staatlichen Möglichkeiten zur Überwachung sind heute effizienter denn je. Während die Stasi zu Höchstzeiten 16,1 Millionen DDR-Bürger mit 264.000 Informanten und Spionen überwachte (ein Spion für 60 Bürger), werde die ganze Welt heute von ein paar hunderttausend US-Agenten überwacht - und das weitgehend bereitwillig. Mehrfach hat Doctorow in der Vergangenheit Angela Merkel kritisiert, als sie die NSA mit der Stasi verglich. Die NSA ist tatsächlich viel mächtiger.
Die Sicherung der Privatsphäre werde heute immer schwieriger, sagt Doctorow. Der Staat nutzt Software-Schwächen und entwickelt immer neue Methoden zum Eindringen in die Computer seiner Bürger. Ein technisch hochgerüsteter Sicherheitsapparat schade wiederum dem Sozialstaat: Je höher die Überwachungsausgaben, desto niedriger sind die sozialen.
Kryptographie sei deshalb längst nicht das wichtigste Problem unserer Zeit – das seien Flüchlingsströme, der Klimawandel, die Arm-Reich-Schere und Diskriminierung. Doch ohne ein freies, offenes Internet würden sich alle anderen gegenwärtigen Probleme nicht lösen lassen.
Wie aber soll das zu schaffen sein? Gemeinsam, schließt Doctorow seine Rede: Privatsphäre ist Teamarbeit. Die Akteure für ein freies Internet sind schon da. Nun müssten sie (nur noch?) von bewussten Internetnutzern unterstützt werden.

Dieser Artikel ist übrigens ein Auszug aus dem re:publica Reader 2015, der gemeinsam von der Berliner Zeitung, der Deutschen Journalistenschule (DJS) und der Self-Publishing-Plattform epubli in Kooperation mit der re:publica herausgegeben wird. Für alle Leser von Book-Bytes, die nicht an der re:publica teilnehmen konnten und für jene, die die Highlights noch einmal in Ruhe nachlesen möchten, gibt es den re:publica Reader von Tag 3 bis zum 8. Mai, 12:00 Uhr, kostenlos. Danach ist er in allen gängigen eBook Shops für 2,99 € erhältlich.

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