Stationäres Geschäft

Rezensiert den Handel!

Buchläden sind der blinde Fleck der Literaturkritiker. Dabei könnten Besprechungen einzelner Sortimente viel zur Geschmacksbildung von Buchkäufern beitragen. Findet Marc Reichwein, selbst Buchrezensent.

Soeben endete die Bewerbungsfrist für den neu ausgeschriebenen Deutschen Buchhandlungspreis. Im Herbst wird er erstmals verliehen – sicher scheint schon jetzt: So wie der Deutsche Buchpreis in seiner Shortlist-Logik mitbestimmt, welche Neuerscheinungen die Feuilletons Saison für Saison besprechen, so könnte auch der Deutsche Buchhandlungspreis journalistische Aufmerksamkeit binden. Natürlich vor allem für solche Läden, die qua Auszeichnung als porträtierwürdig definiert worden sind. Das wäre im Sinne der Initiative von Monika Grütters. Es wäre auch im Sinne der Branche, die sich seit Jahren mit eigenen Gütesiegeln (»Buy Local«) wappnet. Und es passt in unsere Zeit, in der schwärmerische Prachtbildbände und praktische Reiseführer gleichermaßen erklären: Es gibt sie noch, die gute, inhabergeführte Buchhandlung.

Bei allem Verständnis dafür, Buchkonsumenten in Manufactum-Manier für Fragen zu sensibilisieren wie: Was macht eine gute Buchhandlung überhaupt aus? Kaufe ich (online wie offline) lieber lokal oder egal, wo – und wenn ja, warum? Man muss auch einmal ketzerisch gegenfragen: Würde dem Bucheinzelhandel nicht auch ein wenig mehr Kritik helfen? Wenn man journalistische Literaturberichterstattung als kritische Disziplin versteht, die nicht nur die Literatur selbst, sondern ebenso ihre buchmarktbezogene Produktion, Distribution und Rezeption im Blick hat, dann kann man sich nur wundern, dass es keine Buchladen-Besprechungen gibt in Deutschland, der Mutternation des inhabergeführten Buchhandels.

Warum schreiben Literaturkritiker so selten über Buchhandlungen? Vielleicht, weil sie sich so selten in ihnen aufhalten? Tatsächlich bekommen sie Bücher in der Regel als Besprechungs­exemplare zugeschickt. Sie haben es berufsbedingt mit Verlagsauslieferungen, nicht mit Ladenlokalen zu tun. Buchhandlungen sind der blinde Fleck der Literaturredakteure.

Nur – die Tradition beweist, dass gute Feuilletonisten sehr wohl auch immer gute Buchladenflaneure waren. Sigismund von Radecki etwa schrieb in seiner Sammlung »Nebenbei bemerkt« ganz wunderbar auf, wie man beim Stöbern in einem Antiqua­riat »den einen, wahren Jagdmoment« verspüren kann, der ­einen später teuer zu stehen kommt. Und ein Robert Walser lässt sich in seiner Erzählung »Der Spaziergang« denkbar ausführlich zu einem Bestseller beraten, um am Ende keck zu gehen: Danke, doch nicht, kaufe nix.
Auch solche Szenen finden in Buchhandlungen statt. Und sie zeigen, dass Geschäfte nicht nur als Einkaufsorte gesehen werden sollten. Buchladenflaneure und -rezensenten könnten uns – wie einst Loriot mit seinem Sketch »Krawehl, krawehl!« (siehe YouTube) – bewusst machen, warum Buchhandlungen selbst in ihren peinlichsten Momenten Orte sind, an denen mehr passiert als ein bloßer Mausklick auf den virtuellen Einkaufswagen.

Buchladenbesprechungen könnten uns erzählerisch helfen, uns selbst zu vergewissern, welche Art von Buchkauf wir eigentlich wollen: Online oder offline? Algorithmenbasiert oder auf persönlich mitgeteilten Lektüreerfahrungen beruhend? Das Verrückte wie Spannende ist, dass wir Buchkäufer das selbst nicht immer so genau wissen. So wenig unser literarischer Geschmack monolithisch ist, so wenig beschränken wir uns konsumideologisch auf ein einziges Vertriebsmodell.

Buchladenrezensionen (übrigens auch Verrisse!) könnten dazu beitragen, anspruchsvolle, aufgeklärte Buchkäufer zu bilden. Geschmacksbildung kann nur stattfinden, wenn jemand erzählend begründet, warum dies oder jenes so sehr oder so gar nicht nach seinem Gusto war. Um unseren inhabergeführten Buchhandel vor Ort zu erhalten, müssen wir journalistisch thematisieren, was wir an ihm haben – und kritisieren, was wir eventuell an ihm vermissen. Der Buchladenkritiker verfügt über ein Geschmackssensorium, an dem er andere teilhaben lassen kann. Auch die Orte des Bucherwerbs sind Kultur. Die gepamperten Literaturredakteure haben das fast vergessen.

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4 Kommentar/e

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  • Finny

    Finny

    Schöne Idee, aber das machen Lietratur-Blogs längst! Dass Zeitungen da offenbar hinterher hinken, liegt wohl an den Chefredakteuren. Ich jedenfalls höre immer nur, es gäbe ja vieel zu wenig Platz für irgendwas Neues. Erst müssen die üblichen Themen rein: "Wir haben ja nur xyz blabla Seiten, das müssen Sie verstehen...". Und hinter vorgehaltener Hand hat mir auch schon mal jemand gesagt, dass Buchbesprechungen vorgehen - und zwar nicht die von irgendwelchen Short- oder sonstwie-Listen, sondern von Büchern, für die die Verlage Anzeigen schalten. So profan ist das ?! Das wäre natürlich traurig. Da Sie für mich da der Experte sind, nutze ich die Gelegenheit zu fragen: Stimmt das wirklich???

  • Gerald Grüneklee

    Gerald Grüneklee

    Gute Idee - da wäre ich dabei. Bei meinem Newsletter stelle ich (fast) immer kurz ein paar Buchläden vor, siehe z.B. http://www.ziegelbrenner.com/neunter-einwurf-des-z iegelbrenners/ - teils auch aus den Empfehlungen meiner Newsletter-EmpfängerInnen. Das ist natürlich ausbaufähig und auf Print-Medien übertragbar. Das vielfach das redaktionelle Umfeld nach den (möglichen) Ineteressen von Anzeigenkunden geschaffen wird ist nun leider kein Geheminis mehr, das ist eine Entwicklung, die schon seit Jahrzehnten läuft - und bei der als Konsequenz dann die Erscheinungen weniger zahlungskräftiger, kleiner Verlage meist unter den Tisch fallen. Wobei anzumerken wäre, dass die Kritik es hierzulande ja ohnehin schwer hat, vgl. das interessante und doch recht stiefermütterlich wahrgenommene Projekt der Rezensionszeitschrift "Listen".

  • Finny

    Finny

    Ich finde es ein bisschen schade, dass der Autor hier nicht antwortet. Immer seltsam, wenn man was im web veröffentlicht, ohne in Dialog zu treten.

  • Marc Reichwein

    Marc Reichwein

    Die ausgebliebene Antwort war rein krankheitsbedingt. Natürlich liegt der Fokus für Literaturthemen im Feuilleton auf Büchern. Aber auch Buchläden gehören zum literarischen Leben, keine Frage, und können Gegenstand entsprechender Reportagen sein.

    http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article 134432665/Wo-Buecher-noch-artgerecht-gehalten-werd en.html

    Die Korrelation zwischen Anzeigen und redaktionellen Inhalten ist ein immer wieder gern vorgebrachter Vorwurf, der von den wenigen wissenschaftlichen Erhebungen zum Thema allerdings nie bestätigt wurde. Die Kanonisierungsfunktion der Shortlist hingegen würde ich durchaus sehen. Auch hierzu müsste mal jemand die vom
    Perlentaucher oder vom Innsbrucker Zeitungsarchiv dokumentierten Rezensionen auswerten und fragen, in welcher Breite sich die Buchpreis-Kandidaten abbilden.

    Das Plädoyer geht also in Richtung Feuilletonforschung. Die muss validieren, was wir hier nur behaupten.

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