Neue Bilderbücher

Starke Bilder, große Vielfalt

Bei dieser Auswahl an grandiosen Bilderbuchgeschichten kann man sich gar nicht entscheiden: Die Schauplätze führen vom Bett des Mondes in einem See über den Wilden Westen bis zur Blumenparade nach Nizza. Unsere Empfehlungen im Herbst auf boersenblatt.net (und haben Sie ein Auge auf die Tipps im gerade erschienenen Börsenblat-Spezial "Kinder- und Jugendbuch"). VON STEFAN HAUCK, VANESSA KREDEL, JANICA KUHR, LOTHAR SAND

Eine großartig durchkomponierte Geschichte ist Nele Brönner in ihrem Kinderbuch-Debüt gelungen: Im Stil einer Fabel erzählt sie vom durstigen Fuchs in der Wüste, der von den Tieren dringend einen Tipp braucht, wie er zu Wasser kommen kann. Wirkungsvoll setzt Brönner aus Tausenden beiger Striche eine flirrende Wüste zusammen, abstrahiert Bäume bis zur Zeichenhaftigkeit und choreographiert in Marcscher Manier die Tierkörper zu Beziehungsgeflechten. Dramaturgisch geschickt steigert sie die Spannung bis zum letzten Versuch des Fuchses, die egoistischen Affen zu überlisten, um ihnen ihr Geheimnis vom Standort des Wasserlochs zu entlocken.

Nele Brönner: "Affenfalle", Luftschacht, 32 S., 21,30 €, ab 4

Warum ändert der Mond eigentlich jede Nacht seine Form? Adelheid Dahimène liefert in diesem besonderen Buch ihre ganz eigene Erklärung: Der Mond sucht allabendlich ein Nachtquartier am Grund eines Sees. Der Seewächter verlangt als Obolus jedoch einen Teil des Mondleuchtens, bis der dunkle Mond eines Abends mit leeren Händen da steht. Da baut der Mond dem Wächter ein Luftschloss und erhält als Gegenleistung Stück für Stück sein Leuchten zurück. Bemerkenswert sind die Bilder von Verena Ballhaus, die einen breite Mischung aus verschiedenen Kunsttechniken vereinen, viele Details zum Entdecken bergen und in sich gelungen harmonisch wirken.
Adelheid Dahimène, Verena Ballhaus: "Mondschein hin, Mondschein her", Nilpferd Verlag, 32 S., 19,99 €, ab 4

Die Hose waschen ist ok, aber den Inhalt der Taschen will Jim nicht wegschmeißen: Papa kann ja auch nicht ahnen, dass der unscheinbare Knopf schon drei Mal um die Welt gereist ist und der kleine Stein die Spitze eines Gletschers ist, den ein Riese angeknabbert hat. Jim erfindet und fabuliert – und Jens Rassmus hat farbkräftige, dynamische Bilder daraus gemacht. Jims Papa schaut und staunt und ist begeistert – wir auch!
Petra Postert, Jens Rassmus: "Das brauch ich alles noch!", Tulipan, 36 S., 14,95 €, ab 3

Immer wieder bestaunt man Meschenmosers Zeichenkunst, wie er mit leicht nervösen, unruhigen Strichen eine Geschichte vorantreibt, wie der Betrachter in den teils skizzenhaft anmutenden Figuren ihren Charakter, ihre Gefühle entdeckt - großartig. Hier erzählt er die Geschichte eines Wesens, von dem die Tiere des Waldes annehmen, es müsste sich um den sagenumwobenen König handeln - weshalb sie begierig auf seine Weisheiten warten. Kinder wissen schnell, um wen es sich da handelt und dass es mit dessen Weisheit nicht so weit her ist - was auch die Tiere bald merken. Ein Unterhaltungsspaß, der die jungen Betrachter zu wichtigen Fragen führt: Wie sinnvoll ist Nachahmung?

Sebastian Meschenmoser: "Herr Eichborn und der König des Waldes", Thienemann, 64 S., 14,90 €, ab 4

Eule hätte gerne Freunde, aber da gibt es ein großes Problem: Sie sammelt Erinnerungsstücke und ihr ganzer Baum ist voll damit. Die anderen Waldtiere finden Eules Sammeltick mehr als merkwürdig und machen deshalb einen großen Bogen um sie. Bis auf Eichhörnchen, das Eule hilft, ihr Haus schweren Herzens zu entrümpeln.  In ihrem neuen Erinnerungs-Museum hat Eule jetzt endlich viel Platz für gespannte Zuhörer und zahlreiche neue Freunde. Mit verspielt-liebevollen Bildern illustriert Anne Schneider die bewegende Geschichte der namenlosen Eule.
Janna de Lathouder, Anne Schneider: "Das ist kein Krimskrams!", Lingen, 26 S., 12,95 €, ab 4

Endlich groß sein – für das Kind in Jonathan Bentleys Buch ein Grund zum Träumen: Hätte es lange Beine wie eine Giraffe, Hände wie ein Gorilla und einen Mund wie ein Krokodil, müsste es nie mehr hinter dem großen Bruder zurückstehen. Aber dann würde es auch nicht mehr in sein Lieblings-Spielhaus passen... Bentley zeigt in seinem Kinderbuch-Debüt mit leuchtenden Aquarellen, dass man gut so ist, wie man ist.
Jonathan Bentley: "Klein und Groß", Lappan, 32 S., 12,95 Euro, ab 3

Sich ausgiebig streiten können alle, besonders die Erwachsenen. Aber je älter man wird, desto schwerer fällt das mit dem Vertragen offenbar. Im Kindergarten gibt es die wunderbare Frau Maiwald mit den duftenden Haaren, die alle zur Ruhe kommen lässt, sich jede Sicht anhört und dann gemeinsam mit den Streithähnen eine gute Lösung sucht. Aber was kann man als kleines Mädchen tun, wenn die Eltern sich nur noch anschreien und ansonsten schmollen und weinen? Man vollbringt ein Wunder – genial einfach und zum Übersehen naheliegend… Maja Bohns starke Bilder schildern mit Farb- und Proportionskontrasten eindringliche Emotionen und regen an zum Nachdenken und Sprechen.
Mathias Jeschke, Maja Bohn: "Was meine Eltern von mir lernen können", Hinstorff, 24 S., 14,99 €, ab 4

Sam ist jetzt ein echter Cowboy – mit einem richtigen Lasso in der Hand! Sofort macht er sich mit seiner besten Freundin Flo und seinem Pony Picco auf den Weg zum Fluss, um das Lasso auszuprobieren. Die ersten Wurfversuche schlagen noch fehl, aber schon bald muss Sam seine Cowboy-Qualitäten unter Beweis stellen, als ein junger Waschbär in den reißenden Fluss zu fallen droht. Im Comic-Stil erschafft Ute Simon eine farbenfrohe Wild-West-Welt rund um Neu-Cowboy Sam und seine Abenteuer.
Antje Szillat, Ute Simon: "Endlich Cowboy", Coppenrath, 32 S., 12,95 €, ab 3

In ihrem umfangreichen Bilderbuch macht Doris Rübel die Gegensätze des Alltags schon für die Kleinsten begreifbar: Detailreiche, humorvolle Buntstiftzeichnungen illustrieren Paare wie kalt und warm, allein und gemeinsam oder auch sauber und schmutzig und laden Kinder ein, sich mit den Begebenheiten ihrer Umgebung vertraut zu machen.
Doris Rübel: "Drunter und Drüber", Carlsen, 106 S., 12,99 €, ab 2

Bruno, ein Hund mit unverwechselbarem rotem Mantel, hat eines Morgens drei Bäumchen vor der Tür stehen. Voller Hilfsbereitschaft nimmt er die drei Kleinen auf, pflegt sie liebevoll und pflanzt sie schließlich auf einer großen Wiese. Erst als sie ihre Blätter verlieren, merkt Bruno, dass etwas nicht stimmt: Er hat das Gießen vergessen. Mit ebenso zarten wie plakativen Zeichnungen illustriert Brunella Baldi Brunos Geschichte, die auf charmante Weise zeigt, dass gut gemeint nicht immer gut gemacht bedeutet …
Maria Theresia Rössler, Brunella Baldi: "Drei Bäume für Bruno", Jungbrunnen, 28 S., 14,95 €, ab 5

Wie gut, dass "Da bin ich" wieder lieferbar ist! In F.K. Waechters Geschichte steht ein kleines Kätzchen vor der Tür und sagt ganz schlicht: „Da bin ich.“ – Was tun? Am besten liebevoll aufnehmen und ihm ein Zuhause geben, denn das Kätzchen in Waechters Buch hat eine lange Reise hinter sich: Kurz nach der Geburt wird es ins Meer geworfen, dabei fast von einem Hai gefressen, kann sich aber knapp retten. Mutig erlegt es den gefräßigen Hai und macht sich über Stock und Stein auf den Weg in ein besseres Leben. Die gedämpften, oft bedrückenden Illustrationen hinterlassen einen bleibenden Eindruck beim Leser. Aktuell wie nie erscheint der wieder aufgelegte Klassiker von 1997 zudem vor dem Hintergrund der Flüchtlingsschicksale dieser Tage.
Friedrich Karl Waechter: "Da bin ich", Diogenes, November, 40 S., 18,00 €, ab 5

Dieses Buch ist eine echte Entdeckung: Vom jüdischen Illustrator Felix Nussbaum 1936 im Exil gezeichnet, waren diese Bilder bis 1990 verschwunden. Die schwarz-weißen Fotografien, ursprünglich für einen Trickfilm vorgesehen, wurden dann 2014 nachkoloriert und mit einer Geschichte versehen. Sie handelt von den Geschwistern Pit und Peggs, die sich mit Freunden auf den Weg nach Nizza zur Blumenparade machen. In einem sonnengelben Auto unterwegs, stoßen sie immer wieder auf Hindernisse, die Pit aber mit einem „Hicks“ einfach aus dem Weg räumt. Angekommen in Frankreich, gewinnt ihr fliegendes, konfettispuckendes „Blumobil“ nicht nur die Herzen der Zuschauer, sondern wird sogar Blumenwagenkönig. Ein fantasievolles Buch, das dank Schaltzeit-Verleger Andreas Illmann 79 Jahre nach Entstehung endlich verlegt werden konnte.
Felix Nussbaum, Frank Hoppmann, Dörte Grimm: "Die Abenteuer von Pit und Peggs", Schaltzeit, 32 S., 16,80 €, ab 4

Der kleine Fuchs ist traurig: Großvater Fuchs ist gestorben, nie wieder werden sie spielen können. Trost findet der Enkel bei Eichhörnchen, Schnecke, Buntspecht und den anderen Waldbewohnern, die - jeder für sich -  ihre ganz eigene  Antwort darauf haben, wo Großvater Fuchs jetzt ist. Die fröhlichen und fantasievollen Schilderungen der verschiedenen Jenseitsvorstellungen laden Eltern dazu ein, mit ihren Kindern über das Thema Tod zu sprechen und lassen erkennen, dass sich die Vorstellungen vom Himmel der Religionen wenig unterscheidet. Dabei harmoniert der metaphorische, von Neologismen geprägte Sprachstil Brigitte Werners mit den an manchen Stellen fast träumerisch wirkenden Illustrationen von Claudia Burmeister.
Brigitte Werner, Claudia Burmeister: "Kleiner Fuchs, Großer Himmel", Freies Geistesleben, 48 S., 16,90 €, ab 5

Das Gleiche und doch vollkommen unterschiedlich. Paradox? Nein, denn die Idee dieses in deutscher und englischer Sprache verfassten Buches ist, dass verschiedene Illustratoren die gleichen Dinge zeichnen. Herausgekommen ist ein bunter und höchst amüsanter Katalog, an dem insgesamt 60 Illustratoren mitgewirkt haben. So kann man beispielsweise 16 unterschiedliche Monster bestaunen oder 17 Todesdarstellungen, die die Einzigartigkeit des Stils und die individuelle Sicht auf die Welt jedes Illustrators offenbaren. Und so sehr sich die Schweine, Roboter, Hüte, Mamas und „das Allerdöfste“ unterscheiden, so sehr divergiert auch die Art ihrer Entstehung: Es wurde gemalt, gezeichnet, geklebt und gehäkelt. Eine visuelle Wunderkiste.
Jutta Bauer, Katja Spitzer: "Das Beste von Allem", Aladin, 144 S., 25 €, ab 6

Schon sehr ungewöhnlich, so ein Bus mit eckigen Rädern - und auf die Frage, ob man den denn brauchen kann, kommen Kinder zu ganz unterschiedlichen Antworten. Mit überraschenden Zeichnungen und Collagen zeigt Stefanie Harjes, was dieser Bus besonderes kann: Er lädt die Menschen ein, mitzukommen: "Wer kein Ziel hat, ist frei. Ich lenke der Busschnauze nach und du schaust dir an, was vor uns liegt und hinter uns bleibt." Eine alte Frau, ein alter Mann, ein Junge mit Träumen, ein streitendes Pärchen (sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt), ein Pfarrer, ein Mädchen, sie alle steigen ein - und auf der Fahrt werden ihnen Eckpunkte des Lebens klar. Philosophie in Bildern.

Stefanie Harjes, Marjaleena Lembcke: "Der Bus mit den eckigen Rädern", Ravensburger, 32 S., 15,99 €, ab 6

Begehrlichkeiten überall: Der Affe möchte zu den Früchten am anderen Ufer des Flusses, die Frau des Krokodils das Herz des Affen. Wie der Affe dem gefährlichen Krokodil entkommt und das den Wünschen seiner Frau, wie aus harmlosem Wunsch bitterer Ernst wird, zeigt Mikolajetz mit einer dramatischen Wucht. Dabei spielt sie mit Perspektiven, Farben, Formen, erzeugt Turbulenzen, sprengt Grenzen, all das mit Witz und einer Gestaltungsfreude, die unwillkürlich auf den Betrachter überspringt.

Anja Mikolajetz: "Das Herz des Affen", Aladin, 32 S., 16,95 €, ab 4

Die kleine Tochter will eine Geschichte hören und ihr Papa denkt sich was aus. Beständig passt er die Erzählung den Wünschen seiner Zuhörerin an: Keine Hexe, keine Prinzessin, eine Ritterin will sie sein – aber bitte mit vielen Soldaten. Doch wohin führt sie die eigentlich? Und wer muss ran, wenn die Soldaten nicht so wollen wie ihre Chefin? Richtig, der Papa. Auch wenn er schon Pantoffeln und Schlafanzug trägt. Ein charmanter kleiner Dialog zur guten Nacht – und eine liebevolle Hommage an alle, die abends im Kinderzimmer auf der Bettkante sitzen und Geschichten weitergeben.
Jean-Luc Englebert: "Heute bin ich Ritterin", Picus, 32 S., 12,90 €, ab 3

Die Geschichte über einen kleinen Jungen, der in Anspielung auf Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ inmitten von Geistern auf einem Friedhof aufwächst, gibt es neben der Buchversion bei Arena nun auch als Graphic Novel. "„Ein Kind namens Nobody, ein Mörder, ein Friedhof und die Toten sind eine perfekte Mischung in dieser wunderbar gruseligen Geschichte, die mal witzig, mal packend und mal überraschend ist". erklärte Juryvorsitzende Rose V. Treviño bei der Auszeichnung des Romans mit der dem angesehensten Kinderbuchpreis der USA, der Newbery Medal. Dem ist nichts hinzuzufügen außer dass die Umsetzung in Bildern eine gelungene Variante darstellt - stimmungsvoll, poetisch, spannend.

Neil Gaiman: "Das Graveyard-Buch", Eichborn, Oktober, 360 S., 29,99 €

Noch mehr neue Bilderbuch-Empfehlungen finden Sie im aktuellen Börsenblatt Spezial Kinder- und Jugendbuch.

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