Interview mit Michael Busch, Thalia

"Wir sind in der Einzelhandelsnormalität angekommen"

Thalia hat seine Restrukturierungsphase abgeschlossen und macht wieder Gewinne. Neben dem Ausbau des Cross-Channel-Konzepts sollen die Filialen ein neues Gesicht erhalten und die Erfahrungen aus dem stationären Geschäft in die digitale Sphäre übertragen werden. Interview mit Michael Busch, Vorsitzender der Geschäftsführung von Thalia.

Nach drei Jahren ist die Neuausrichtung von Thalia abgeschlossen, lautet eine Überschrift zum Ende des Geschäftsjahres. Wird es künftig dennoch Schließungen, Umzüge oder Flächenreduzierungen geben?
Was man als Unterzeile darunter setzen könnte, ist: „Wir sind in der Einzelhandelsnormalität angekommen.“ Normalität bedeutet hier: neue Standorte eröffnen, Standorte innerhalb von Städten zu verlagern oder Flächen zu verkleinern. Beispiel Bremen-Vegesack: Hier waren wir in einem Center, das uns nicht mehr die geeignete Umgebung bot. Wir sind jetzt in die Innenstadt gezogen und erfreuen uns über kontinuierliche Umsatzzuwächse. So funktioniert das einzelhändlerische Nomadenprinzip: Man muss immer dahin ziehen, wohin sich die Kundenströme verlagern. Oder auch mal den Mut haben zu schließen – aber dieses Thema wird für uns deutlich von untergeordneter Bedeutung sein.

Wird Thalia künftig in Städte gehen, in denen das Unternehmen noch nicht vertreten war?
Wir  erlegen uns keine Denkverbote auf und werden dort Buchhandlungen eröffnen, wo sich interessante Möglichkeiten ergebenWenn wir neue Buchhandlungen eröffnen, dann jedoch mit angemessenem Augenmaß – vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der letzten Dekade.

Also Erfahrungen wie die mit Graff in Braunschweig sollten sich nicht wiederholen?
Nein, da hat nicht nur Thalia, sondern auch Herr Busch aus seinen Entscheidungen gelernt.

Verstehen Sie sich inzwischen mehr als Teamplayer denn als Solist?
Wettbewerb mit Augenmaß und Teamplayer mit Augenmaß - auf die eigene Handlungsfähigkeit bezogen - sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Beim digitalen Thema, also beim Tolino, verstehen wir uns ganz klar als Teamplayer. Wobei wir der festen Überzeugung sind, dass wir als Thalia nicht so weit im digitalen Thema vorangekommen wären, wenn wir uns nicht für die Tolino-Allianz entschieden hätten. In einem Team gibt es immer Spieler mit unterschiedlichen Stärken. Wir glauben unsere Stärken zu kennen, aber wir wissen auch sehr wohl um die Stärken anderer in einer solchen Teamlösung.

Neue Filialen werden künftig maximal 600 Quadratmeter groß sein. Wird es in Großstädten künftig noch größere Thalia-Filialen geben?
Die großen Städte, in denen Großflächen die richtige Antwort sind, sind in der Regel alle belegt – entweder von Thalia oder von anderen.

Sie haben in einigen Filialen das neue Store-Konzept umgesetzt. Sollen die einzelnen Läden auch ein individuelleres Profil erhalten – und die lokalen Teams mehr Spielraum?
Als Geschäftsführung ist man immer bemüht eine Brücke zu bauen zwischen dem, was der Mitarbeiter selbst möchte, und dem, was der Anspruch einer Marke verlangt. Wenn man eine Marke ausprägen will, braucht man Wiedererkennungswerte und –elemente über ihr ganzes Distributionssystem hinweg. Da braucht man ein gewisses Maß an Standardisierung. Dezentralität hat jedoch da ihre Berechtigung, wo sie Nutzen stiftet. Bei der individuellen Kundenberatung im Verkaufsgespräch ist das Persönliche und Lokale unglaublich wichtig - und hat da auch einen hohen Freiheitsgrad. Wo es um Skaleneffekte geht, um schlanke Prozesse oder um Kostenreduzierung, da ist Zentralität gefragt. Eine Symbiose, die so alt ist wie der Handel selbst.

Für das Verkaufsgespräch spielt doch sicher der Standort eine Rolle. Ob es in Göttingen oder Hagen geführt wird, macht doch einen Unterschied …
Genau. Aber auch die Sortimentsgestaltung in Göttingen und Hagen sieht jeweils unterschiedlich aus. Mit einem bestimmten Teil unseres Sortiments geben wir unseren Mitarbeitern vor Ort die Chance, sich regional und lokal zu profilieren.

Mit der Aufnahme der Mayerschen und der Osianderschen Buchhandlung in die Tolino-Allianz ist die flächendeckende Distribution von E-Books durch den Buchhandel ein großes Stück vorangekommen. Wird es gelingen, Amazon im deutschen und europäischen Buchmarkt dauerhaft in die Schranken zu weisen?
Das kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn man Amazon daran hindert, in Deutschland und anderen Ländern durchzumarschieren, dann lautet meine Antwort eindeutig „Ja“. Wenn man meint: „keine große Marktbedeutung“, dann muss ich das verneinen. Unser Wettbewerber macht sein Geschäft vernünftig, und wir haben viel von anderen Buchhändlern gelernt. Als Allianz und, je mehr Buchhändler sich anschließen, als Buchhandel insgesamt haben wir aber im Digitalbereich eine Bedeutung erlangt, wie es sie in keinem anderen europäischen Land gibt – und das soll auch so bleiben.

Wollen Sie Amazon auch beim Handel mit physischen Büchern Paroli bieten?
Wenn man die Stärke des stationären Geschäfts mit hoher Qualität in Sortiment und Beratung ausspielen kann und digital auf festen Füßen steht, dann kann man auch im E-Commerce die Kunden zurückgewinnen, die sich temporär für eine andere Lösung entschieden haben. Dass es sich lohnt, in den traditionellen E-Commerce mit haptischen Produkten zu investieren, bestätigen unsere Wachstumsraten. Im Online-Handel haben wir uns in den letzten Jahren von unter neun Prozent auf elf Prozent Marktanteil hochgearbeitet. Die Thalia App unterstützt uns dabei, weil sie die persönlichen und lokalen Erfahrungen aus dem stationären Geschäft in die digitale Sphäre überträgt.

Haben Sie Ihren operativen Spielraum nach der Herauslösung von Thalia aus dem Holding-Verbund spürbar erweitern können?
Ich hatte schon als Vorstandsmitglied der Douglas Holding den Spielraum und die Ansprechpartner – nämlich die Familie Kreke und Advent - , die uns ein eigenständiges Agieren ermöglicht haben. Insofern hat sich nichts geändert. Der einzige Vorteil durch das Ausscheren aus der Holding ist, dass wir Dienstleistungen, die in der Holding gebündelt waren, jetzt fast komplett bei uns haben. Das beschleunigt und vereinfacht die Abstimmung zwischen den Bereichen, weil diese nur noch für den Buchbereich arbeiten.

Ist das auch der Grund für die aktuelle Umfirmierung von Thalia Holding zu Thalia Bücher GmbH?
Die Umfirmierung ist eine reine Formalität. Zum einen ist Thalia keine reine Holding, die ohne Nähe zum Markt agiert und lediglich Beteiligungen führt, sondern viel mehr ein operatives Unternehmen, das im Markt unmittelbar aktiv ist. Zum anderen möchten wir unser Kernprodukt, das Buch, auch in der Benennung des Unternehmens in den Vordergrund stellen.

Steht der Verkauf von Thalia mittelfristig auf der Tagesordnung?
Das ist die Entscheidung des Eigentümers. Aber ein Finanzinvestor kauft, um irgendwann wieder zu verkaufen.

Interview: Michael Roesler-Graichen

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2 Kommentar/e

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  • buchhaendler79

    buchhaendler79

    "Ein Finanzinvestor investiert, um irgendwann wieder zu verkaufen." Sehr schön gesagt! Da die Maßnahmen der letzten Jahre offensichtlich nicht gereicht haben, um die Braut schön zu machen, geht es nun in die nächste Runde. "So funktioniert das einzelhändlerische Nomadenprinzip: Man muss immer dahin ziehen, wohin sich die Kundenströme verlagern. Oder auch mal den Mut haben zu schließen..."
    Außerdem bekommen die Filialen ein Beauty-Make-Over. Mit großem Einsparpotenzial bei den Personalkosten. Denn in den Filialen werden Displays stehen, auf denen der geneigte Kunde zukünftig seine Empfehlungen erhält.
    Neueröffnung wird es geben. Dann aber doch nur unter Buch&Kunst/Gondrom, weil es da keine Betriebsräte und Tarifbindung gibt und junge, unverbrauchte Filialleiter ihre 173Std/Monat für 1800€ brutto runter arbeiten. Die kleinen "Indianer" für noch weniger.
    "Thalia Bücher GmbH"- also keine Holding mehr, nachdem Douglas weg ist war das ein logischer Weg. Hoffentlich ist nun Schluss mit den Mitarbeiterrabatten für Douglas-, Hussel-, Appelrath-, Christ- und Vosswinkel-Mitarbeiterinnen. Da lässt sich nu nicht mehr mit dem Großunternehmen argumentieren.
    Ich wünsche den Thalia-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern starke Nerven, Durchhaltevermögen und alles Gute. Seht zu, dass ihr nicht auf der Strecke bleibt und traut euch, mal de Mund aufzumachen.

  • Bettina Gähle

    Bettina Gähle

    Ich staune immer wieder, wie lange vor allem die Großen des Buchhandels gebraucht haben, um einer Entwicklung Rechnung zu tragen, die sich schon vor 10 Jahren (eigentlich noch viel länger!) deutlich abzeichnete:

    Großflächen sind (und waren es schon immer) im Verhältnis zum erzielten Umsatz viel zu kostenintensiv - von Rendite braucht(e) man oft gar nicht erst zu sprechen...

    Ein weiterer, sich ebenfalls schon lange abzeichnender, Trend wurde lange vernachlässigt:

    Für den Kunden überschaubare Flächen mit einem immer wieder aktuell ausgerichteten Sortiment mit lokalem Bezug, und vor allem mit persönlicher Ansprache - die lässt sich nun mal nur auf weniger Quadratmetern leisten (ich erinnere mich noch allzu gut an Schichten zu zweit auf einer 1.000 qm Etage - da ist uns so mancher Umsatz entgangen).

    Die Großen haben da einiges in den letzten Jahren verpasst, aus Schwerfälligkeit und auch noch aus so manch anderem Grund..., aber andere im Buchhandel haben es schon lange kapiert:
    Deshalb gibt es wunderbare (funktionierende!) inhabergeführte (Stadtteil-)Buchhandlungen und viele tolle Neugründungen - was für ein Glück!

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