Diskussion zum Berufsbild Buchhändler

Gute Konstitution und Lust am Service

Proppevoll war das Fachforum der Leipziger Buchmesse mit jungen Leuten, die mehr wissen wollten über die aktuellen Anforderungen an den Beruf des Buchhändlers. Auf dem Podium waren mit Christoph Paris (RavensBuch),  Katrin Lutz (buchMEYER), Torsten Woywod (Mayersche) und Stephanie Lange (Hugendubel) die kleinen Buchhandlungen ebenso vertreten wie die großen Häuser.   VON NICOLA BARDOLA

"Die Auszubildenden sind für uns sehr wichtig. Wir machen sehr gute Erfahrungen mit ihnen. Azubis bringen oft gute neue Ideen herein", sagte Christoph Paris von RavensBuch in Ravensburg. Überrascht seien allerdings manche Azubis, dass der Beruf auch körperlich sehr belastend ist. "Bücherstapel verschieben, stundenlang an der Kasse stehen und dabei immer freundlich bleiben, das erfordert schon eine gewisse Zähigkeit und eine gute Konstitution", sagte Paris. "Oft wird vergessen, dass unser Beruf auch ein kaufmännischer, nicht nur ein schöngeistiger ist", sagte Katrin Lutz, Geschäftsführerin von buchMEYER in Reinheim. "Manche Azubis glauben am Anfang, man liest bei uns nur den ganzen Tag. Und dann staunen sie, wie vielfältig die Arbeit ist", bestätigte Torsten Woywood von der Mayerschen. 

Stefanie Lange von Hugendubel wünscht sich mehr Optimismus bei generationsübergreifenden Gesprächen rund um den Beruf des Buchhändlers: "Natürlich muss man Bücher lieben. Man muss bei uns aber vor allem auch kommunikativ sein. Unsere Dienstleistungsorientierung unterscheidet uns von reinen Onlinern. Die Grenze zwischen Händler, Verkäufer und Gesprächspartner verschwimmt. Das kann anstrengend sein. Das muss man wollen. Das große Problem für uns sind aber eher die Eltern der Azubis. Die lesen den Wirtschaftsteil der Zeitung und zweifeln an der Berufswahl ihrer Kinder. Das sei ein Job ohne Karrierechancen und ohne Zukunft, sagen sie ihren Kindern. Niemand wisse, wie viele Buchhandlungen es demnächst noch geben werde. Viele jungen Leute wollen zu uns kommen, viele Erwachsene halten sie davon ab."
Kai Mühleck, Redakteur beim Börsenblatt und Moderator der Diskussion, legte Wert auf die Unterschiede zwischen Filialisten, bei denen die Arbeitsabläufe oft stark strukturiert und spezialisiert sind, und den kleineren Buchhandlungen: "Wir haben zwei Buchhandlungen mit je circa 700 Quadratmetern und insgesamt etwa 40 Mitarbeitern. Als Azubi sollte man wissen, ob man lieber in ein kleines und mittelständisches Unternehmen will, bei dem oft auch mal improvisiert wird und vieles von der Chemie abhängig ist, oder ob man eine größere Firma bevorzugt", sagte Paris von RavensBuch. "Wir sind nur zu fünft im Team. Da muss jeder alle Sortimente betreuen können. Allgemeinbildung ist wichtig, gute Kenntnisse des Tagesgeschehens, um den Kundenwünschen gerecht zu werden", sagte Katrin Lutz. Sie pflegt in ihrer unabhängigen Buchhandlung mit einer Verkaufsfläche von 180 Quadratmetern intensiv ihre Webseite, lässt aber die Finger von Facebook. "Wir haben es versucht, aber festgestellt, dass Facebook zu aufwändig ist, um es gut zu machen."
Alle pflichteten Katrin Lutz bei, dass soziale Netzwerke entweder intensiv oder gar nicht bedient werden sollten. "Wir haben Twitter aufgegeben. Aber bei Facebook tut sich mit derzeit 2600 Fans viel. Unsere Mitarbeiter posten täglich Beiträge. Wir investieren auch in zielgruppengenaue Werbung und bekommen entsprechende Bestellungen von Facebook-Kunden. Man kann bei uns via Videotelefonie beraten werden oder Bücher per WhatsApp bestellen", sagte Christoph Paris und betonte die Notwendigkeit, auf vielen Kanälen erreichbar zu sein und bei den neuen digitalen Kontaktpunkten Präsenz zu zeigen.

Torsten Woywod, Gewinner des Börsenblatt Young Excellence Awards 2015, erinnerte an die Ausbildung von vor zehn Jahren und an die enormen Veränderungen auch aufgrund der technischen Entwicklung. "Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich später eine Online-Buchcommunity gründen würde und dass das Lesen dermaßen digital wird." Wenn Leute in den Laden kommen, um sich bei E-Reader-Problemen beraten zu lassen, dann muss entsprechendes Know-how vorhanden sein, so der Tenor auf dem Podium: "Der Kunde ist heute oft sehr viel besser vorbereitet als früher. Er  recherchiert vor dem Besuch der Buchhandlung im Internet und zeichnet sich durch extrem individuelle Wünsche aus. Buchhändler heute müssen sich auf diesen vollkommen neuen Kunden einstellen können", forderte Lange und nannte die  Beratung im E-Reading Geschäft als eine der intensivsten.


Obwohl bei vielen Buchhandlungen die E-Book-Verkäufe einen sehr kleinen Umsatzanteil ausmachen, werden sie davon stark beansprucht. Stefanie Lange: "Da kommt der Kunde mit seinem technischen Gerät, das nicht so funktioniert, wie es soll, und wir müssen den Schaden beheben. Früher hat man gesagt, ein Buchhändler verkauft nichts, was einen Stecker hat. Das ist vorbei. Wir müssen eine Vollpension anbieten inklusive digitalem rundum Service. Wir kennen inzwischen die Passwörter vieler Kunden, für die wir Bücher und Software auf ihre verschiedensten Geräte laden, derweil sie Kaffee trinken gehen. Die Erwartungshaltung hat sich stark verändert und diese Entwicklung wird so weiter gehen."

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