Interview mit der Sozialwerk-Vorstandsvorsitzenden Ursula v. Bestenbostel

Menschen helfen Menschen

Seit März ist Ursula v. Bestenbostel neue Vorstandsvorsitzende des Sozialwerks des deutschen Buchhandels: ein Gespräch über falsche Assoziationen, Spenden und Scham. INTERVIEW: STEFAN HAUCK

 Wo andere kürzertreten, legen Sie noch mal nach: Was hat Sie gereizt, ab sofort die Steuerfrau des ­Sozialwerks zu werden?
Das Sozialwerk ist eine einmalige Institution – welche andere Branche hat seit fast 180 Jahren eine Organisation, mit der man einander unterstützt? Ich war ja bereits Stellvertreterin von Hans Harksen als Vorstandsvorsitzendem, der das Amt mit großem Engagement ausgefüllt hat und als ehemaliger Diogenes-Vertreter auch unglaublich viele Kontakte hatte. Als er nun gesagt hat, dass er aus gesundheitlichen Gründen aufhören will, ist der Vorstand an mich herangetreten. Und: Ich übernehme das Amt sehr gern!

Die Firmen versuchen, an vielen Ecken zu sparen. Wirkt sich das auf die Spenden fürs Sozialwerk aus?
Schon. Dabei ist es weniger die Summe von 50 Euro Mitgliedsbeitrag pro Jahr, sondern die Mentalität der Entscheider. Bei größeren Unternehmen kommen die Manager von außen, die kennen das Sozialwerk gar nicht oder denken nur in Controlling-­Kategorien. Oft mit falschen Assoziationen, etwa: Warum soll ich Leute unterstützen, die nicht gut gewirtschaftet haben? Dabei geht es beim Sozialwerk gerade darum nicht! Wir helfen Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind. Was machen Sie denn, wenn Sie plötzlich die Diagnose Leukämie bekommen?

Wie viele "Schützlinge" betreuen Sie aktuell – und reichen die Mittel noch?
Haben wir in den 1990er Jahren noch 30 Menschen unterstützt, sind es derzeit 69. Nicht wenige von ihnen sind auf sich gestellt; der früher übliche familiäre Zusammenhalt fehlt. Zum Glück haben wir treue Mitglieder und regelmäßige Spender – ohne die könnten wir die Gelder nicht aufbringen.

Wie kommen die Menschen, die Unterstützung benötigen, zu Ihnen?
Das ist oft gar nicht so einfach, weil sich die Betroffenen in der Regel gar nicht trauen, bei uns nachzufragen – obwohl einige wirklich in existenzieller Not sind. Es gibt eine Scham, dass andere nicht davon erfahren sollen. Branchenmitglieder machen uns dann aufmerksam, wir fragen nach. Für die Landesverbände gibt es Mitglieder, die hinfahren und die Situation vor Ort prüfen, die überlegen, welche Hilfe angemessen ist.

Helfen Sie nur in Krankheitsfällen?
Keineswegs! Manche denken auch, wir würden nur Inhabern von Buchhandlungen und Verlagen helfen – das stimmt nicht. Wir unterstützen auch die 62-jährige Angestellte, die ohne Job wieder auf die Beine kommen muss. Oder den Auszubildenden, dessen Lehrherr insolvent geworden ist. Wenn sich eine andere Buchhandlung findet, die einspringen würde, aber die finanziellen Mittel nicht hat, leisten wir Beistand. Oder wenn der Azubi das Fahrgeld nicht zahlen könnte. Ich appelliere hier: Wenn so etwas passiert, melden Sie sich! Wir brauchen jeden Azubi in unserer Branche.

Viel harte Arbeit – worüber freuen Sie sich im Vorstand?
Wenn es Unterstützung von außen gibt, wenn das Berliner Buchlokal eine Aktion für uns macht oder die Azubis des Ulmer Verlags – das ist einfach toll! Da zeigen junge Leute, wie eine Branche zusammenhalten kann. Dass sie bereit sind, sich für unverschuldet in Not Geratene zu engagieren, macht Hoffnung. Und da freue ich mich, dass es im Grunde genommen sehr analog bei uns zugeht: Menschen helfen Menschen. Ist eigentlich ganz einfach, oder?

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