Jahreshauptversammlung LV Nord

Da geht noch was

Da war Dampf im Kessel: Buchhändler und Verleger debattierten am Montag auf der Jahreshauptversammlung des Landesverbands Nord um Rabatte, auskömmliche Konditionen und höhere Ladenpreise. Aber auch Best-practice-Beispiele zum Nachahmen wurden vorgestellt.

Berater Rolf Reisinger hatte nachgerechnet: 2015 war der durchschnittliche Ladenpreis in Deutschland um 6,6% niedriger als 2002. „Um auf die damalige Kaufkraft zu kommen, müsste der Preis heute eigentlich um 29% teurer sein“, so Reisinger. 1980 habe der Durchschnittspreis bei 14,76 Euro gelegen, 2015 sei er noch unter dieser Marke bei 14,59 Euro – „dabei müsste er mindestens bei 21 Euro liegen.“ Was manche Verlage an Rabatten von 10 bis 15% offerierten, sei nachgerade ein Unding – „und dann wird noch versucht, uns Sortimenter über die Portokosten weiter zu belasten“, nannte Tilman Sieglin weitere aktuelle Probleme beim Namen.

Konditionenpoker: Der Schuh drückt vor allem beim Schulbuch

Was den Bremer Buchhändler aber noch mehr ärgert: 12% Rabatte beim Schulbuch. „Wenn dann Hamburger Lesehefte für 1,20 Euro pro Stück bestellt werden, ist das ein Desaster. Derlei Rabatte müssten an einen Mindestbestellwert gekoppelt sein.“

„Wir verdrängen im Alltag solche Realitäten allzu oft“, bekannte die Nordenhamer Buchhändlerin Anne von Bestenbostel; „wir schachern mit Belletristik-Verlagen um einzelne Prozente, aber bei den Schulbuchverlagen stehen wir vor einer Wand.“ Dabei machen die Schulbuchbestellungen bei vielen Buchhandlungen ein Viertel des Umsatzes aus. Bestenbostels Urteil schloss sich Anne Patz von der gleichnamigen Buchhandlung in Bienenbüttel mit Filialen in Bad Bevensen und Celle an – „betriebswirtschaftlich betrachtet bleibt dann in der Tat nicht mehr viel übrig.“ Branka Felba, die mit ihrem Bibliotheksdienstleister Missing Link in Bremen just in time kaufen muss, ärgert sich ebenfalls über zu geringe Rabatte, die nur noch durch große Umsätze zu kompensieren seien – „aber nicht durch Gespräche mit Verlagen“. Ein ebenso unsäglicher Usus sei , dass viele wissenschaftliche Werke nur noch als Print on Demand erschienen – heute werden hier drei gedruckt und ausgeliefert, morgen dort eines und ausgeliefert, übermorgen dort zwei usw. – das ist komplett unwirtschaftlich.“

Rabatte unter 30 % sind nicht mehr tragbar

An den Campus-Buchhandlungen sehe man im Grunde, wohin die Reise geht, ergänzte Dietrich zu Klampen, der vor mehr als 30 Jahren den zu Klampen Verlag und die Uni-Buchhandlung in Lüneburg gegründet hat. „Lastwagenweise haben wir früher Einführungen in die Betriebswirtschaftslehre verkauft, heute gibt es digitale Auszüge von den Professoren, manche Studierenden verlassen die Uni, ohne je ein ganzes Buch gelesen zu haben. Soll ich Ihnen sagen, welche Warengruppe so richtig prosperiert? Das MA im Kinderbuch.“

Tilman Sieglin wies auf einen weiteren Punkt hin, der Buchhändlern im Alltag zu schaffen macht: Das unzweifelhaft wichtige Buchpreisbindungsgesetz sei an einer Stelle nicht sehr präzise gefasst: „Verlage müssen bei der Festsetzung ihrer Verkaufspreise und sonstigen Verkaufskonditionen gegenüber Händlern den von kleineren Buchhandlungen erbrachten Beitrag zur flächendeckenden Versorgung mit Büchern sowie ihren buchhändlerischen Service angemessen berücksichtigen“, heißt es in §6 Abs.1, „sie dürfen ihre Rabatte nicht allein an dem mit einem Händler erzielten Umsatz ausrichten.“ „Aber was ist eigentlich angemessen?“ Der Frage gingen nicht nur die Teilnehmer der von Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck moderierten Runde nach, sondern auch viele Mitglieder des Landesverbands Nord im Saal des Plaza Hotels Hannover als Tagungsort. „Rabatte unter 30 Prozent sind für uns nicht mehr tragbar“, erklärte Sieglin, da müssten die Sortimenterkollegen auch sehr deutlich ihre Einkaufspolitik bedenken, sprich: bei welchen Verlagen sie einkauften. Problematischer sei es bei den Bestellungen der öffentlichen Bibliotheken, die über die EKZ ordentliche Rabatte bekämen „und bei uns dann Einzelbestellungen vornehmen.“

Rabatte dürften 40 Prozent nicht unterschreiten, legte Rolf Reisinger nach: „Es gibt keine andere Branche, die sich in einer Rabattzone unter 40 % bewegt. Immer treffe es die Händler oder die Barsortimente – nur sie seien etwa von der Maut belastet worden, nicht so die Verlage. Hinstorff-Verlegerin Eva Maria Buchholz unterstützte: Viele ihrer Titel hätten keine 10.000er Auflage und würden häufig über das Barsortiment bezogen – aber 55% Rabatt, wie teilweise aus dem Publikum gefordert, um mehr an die Buchhandlungen weitergeben zu können, seien bei einer seriösen Kalkulation nicht drin.

Welche Ladenpreise nimmt der Endkunde an?

Es nutze nichts, nur auf die Probleme mit dem Rabatten hinzuweisen, wagte von Bestenbostel einen Vorstoß, sondern man müsse Lösungswege über höhere Ladenpreise suchen. Und da die Verlage „die Hoheit der Kalkulation haben“, wie Sieglin benannte, seien sie gefordert.  Einspruch von Verleger zu Klampen: „100% sind 100%: Wo sollen die Rabatte denn herkommen? Autor, Auslieferung, Barsortimente, Buchhandlungen, alle kriegen ihre Prozente und auch der Verlag arbeitet für das Buch, damit das nicht vergessen wird …Verhandeln Sie mal mit einem Autor und sagen, eigentlich müsste das Buch 38 Euro kosten – da jault er auf und sagt: Wie? So teuer?“

Die entscheidende Frage sei, so Walter Treppmacher von der Buchhandlung Decius in Hannover, welche Preise sich bei den Endkunden durchsetzen ließen. 48 Mark seien zu DM-Zeiten ohne Probleme gezahlt worden, erinnerte Thomas Wrensch von der Buchhandlung Graff in Braunschweig, aber letztlich seien ihm 40% von einem 25-Euro-Buch lieber als 20% von einem 40-Euro-Buch. „Höhere Preise werden von den Kunden akzeptiert“, war auch die Erfahrung von Silke Gutowski von der Buchhandlung Memminger in Bremerhaven.

Angemessene Entlohnung der Mitarbeiter

Der Schuh drückt aber noch an einer weiteren Stelle: bei der Entlohnung der Mitarbeiter. „Man müsse endlich die Inflation und die sinkenden Gehälter zur Kenntnis nehmen, meinte Betriebsberater Dirk Scholze. Es gebe ein großes Gefälle zwischen dem Gehalt eines Buchhändlers im Jahr 2000 und dem heute. Real seien die Kosten aber nun mal gestiegen, „und auch die Vermieter sind bei ihren Mietsteigerungen unerbittlich.“ „Wir müssen unsere Mitarbeiter angemessen entlohnen“, forderten auch Thomas Wrensch und Manfred Keiper von der Anderen Buchhandlung in Rostock, der daran erinnerte, dass Sortimenter eben Fachpersonal seien. Er wundere sich allerdings immer wieder über Kollegen, die sich über eine Potter-Ausgabe für 4,99 Euro freuten: „Mit einer Aldi-Mentalität bricht uns der Boden weg.“ Sie kaufe inzwischen Taschenbücher für 8,99 Euro nicht mehr ein, sekundierte v. Bestenbostel, es sei einfach nicht wirtschaftlich.

Einzelne Verlage seien bereits dabei, Preise zu runden, sowie zu prüfen, welche Preise bei Endkunden akzeptabel seien, sagte Veit Hoffmann von der gleichnamigen Buchhandlung in Achim und meinte unter sichtbarem Nicken der Verbandsmitglieder: „Wir kommen nicht umhin, die Endpreise zu erhöhen.“

Best-Practice aus dem Buchhandel

Kontrastierend zu den aktuellen Problemen im Buchhandel wirkten da die Best-Practice-Beispiele: Dietrich zu Klampen und Anne Patz berichteten von der Bienenbütteler Buchwoche, die Literatur aufs Land bringt (mehr dazu im Börsenblatt 24/2016) und Anne von Bestenbostel von Aktionen wie Kreative Ideenfindung mit Mitarbeitern oder einem Anti-Fußballabend (Börsenblatt 23/2016). Stefan Hauck und LV-Nord-Geschäftsführerin Carola Markwa berichteten von den zahlreichen Aktivitäten der Buchhändlerin Susanne Köster-Schoon im ostfriesischen Wiesmoor, die am 3. Juni eine Auszeichnung erhalten wird – mehr dazu am Freitag hier auf boersenblatt.net.

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