AKEP-Jahrestagung 2016

Wenn Visionen ihre Halbwertzeit überschreiten

Digitale Transformation und eine veränderte Perspektive auf den Markt – dies waren zwei Themen, mit denen sich die AKEP-Tagung am Vormittag beschäftigte. Einige kritische Anmerkungen.

Tim Cole ist ein bekannter Internet-Publizist, seit 1995 führt er ein Web-Tagebuch, den Cole-Blog. Heute lebt er in einem Bergdorf im österreichischen Lungau, von wo aus er die digitale Transformation beobachtet, bestens vernetzt und mit einem Breitbandanschluss (100 MB/s) ausgestattet, den man in ländlichen Gegenden Deutschlands schmerzlich vermissen würde.

Den Teilnehmern der AKEP-Jahrestagung (ab sofort IG Digital), ausgewiesene Experten in Digitalisierung wie digitalem Publizieren, erklärte er in seiner Keynote, was die Haupttrends der digitalen Transformation sind: Digitalisierung, Vernetzung und Mobilität – Begriffe, die der ein oder andere aus dem Auditorium schon mal gehört haben dürfte. Wie sich diese Trends auf den Handel auswirken, auf das Shopping, auf das Marketing, auf die Logistik – das führte Cole anhand zahlreicher Beispiele vor, die vor allem eines verrieten: den ungebrochenen Glauben an die Segnungen der Digitalisierung. Jedenfalls glaubt Cole, dass der Buchmarkt 3.0 komplett ins Internet verlagert werden könne.

Da ist Amazon, dessen erklärter "Fan" Cole ist, schon weiter: Stationäre Buchhandlungen haben innerhalb der Strategie des Internetriesen ihren Sinn, weil sie ein verändertes oder nach wie vor lebendiges Kundenverhalten reflektieren. In den US-Branchenmedien ist ja derzeit von der "digitalen Ermüdung" die Rede. Von alldem fand sich in Coles Keynote nichts. Was man präsentiert bekam, waren Visionen, die ihre Halbwertzeit schon überschritten hatten oder viel zu pauschal Entwicklungen prognostizieren, die in der Branche schon wesentlich differenzierter gesehen werden.

Aber der Sinn von Keynotes ist es primär, Denkanstöße zu geben. So war es auch bei der anschließenden Präsentation von Christian Hoffmeister (DCI Institute), der in lockerer Folge kluge Zitate (von Chomsky und Watzlawick), irritierende Bilder und Anekdoten zum Besten gab, um ein Ziel zu verfolgen: die Perspektive auf den Markt zu verändern. Hoffmeister bezog sich damit auch auf die Rolle der Verlage: Statt nur Bücher zu verkaufen, sollten sie zu "Hubs" werden, die den Erfolg des Autors organisieren. Den Autor groß zu machen, ihm den Erfolg zu garantieren – das sei künftig Aufgabe der Verlage. Und, daran komme man nicht vorbei, dies könne Amazon besonders gut.

Der heimliche Gewinner des Vormittags, zumindest was die beiden ersten Vorträge anging, war also Amazon. Für einige offenbar der Inbegriff des Buchhandels schlechthin.

roe


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