Heute beginnen die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Bussis beim Bachmann-Wettbewerb

Es ist ein kleines Jubiläum: Am heutigen Mittwoch wird in Klagenfurt das 40. Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis eröffnet. Insgesamt 14 Schriftsteller und Schriftstellerinnen lesen bislang unveröffentlichte Texte. Das Teilnehmerfeld ist so international wie noch nie. HOLGER HEIMANN

"Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad. Aber die kantig verpackte, auf Höfen aus Eutern gesuckte, weiße, ich weiß: von Kühen für Kälber den dauerverdauten, im Wind weh’nden Gräsern entschnaubte, geraubte, verrührte, maschinell Molkerei’n zugeführte, von Lastwag’n in Supermärkte chauffierte Flüssigkeit reichte bei weitem nicht aus, um damit meine Wanne voll zu machen." – So legte der junge Schriftsteller Jan Snela los – beim Literaturwettbewerb Open Mike in Berlin, einer Art Probebühne für das Bachmann-Wettlesen. Für seine Prosa der Verausgabung – gespickt mit allerlei Reimen, Alliterationen, Wortneuschöpfungen – erhielt er 2010 einen der Hauptpreise. Nun ist der Autor, der gerade mit einem Erzählband ("Milchgesicht", Klett-Cotta) debütierte, in Klagenfurt dabei. Und man darf gespannt sein, ob er dort einen ähnlich furiosen Text vorträgt.

Überhaupt sind die Erwartungen an die Jubiläumsveranstaltung, die 40. Tage der deutschsprachigen Literatur, groß. Noch nie war der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb so international wie in diesem Jahr. Aus acht Nationen kommen die Teilnehmer, unter anderem aus Israel und Großbritannien; andere Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben französische, türkische und serbische Wurzeln. Marko Dinić zum Beispiel, der in Wien lebt, hat seine Kindheit in Belgrad verbracht. Sharon Dodua Otoo kommt aus Berlin nach Klagenfurt, geboren aber wurde sie in London. Ihr erstes Buch brachte sie zunächst auf Englisch, dann auf Deutsch heraus. Bei ihrer jüngsten Novelle "Synchronicity" hielt sie es andersherum.

Auch für Sylvie Schenk ist das Deutsche nicht die Muttersprache. Die gebürtige Französin (Jahrgang 1944), die teils bei Aachen, teils in den französischen Alpen lebt, schreibt seit 1992 auf Deutsch; Lyrik dagegen nach wie vor auf Französisch (bei Hanser erscheint im Juli ihr Roman "Schnell, dein Leben"). Schenk vergleicht ihr Schreiben nicht von ungefähr mit einer ausgedehnten Bergwanderung: "Mit ihren tückischen Reliefs kann mir dir deutsche Sprache manchmal sehr gut meine französischen Berge ersetzen. Auch am Schreibtisch gehe ich mühsam voran, klopfe nach Worten, rufe Bedeutung auf, jeder Roman ein noch nicht entdeckter Mikrokosmos." 

Der Israeli Tomer Gardi lebt in Tel Aviv. Sein Debüt "Stein, Papier" erschien 2011 auf Hebräisch (2013 in deutscher Übersetzung im Rotpunkt Verlag). Sein nächstes Buch "Broken German" soll 2016 bei Droschl herauskommen.

Vorab beim Bachmann-Wettbewerb von Favoriten zu sprechen, ist immer heikel; manch einer kam schon mit allerlei Vorschusslorbeeren nach Klagenfurt und fuhr traurig wieder heim. Trotzdem konzentriert sich die Aufmerksamkeit zunächst stets auf einige Namen. Zu ihnen gehört in diesem Jahr zweifellos auch Sascha Macht. Der Leipziger Autor wurde auf der Lit.Cologne mit dem Silberschweinpreis für das beste Prosadebüt des Frühjahrs ausgezeichnet (sein apokalyptischer Roman "der Krieg im Garten des Königs der Toten" erschien im Frühjahr bei DuMont). Neugierig macht auch Stefanie Sargnagel. Die Wienerin, die durch ihr Facebook-Tagebuch bekannt wurde und sich mit zwei Büchern ("Fitness" und "Binge Living", beide redelsteiner dahimène edition) eine regelrechte Fangemeinde erschrieb, hat angekündigt, jedem Autor, der in diesem Jahr am Bachmann-Wettlesen teilnimmt, unauffällig "Ich zerfick dich" ins Ohr zu sagen. Wie zerficken geht? Das hat sie auch verraten: "Man geht zu jemandem und gibt ihm ganz viele Bussis auf die Nase." Womöglich wird’s also besonders kuschelig in diesem Jahr am Wörthersee.

 

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