Meinungsfreiheit: Buchmesse-Diskussion über Türkei und Europa

"Wir dürfen nicht nachlassen mit unserem Protest"

Der "Weltempfang" ist das Forum für die politischen Diskussionen auf der Messe. Heute ging es auf dem Podium um das Verhältnis zwischen der Türkei und Europa – und darum, was Europa tun kann, um die freiheitlichen Kräfte in der Türkei zu stärken. VON SABINE CRONAU

Die Türkei sei ein geteiltes Land – die eine Hälfte dränge Richtung Osten, die andere Richtung Westen: So beschreit der türkische Journalist Can Dündar die Lage in seiner Heimat. Der ehemalige Chefredakteur der oppositionellen Zeitung "Cumhuriyet" hat das Land verlassen, weil ihm in der Türkei eine neuerliche Haftstrafe droht – und bereits am Mittwoch auf der Buchmesse in einer Pressekonferenz Position bezogen (mehr dazu hier).

Jetzt war er auch im "Weltempfang" zu Gast: Zusammen mit Deniz Yücel, seit 2015 Türkei-Korrespondent der WeltN24-Gruppe, schilderte Dündar vor großem Publikum die verschiedenen Allianzen und Probleme in der Türkei, kritisierte aber auch mit deutlichen Worten den Westen: Statt ihre Werte der Meinungsfreiheit und der Demokratie zu verteidigen, würden die westlichen Staaten mit ihrer Politik der falschen Seite helfen – nämlich just jener, die die Türkei in den Osten ziehen wolle.

Sein Appell an die Zuhörer vor der "Weltempfang"-Bühne und an die Öffentlichkeit: Solidarität zeigen - und Interesse dafür, was in der Türkei vor sich geht: "Sagen Sie den Regierenden, dass sie ihre Werte nicht für kurzfristige Interessen verraten sollen – und dass sie die andere, die westliche Türkei unterstützen sollen."

Deniz Yücel plädierte dafür, die Einreisebestimmungen nach Deutschland zu lockern und nicht nur für politisch verfolgte Türken aufzunehmen: "Viele Leute, vor allem aus der jungen, urbanen Generation, wollen weg aus der Türkei, nicht erst seit dem Putschversuch."

Dass die Türkei in der Flüchtlingsfrage zum "Wachhund für Europa" gemacht werde, betonte Autor Josef Haslinger (PEN-Zentrum Deutschland): "Unser Ansprechpartner ist nicht Erdogan, sondern die Bundesregierung: Wir dürfen nicht nachlassen mit unserem Protest."

Auf dem Podium wurde auch auf die gemeinsame Online-Petition #freewordsturkey von Börsenverein, PEN-Zentrum und Reporter ohne Grenzen verwiesen: Mehr als 100.000 Menschen haben den Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bislang unterschrieben. Auf der Buchmesse dürften es noch einige Unterzeichner mehr werden (hier geht's zur Petition).

Zum Abschluss der Podiumsrunde las Regula Venske, Generalsekretärin des PEN-Zentrum Deutschland, aus einem Brief vor, den Can Dündar im Januar aus dem türkischen Gefängnis geschrieben hat: "Die Geschichte des Schreibens ist gleichzeitig die Geschichte der Unterdrückung – und derjenigen, die der Unterdrückung Widerstand leisten", heißt es da. Und: "Wir glauben daran, dass die Wahrheit und das Gewissen am Ende siegen werden."

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