Geschwister-Scholl-Preis für Garance Le Caisne

"Und das Morden in Syrien geht einfach weiter"

Für ihr Buch "Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie" (C.H. Beck) ist Garance Le Caisne am Montag in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet worden. Der Festakt war auch eine Anklage - derjenigen, die in Syrien Krieg führen und derjenigen, die dabei zuschauen. VON NICOLA BARDOLA

"Caesar", ein Fotograf der Militärpolizei in Damaskus, der Bilder von Verkehrsunfällen und verunglückten Soldaten gemacht hatte, war ein Rädchen in der syrischen Bürokratie. Aber ab April 2011 hatte er täglich neue Motive zu fotografieren: Leichen. Unter den Opfern waren Alte und Junge, Muslime und Christen und selbst ein Mann, der sich zum Zeichen seiner Ergebenheit das Gesicht Baschar al-Assads auf die Brust hatte tätowieren lassen. "Caesar" kopierte die Bilder auf USB-Sticks und schmuggelte sie unter Lebensgefahr aus den Foltergefängnissen. 2013 floh er aus Syrien mit über 26.000 Aufnahmen, die über 6.700 Ermordete zeigen. Die Fotos wurden von Forensikern des FBI und von Strafverfolgern früherer UN-Tribunale geprüft und für echt befunden.

Die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft

Die französische Journalistin Garance Le Caisne, die seit 1990 vor allem für "Le Journal du Dimanche" und "L’Observateur" aus dem Nahen Osten berichtet, hat "Caesars" Geschichte aufgeschrieben - und widmete den Geschwister-Scholl-Preis, der ihr am Montag in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität überreicht wurde, der syrischen Bevölkerung: "Dies ist eine so schöne Anerkennung für all jene, die dort unten in Syrien und hier in Europa dafür kämpfen, den zu Tode gefolterten, verhungerten oder von Bomben zerfetzten Männern und Frauen eine Stimme zu geben."

Le Caisne nahm mehrfach Bezug auf Hans und Sophie Scholl. Die Geschwister würden den Willen zum Widerstand gegen das Böse verkörpern - und das gelte ebenso für einen Teil des syrischen Volkes. Bachar al-Assad behaupte: "Ich oder das Chaos", um mit dieser als Alternative getarnten Mahnung an der Macht zu bleiben. "Aber den Syrern stehen viel mehr Wege offen, als Unterwerfung unter Assad oder den IS. Millionen Syrer streben einen demokratischen Staat an", sagte Le Caisne und fuhr fort: "Seit fünfeinhalb Jahren trägt der syrische Staat die Verantwortung für 80 Prozent aller getöteten Zivilisten. Diese massenhaft begangenen Gräueltaten sowie die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft, sie zu unterbinden, nähren den Extremismus. Und lassen das syrische Volk selbst in Vergessenheit geraten."

Als Le Caisne auf der Bühne die Entstehung des Buches rekapitulierte, kam sie nicht umhin, immer wieder anklagend festzustellen: "Und die Welt blieb untätig." Und sie betonte: "Ein Teil von mir ist in diesem Syrien verloren gegangen, aber an Menschlichkeit habe ich hinzugewonnen."

Immer der gleiche Satz

Der für seine Reportagen vielfach ausgezeichnete Kriegsberichterstatter Christoph Reuter betonte in seiner Laudatio die Bedeutung, die "Caesar" dank Le Caisnes Arbeit auch für ihn bekommen habe. Immer wieder habe Reuter präzise Schilderungen von Augenzeugen der Folterungen in Syrien gehört, habe das aber nie veröffentlichen können, da es keine Beweise, keine Bilder gab.

"Garance Le Caisne hat getan, was viel zu wenige von uns heute noch tun: Beharrlichkeit zu zeigen, an einer Ermittlung dranbleiben, wenn es um etwas wirklich Wichtiges geht."

Caesars Überzeugung, die Welt müsse doch erfahren, was geschehe, habe sie gewissermaßen weitergeführt. "Denn gerade in diesen Zeiten, in denen jeder nachplappert und verbreitet, was er auf Facebook gerade gelesen hat, ist es essentiell, wenn Journalisten fortfahren, dem Geschehen auf den Grund zu gehen", sagte Reuter und wies darauf hin, dass das Entsetzen beim Lesen von Le Caisnes Buch ein zweifaches: weil so etwas geschehe. Und weil nichts geschehe, es zu stoppen. Reuter kritisierte die deutsche Bundesregierung, die zur Lage in Syrien immer den gleiche Satz abgebe: Es könne keine militärische Lösung geben. Man müsse reden, auch mit Assad.

Das Mehr an Informationen

"Der Zynismus des deutschen Außenministers kommt daher in gesetzten Worten der Vernunft", sagte Reuter: "Das Erschütternde ist nicht einmal, was Deutschlands Außenminister sagt. Viel mehr erschreckt einen, wie populär er damit ist. Syrer werden gequält und getötet, weil sie die elementarsten Rechte fordern, die wir in unseren Sonntagsreden gern hochhalten. Doch sich dafür einzusetzen, dass auch Menschen drei Flugstunden entfernt diese Rechte gebühren – Fehlanzeige. Wir sollen uns heraushalten aus allem. Das ist die Meinung der Mehrheit, und ihr folgen die Regierenden", kritisierte Reuter und mahnte: "Das Morden, das systematische Auslöschen Abertausender in Syriens Gefängnissen geht weiter, ungestört, während wir hier sitzen, geht es weiter, einfach weiter."

Reuter wies darauf hin, dass es nun dank Caesars Bildern und Le Caisnes Buch heute für Deutschland problemlos möglich wäre, das Unrecht in Syrien zu benennen, anzuprangern, wenigstens ein Ende zu fordern. Aber das Thema interessiere nicht einmal mehr. "Das verfügbare Mehr an Informationen hat einen paradoxen Effekt: Das Publikum möchte nicht mehr gestört werden in seiner heimeligen Ignoranz."
Zum Abschluss der Preisverleihung bat Garance Le Caisne das Publikum darum, eine Schweigeminute einzulegen: "Im Gedenken an die Syrer, die für die Revolution starben; an die Männer, Frauen und Kinder, die im Krieg ums Leben kamen und an all jene, die noch heute gefangen gehalten werden."

Vergeben wird der Geschwister-Scholl-Preis vom bayerischen Landesverband des Börsenvereins, gemeinsam mit der Landeshauptstadt München. Nach dem Erscheinen des in diesem Jahr prämierten Buches könne niemand mehr sagen: "Davon habe ich nichts gewusst", machte Michael Then als Vorsitzender des Landesverbands deutlich: "Die Wahrheit ist jedem von uns zumutbar. Der Geschwister-Scholl-Preis ist immer auch eine Verpflichtung und Mahnung an uns alle, dass die Wahrheit und die Freiheit des Wortes kostbare Güter sind, die wir alle jeden Tag verteidigen und schützen sollten."

Der Geschwister-Scholl-Preis

  • Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, "das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben."
  • Die Auszeichnung wurde in diesem Jahr zum 37. Mal vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern gemeinsam mit der Landeshauptstadt München vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert.
  • Mehr über den Preis legen Sie hier.

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