Bayerischer Buchpreis: Ruth Klügers Rede - und Eindrücke vom Münchner Festakt

"So viele Kerzen, die ich anzünden möchte"

Ruth Klüger machte sich auf den Weg von Kalifornieren nach München, um ihren Ehrenpreis in Empfang zu nehmen. Und Belletristik-Preisträger Heinrich Steinfest bereitete sich auf ganz eigene Weise auf die öffentliche Jurysitzung in der Allerheiligen-Hofkirche vor: Eindrücke und bewegende Reden vom Bayerischen Buchpreis 2016. ANDREAS TROJAN

"So ein hübsches Katzerl!", sprach Ruth Klüger und hob den Bayerischen Löwen aus der Porzellan Manufaktur Nymphenburg in die Höhe. Er ist das sichtbare Zeichen dafür, dass die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten erhalten hat. Mit wachen Augen und mit zartem Wiener Akzent bedankte sich Klüger für den Preis: Ob sich ihre Arbeit gelohnt habe, fragte sie ins Publikum und gab selbst die Antwort: "Die Ehrung, die Sie mir heute zuteilwerden lassen, spricht ein deutliches: Ja, es hält und hängt zusammen, und es hat sich gelohnt."

Die 85jährige Autorin hat den Weg von Kalifornien nach Bayern nicht gescheut und war sichtlich bewegt. Als KZ-Überlebende und Mahnerin vor menschlichen Greueltaten ist ihr Leben von Trauer wie Hoffnung geprägt: "So viele Kerzen, die ich für die Toten anzünden möchte, so viele Steine, die ich, nach jüdischer Sitte, auf ihre Gräber legen möchte. Und dann wieder die unvergleichliche Freude an Ideen und an Gedichten und an lieben Menschen."

Ruth Klüger, diese wache, brillante und einfühlsame Autorin, mit dem Ehrenpreis zu würdigen, war die richtige Entscheidung im richtigen Moment. Das brachte auch die bayerische Medienministerin Ilse Aigner in ihrer Laudatio auf den Punkt, indem sie auf aktuelle politische Entwicklungen verwies: "Worte des Hasses und der Verachtung werden in diesen Tagen auch in Ländern laut, die wir seit langem als Hort demokratischer Werte betrachten."

Doch vor der Verleihung des Ehrenpreises ging es richtig zur Sache: Streitlustig diskutierte die Jury auf offener Bühne über die sechs Titel, die in diesem Jahr in der Kategorie Belletristik und Sachbuch für den bayerischen Buchpreis nominiert waren. Wer die Wahl hat, hat auch die Qual: Daran ließ schon Michael Then, Vorsitzender im bayerischen Landesverband des Börsenvereins, in seiner Einführung keinen Zweifel.

Eine knappe Stunde lang hatten Journalistin Franziska Augstein, Publizistin Carolin Emcke und Literaturkritiker Denis Scheck Zeit, um auf offener Bühne die beiden Preisträger 2016 zu ermitteln:  

Andrea Wulf ("Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur") in der Kategorie Sachbuch und Heinrich Steinfest in der Kategorie Belletristik ("Das Leben und Sterben der Flugzeuge").

Die Themen der auserwählten Sachbücher konnten nicht unterschiedlicher ausfallen:

  • Der Philologe Markus Schauer hat das Buch "Der Gallische Krieg" (C. H. Beck) vorgelegt und macht darin deutlich, dass der gleichnamige Text von Gaius Julius Caesar ein "Meisterwerk" ist.

  • Die Philosophin Bettina Stangneth hat bei Rowohlt den Essay "Böses Denken" publiziert. Darin gelingt es ihr auf kluge und zugleich auf gut lesbare Weise, das "Böse" in den Massenmorden des 20. Jahrhunderts mit Ereignissen unserer Tage zu verbinden.

  • Die deutsch-britische Kunsthistorikerin Andrea Wulf wiederum hat die Biographie "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" (C. Bertelsmann) geschrieben. Was hat Wulf Neues zu sagen, bei einer historischen Person wie Humboldt, dem schon viele Arbeiten gewidmet worden sind? Offenbar viel, denn die Jury hat sich aus gutem Grund für ihr Buch entschieden.

Bei Markus Schauer war sich die Jury in einem einig: Niemand hätte sich gedacht, dass der "Gallische Krieg" so spannend wiedergegeben werden kann – "Markus Schauer hat ein Schatzbuch des Wissens geschaffen", urteilte Denis Scheck. Und dass der große Caeser zugleich ein "großer Erzähler" gewesen ist, hat Carolin Emcke bei der Lektüre für sich entdeckt.

Bei Bettina Stangneths Buch "Böses Denken" hatte Franziska Augstein ihre Bedenken: "Mir fehlt die Präzision." Und bei Andrea Wulfs Humboldt-Biographie wollte Augstein der Autorin in einem gewichtigen Punkt nicht folgen, nämlich Humboldt als ersten Umweltschützer zu bezeichnen. Bei der Abstimmung ging es hoch her, keines der Jury-Mitglieder wollte von seinem vorgeschlagenen Autor ablassen. Ganz knapp war es, doch dann fiel die Entscheidung zugunsten von Andrea Wulf.

Auch bei den drei Belletristik-Finalisten hatte die Jury Hochwertiges ausgewählt: In Christian Krachts viel besprochenem Roman "Die Toten" (Kiepenheuer & Witsch) geht es ums Filmemachen am Ende der Weimarer Republik und um schillernde Verbindungen nach Japan. Denis Scheck ist ein großer Bewunderer von Krachts literarischer Sprache. Als  Franziska Augstein anmerkte, dass der Stil des Autors doch etwas preziös ausfalle, konterte er: "Das macht eben Weltliteratur aus."

Terézia Mora hat diesmal einen Erzählband mit dem Titel "Die Liebe unter Aliens" (Luchterhand) vorgelegt. Darin geht es um die kleinen Unglücke im Alltag, die ihre Helden zu bewältigen haben. "Tragikomisch" (Emcke), "das Drama des Alltäglichen" (Augstein), "Figuren mit großer Würde" (Scheck) – mit diesen Worten würdigte die Jury Moras Texte. Doch weder Kracht noch Mora machten das Rennen, sondern Heinrich Steinfest mit seinem Roman "Das Leben und Sterben der Flugzeuge" (Piper).

Skurril, hintegründig und zugleich sehr welthaltig sei Steinfests Prosaarbeit ausgefallen, die Verbindung von Traum und Wirklichkeit meisterhaft gelungen, befand die Jury. Vergleiche mit Cervantes "Don Quijote" und auch mit Heimito von Doderers Romanwelt beflügelten die Debatte. Dass die Wahl der Jury auf Heinrich Steinfest fiel, ist sicher das richtige Zeichen: Denn die literarische Qualität dieses Autors, der vor allem für seine aberwitzigen Krimis bekannt ist, wird noch immer unterschätzt.

Heinrich Steinfest verriet zum Schluss noch, wie er sich auf die öffentliche Jurydebatte vorbereitet hat: Er nahm sich vor, bis zur Preisverleihung fünf Kilo abzunehmen. Geschafft hat er zweieinhalb Kilo. Und auch wenn Steinfest abergläubisch ist: Für den Buchpreis hat die Hälfte offenbar schon gereicht.

Die Veranstaltung zum Bayerischen Buchpreis wird am 7. Dezember auch im TV übertragen: um 22.45 Uhr, im "Südlicht" im Bayerischen Fernsehen.

Der Bayerische Buchpreis wird veranstaltet vom Börsenverein - Landesverband Bayern und gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. Medienpartner sind der Bayerische Rundfunk und DIE ZEIT, Förderer ist das PS-Sparen der bayerischen Sparkassen. Die Preisträger erhalten jeweils 10.000 Euro, die vier anderen Nominierten jeweils 2.000 Euro.

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