Nachwuchsumfrage der Jungen Verlagsmenschen

Brotlose Praktika

Weniger Praktika und mangelnde Ausbildung: Trotz höherer Volontärsgehälter stellt die zweite Nachwuchsumfrage der Jungen Verlagsmenschen den Arbeitgebern ein schlechtes Zeugnis aus. Erstmals wurde auch die Situation der Berufseinsteiger analysiert. Vorgestellt wurde die Ergebnisse der Nachwuchsumfrage beim Karrieretag Buch und Medien auf der Leipziger Buchmesse und exklusiv in der Börsenblatt-Ausgabe 12/2017. KAI MüHLECK

Mit der neuen Nachwuchsumfrage wollten die Jungen Verlagsmenschen zwei Jahre nach der Einführung des Mindestlohns herausfinden, wie sich dieser auf die Bedingungen für den Nachwuchs in der Buchbranche ausgewirkt hat.

„Bei den Praktikanten ist eine eindeutige Tendenz zu weniger und kürzeren Praktika zu sehen. Außerdem stellen Verlage inzwischen bevorzugt Pflichtpraktikanten ein, für die kein Mindestlohn fällig ist. Erschreckend ist der hohe Anteil der unbezahlten Praktika – schließlich arbeiten die meisten Vollzeit im Unternehmen mit. Davon nicht mal die Miete zahlen zu können, bedeutet, dass sich einige Menschen ein Praktikum in unserer Branche schlichtweg nicht leisten können“, sagt Cigdem Aker, Schatzmeisterin des Nachwuchsvereins und aktiv in der AG Nachwuchsrechte.

„Auch wenn der Mindestlohn in vielen Verlagen der Anstoß war, die Bezahlung für Volontäre zu erhöhen, liegt die Vergütung im Durchschnitt noch knapp darunter. Kritisch finden wir das vor allem im Zusammenhang mit der Tatsache, dass als Begründung der Ausbildungscharakter des Volontariats angeführt wird. Jedoch fehlen dafür zu häufig ein Betreuer, ein Ausbildungsplan und die Möglichkeit zur Weiterbildung, stattdessen ersetzen sehr viele Volontäre nach ihrer Selbsteinschätzung eine reguläre Fachkraft. Dafür hätten sie laut Gesetz nicht nur den Mindestlohn, sondern dieselbe Vergütung verdient wie ihre festangestellten Kollegen“, so Cigdem Aker weiter.

Erstmals hat der Verein auch eine Datengrundlage, um die Situation der Berufseinsteiger abzubilden. Für die Umfrage unter Nachwuchskräften hat der Verein Junge Verlagsmenschen die Angaben von 798 Personen ausgewertet, darunter 440 Young Professionals, 247 Volontäre und 176 Praktikanten.

„Als überraschend positiv empfanden wir den hohen Anteil der unbefristeten Arbeitsverträge“, so Aker mit Blick auf die Berufseinsteiger. „Aber auch in dieser Gruppe ist beim Gehalt, vor allem im Vergleich mit anderen Studien, noch Luft nach oben. Eine mögliche Ursache sehen wir in der niedrigen Tarifbindung innerhalb der Buchbranche. Daher möchten wir uns als Junge Verlagsmenschen auch in Zukunft als Stimme des Branchennachwuchses für bessere und fairere Arbeitsbedingungen einsetzen. Unsere im letzten Jahr entstandene Kooperation mit Verdi war ein erster wichtiger Schritt, der von vielen Umfrageteilnehmern gelobt wurde.“

Zu den Ergebnissen der Studie

Situation der Volontäre:

  • 28 Prozent der Volontäre gaben an, „oft oder immer“ Überstunden zu schieben
  • Nur 24 Prozent mussten „selten oder nie“ Extradienst leisten
  • 74 Prozent der Volontäre verfügen mindestens über einen Masterabschluss
  • 56 Prozent hatten einen Betreuer,
  • nur 24 Prozent bekamen einen Ausbildungsplan
  • 32 Prozent hatten Einblick in andere Abteilungen
  • nur 1 Prozent der Volontariate war kürzer als ein halbes Jahr
  • 60 Prozent aller Volontariate dauerten länger als ein Jahr
  • 1.327 Euro  brutto verdienen Volontäre im Schnitt; das sind 210 € mehr als vor Einführung des Mindestlohns
  • 40 Prozent der Arbeitgeber erhöhten während des Volontariats das Gehalt
  • 28 Prozent nannten den gesetzlichen Mindestlohn als Grund
  • 70 Prozent der Volontäre waren auf Zusatzeinkünfte zum Leben angewiesen
  • gerade einmal 19 ­Prozent fühlten sich „fair bezahlt“
  • Im Schnitt stellten die Volontäre ihrem Arbeitgeber in Schulnoten insgesamt eine 2,64 (3+) aus, das ist ein mikroskopisches Plus im Zweijahresvergleich
  • In Sachen Bezahlung blieb es bei einer „4-“

 

Fortbildungen für Volontäre:

  • 46 Prozent fanden intern statt
  • 31 Prozent extern
  • 22 Prozent der Volontäre konnten bei ihrer Beschäftigung "keinerlei Ausbildungscharakter" erkennen
  • Nur 24 Prozent erhielten einen Ausbildungsplan –  laut Gesetz ist das aber Pflicht

Praktikanten

  • 38 Prozent der Praktika waren unbezahlt
  • Im Schnitt verdiente ein Praktikant 287 Euro brutto (2015: 275 Euro)
  • Nur 3 Prozent der Praktika wurden mit dem Mindestlohn vergütet (Pflicht- und Orientierungspraktika unter 4 Monaten sind ausgenommen)
  • Vier oder mehr ­Praktika konnten nur noch neun Prozent der ­Befragten aufweisen (2015: 17 Prozent), auch die Dauer wurde kürzer
  • 78 Prozent der Praktikanten würden ihr Unternehmen für ein Praktikum empfehlen
  • 55 Prozent ersetzten nach ihrer eigenen Einschätzung eine reguläre Fachkraft

 

Young Professionals 

  • 64 Prozent der befragten Young Professionals (nicht Volontäre) sind unbefristet angestellt
  • nach Tarif bezahlt werden laut Umfrage 35 ­Prozent 
  • im Schnitt ­verdienenYoung Professionals 2.621,50 Euro (brutto)
  • 74 Prozent arbeiten in VollzeitYoung Professionals
  • 37 Prozent haben vorher ein Volontariat absolviert
  • 8 Prozent der Young Professionals haben Personalverantwortung 

Aus dem Archiv:

Ergebnisse der ersten Nachwuchsumfrage der Jungen Verlagsmenschen (2015)

Mindestlohn 2017: Mehr Lohn, weniger Ausnahmen

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