Arbeitskreis für Jugendliteratur kritisiert Einladungen an AfD

"Vorlesetag ist keine Plattform für fremdenfeindliche Politiker"

In die Diskussion um die Einladung von AfD-Politikern zum Bundesweiten Vorlesetag hat sich nun der Arbeitskreis für Jugendliteratur als Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Lesen eingeschaltet. Er kritisiert die Einladungen und betont, dass die Verantwortung dafür nicht an die Leiterinnen von Kitas und Schulen delegiert werden könne.

In einer Aussendung ohne persönliche Anrede hatte die Stiftung Lesen alle demokratisch gewählten Abgeordneten der Länderparlamente und des Bundestags mit Ausnahme der NPD eingeladen, am Bundesweiten Vorlesetag am 17. November teilzunehmen. Bereits PEN-Präsidentin Regula Venske hatte dieses Verfahren kritisiert, die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen avj hatte am 9. August gegenüber den Initiatoren des Bundesweiten Vorlesetags ihr "Befremden über die unkritische bzw. undifferenzierte Einladung aller gewählten Politiker (m/w), die nur die der NPD ausschließt", geäußert. Die Jugendbuchverleger hatten die Initiatoren aufgefordert, die Einladungen wieder zurückzunehmen und künftig kritischere Maßstäbe anzusetzen (siehe Archiv: "Jugendbuchverlage fordern Rückzieher"). Daraufhin hatten die drei Initiatoren Stiftung Lesen, "Zeit" und Deutsche Bahn mittgeteilt, sie wollten "die politische Entwicklung, besonders der AfD, beobachten und ihr Vorgehen 2018 überprüfen". Grundsätzlich solle der Vorlesetag "keine politische Plattform" sein, sondern die Begeisterung am Lesen und Vorlesen wecken.

Verantwortung kann nicht delegiert werden

In ihrem offenen Brief an Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, hat der Arbeitskreis für Jugendliteratur AKJ gestern auf ihre Gründungsgeschichte rekurriert, aus der sich "eine eindeutige politische Verpflichtung" ableite: "Im Handlungsfeld der Leseförderung stehen wir für Verschiedenheit, Weltoffenheit, Toleranz und ein friedliches Miteinander." Angesichts aktueller Integrationsfragen sei dieses Anliegen auch nach mehr als 60 Jahren unverändert aktuell. "Unsere tiefe Überzeugung ist: Kinder- und Jugendliteratur öffnet Türen zur Welt. […] Erst dadurch, dass sie unterschiedliche Lebens- und Gesellschaftsentwürfe kennenlernen, lernen Kinder und Jugendliche, unabhängig zu urteilen und selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Die von Ihnen eingeladenen AfD-Politiker stehen dieser Überzeugung – und auch den demokratischen Grundsätzen unseres Landes – diametral entgegen", schreibt Susanne Helene Becker für den AKJ-Vorstand und nennt beispielhaft den thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke, den baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon oder den saarländischen AfD-Vorsitzenden Josef Dörr.

"Der renommierte Bundesweite Vorlesetag darf keine Plattform für rassistische und offen fremdenfeindliche Politiker bieten", so Beckers Plädoyer. Weiterhin mahnt sie: "Die Einladung und Auswahl Ihrer Vorleser*innen steht in Ihrer Verantwortung, sie kann nicht an die Leiter*innen von Kitas und Schulen delegiert werden. Als Institution der kulturellen Bildung unterliegt auch die Stiftung Lesen hier einer besonderen Sorgfaltspflicht. Nach unserem Verständnis von Leseförderung muss die Auswahl der Vorleser*innen ebenso wie die der Literatur qualitativen Maßstäben genügen." Der AKJ begrüße es daher, dass die Initiatoren die begründete Kritik an ihrer Einladungspraxis ernst nähmen und diese im kommenden Jahr überprüfen würden

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3 Kommentar/e

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  • peterundpaul

    peterundpaul

    m.M.n. doch eine eher merkwürdige Auffassung des AKJ, diametral zur eigenen "politischen Verpflichtung" (s.o.)
    wie sagte schon Rosa Luxemburg:
    „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden."

  • Monika Osberghaus

    Monika Osberghaus

    Was der AKJ im oberen Teil seines Briefes schreibt, ist richtig und kommt jetzt nur erstaunlich spät. Was am Schluss steht, macht mich fassungslos. Nach dem Motto: „Warten wir eben noch ein Jahr ab! Dieses Jahr ist es nicht so schlimm.“

    Es kann doch, wenn man die Einladung der Afd-Politiker nicht akzeptabel findet, nur eine Reaktion darauf geben: Die Forderung, diese Leute sofort und öffentlich auszuladen. Was für ein windelweicher „Protestbrief“! Warum wurde er überhaupt geschrieben?

  • Ulrich Störiko-Blume

    Ulrich Störiko-Blume

    Die avj hat in Ihrer Erklärung vom 8. August das Richtige gefordert: Die Einladung an Repräsentanten der AfD zurückzuziehen. Unsere Demokratie lässt zu, dass Feinde der Freiheit gewählt werden können – nun gut, dann muss man sie politisch und wenn nötig auch rechtlich bekämpfen. Die AfD ist nicht minder von undemokratischem „Denken“ geprägt wie die NPD oder weiland die Republikaner. Aber die Freunde der Demokratie sollten nicht so dumm sein, solche Parteien salonfähig zu machen. Der AKJ begeht den gleichen Fehler wie die peinliche Stellungnahme der Stiftung Lesen, indem sie sagen: Dieses Jahr drücken wir mal ein Auge zu. Wehret den Anfängen!

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