Podiumsdiskussion zu Jugend und Politik

Farbige Protagonisten und Feuerwehrfrauen

Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj), der Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ), Börsenverein und Stiftung Lesen hatten zum diesjährigen "Trendbericht Kinder- und Jugendbuch" erstmals in das Forum "Politik und Medienbildung" geladen. Das Motto: Demokratie braucht Nachwuchs. NICOLA BARDOLA

Diskussion und Trendbericht unter dem Motto: Demokratie braucht Nachwuchs

Diskussion und Trendbericht unter dem Motto: Demokratie braucht Nachwuchs © Tobias Bohm

Susann Gessner

Susann Gessner © Tobias Bohm

Mangelnder Mut

Die frühere Lehrerin und jetzige Studienrätin am Institut für Schulpädagogik Susann Gessner (Universität Gießen) berichtete von ihren Erfahrungen bei der Ausbildung von Grundschullehrern und vom mangelnden Mut der jungen Pädagogen, sich an das Thema Politik zu wagen: "Es gilt, das Politikverständnis zu entmystifizieren, nicht indem man Tagespolitik macht, sondern mit mehr und aktuellen Buch-Angeboten." Gessner nannte als Beispiel Reinhard Kleists Graphic Novel "Der Traum von Olympia" (Carlsen), die als Basis für die Abschlussarbeit einer ihrer Studentinnen diente. "Diese Geschichte der tragischen Vita einer somalischen Profiläuferin eignet sich hervorragend dazu, um fächerübergreifend das Thema Flüchtlinge nicht auf Pro und Contra zu reduzieren", so Gessner, die Kinder- und Jugendliteratur ungern nur unter Nützlichkeitsaspekten betrachtet. Nach ihrer Beobachtung sind es oft eigenwillige Stoffe und deren einfallsreiche Umsetzungen, die beim Nachwuchs zünden.

Susann Struppert

Susann Struppert © Tobias Bohm

Nicht mit längst vergriffenen Büchern arbeiten

Susann Struppert brachte als Gründerin des ersten Kinderbuchladens in Leipzig (Serifee) entsprechende Bücher mit zur Diskussion, die sie für den praktischen Einsatz für besonders geeignet hält. "Leseförderung beginnt schon sehr früh. Passende Bücher sind nicht immer auf Anhieb erkennbar", erklärte Struppert, die als Kind kaum gelesen hat und Buchläden nicht mochte - erst mit der Geburt ihrer beiden Kinder hatte die gelernte Goldschmiedin ihr Verhältnis zum gedruckten Wort geändert. Das Publikum im überfüllten Forum staunte nicht schlecht, als sie das 2017 erschienene Pappbilderbuch "Heute gehen wir zur Feuerwehr!" (ArsEdition) für Kinder ab zwei Jahren vorstellte, denn da gibt es nicht nur Feuerwehrfrauen, sondern auch farbige Feuerwehrmänner. "Farbige Protagonisten kommen in unseren Kinderbüchern viel zu selten vor. Dieses Buch ist ein Schritt in die richtige Richtung", kommentierte Struppert. Ihr Appell an die Lehrer: "Kommen Sie nicht mit Büchern, die längst vergriffen sind." Die Buchhändlerin merkte an, dass viele Schulbibliotheken in einem desolaten Zustand seien.

Heiko Bergt

Heiko Bergt © Tobias Bohm

Demokratisch aus eigenem Antrieb

Partizipationsprojekte für Kinder- und Jugendliche entwickelt der Diplom-Sozialarbeiter Heiko Bergt (Agentur bhoch3), u.a. für die Kinderstädte Dessopolis (Dessau-Roßlau) und Elberado (Magdeburg). "Hier stellen nicht die Erwachsenen die Regeln auf, sondern die Kinder selbst. Bei 'Bürgermeisterwahlen' ist eine Beteiligung von mehr als 70 Prozent eine Selbstverständlichkeit", so Bergt, der von einem Jungen berichtete, der sich zum Kaiser krönen ließ, wenig später aber vom Volk verjagt wurde. "Kinderrechte werden in Kinderstädten" groß geschrieben, erklärte Bergt und schilderte, wie der Nachwuchs aus eigenem Antrieb heraus demokratische Gesetze erlasse. Begleitend zu den Abenteuern des Alltags werde in Kinderstädten oft auch auch passender Lesestoff empfohlen.

Birgit Schulze-Wehnicke

Birgit Schulze-Wehnicke © Tobias Bohm

Kinder ernst nehmen

Wie bei Bergts Projekten gilt auch für den "Buchkinder Leipzig e.V.": "Wir müssen Kinder ernst nehmen. Wir müssen fragen, wer da ist. Dann tut sich ein Tor auf", sagte Birgit Schulze-Wehnicke, die bei den Buchkindern die Leseförderung inhaltlich und strukturell weiterentwickelt. Sie fordert mehr Hinwendung und mehr Mitmachangebote, damit Kinder kritikfähiger und für politische Teilhabe frühzeitig begeistert werden könnten: "So finden sie einen Weg zu ihrem eigenen Ausdruck." 

Ines Dettmann

Ines Dettmann © Tobias Bohm

Moderiert wurde die Diskussion von Ines Dettmann, die das Junge Literaturhaus in Köln leitet. Ihre Fragen nach Möglichkeiten verstärkter Förderung des politischen Interesses machten die große Bedeutung von Büchern für dieses Ziel deutlich. Dementsprechend haben die Veranstalter anlässlich des "Trendberichts Kinder- und Jugendbuch" aktuelle Leseempfehlungen veröffentlicht.


Weiterlesen:

Gemeinsamer Appell der Buch- und Leseförderer

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