Diskussion über Literarische Kulturarbeit

Kann Literatur aus anderen Ländern Vorurteile abbauen?

Zur Podiumsdiskussion zum Thema „Mit Geschichten die Welt verändern – Literarische Kulturarbeit“ kamen Anita Djafari, Geschäftsführerin des Litprom e.V., Lektor Piero Salabè (Hanser), Verlegerin Selma Wels (binooki), Übersetzerin und Buchpädagogin Gudrun Ingratubun und der Buchhändler Detlev Patz zusammen. VON CORNELIA BIRR

Zum Einstieg stellte Moderator Gerwig Epkes, Literaturredakteur des SWR, die Frage nach der Lesebiographie der Teilnehmer, und man spürte: Ein wenig muss die Runde erst auftauen. Für Auflockerung sorgte unter anderem der Fakt, dass Übersetzerin Ingratubun tropische Landwirtschaft studiert hat.


Verändern Bücher die Sicht auf andere Länder?

Mit einer der nächsten Fragen nahm das Gespräch dann Fahrt auf. Ob Bücher die Sicht der Diskussionsteilnehmer auf andere Länder verändert hätten, wollte Epkes wissen. Auf jeden Fall, antwortete Anita Djafari, sonst hätte sie sich nicht für einen Job in einer Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt entschieden. Detlev Patz, der in seinen zwei Buchhandlungen viele unabhängige Verlage präsentiert, orientiert sich bei der Auswahl seiner Auslage an der litprom-Weltempfänger-Liste. Durch sie habe er viel Neues entdeckt und sein Denken geöffnet. Ein Beispiel: Der Roman "Die Stille von Chagos" der mauritischen Schriftstellerin Shenaz Patel ("das beste unlesbare Buch, das ich je gelesen habe", so Patz) habe ihm aufgezeigt, dass es jenseits von Westeuropa und Nordamerika eine ganze Welt gäbe, von der er wenig wissen. Das bestätigte Ingratubun: Sie habe durch indonesische Literatur über den zweiten Weltkrieg einen ganz anderen Blick auf die Geschichte erhalten.

Selma Wels, die im 2016 gegründeten binooki-Verlag gemeinsam mit ihrer Schwester junge türkische Literatur verlegt, drehte den Spieß um: "Für mich ist der größte Gewinn, mit meinen Büchern die Sichtweisen anderer zu ändern. Ich habe festgestellt, dass die Lektüre eines Romans manchmal überzeugender sein kann als eine Diskussion." Das läge sicher daran, bestätigte Anita Djafari, dass man sich Bücher auf eine ganz persönliche Art zueigen machen, sie sich in seinem eigenen Zeitrahmen in aller Ruhe erschließen könne.


"Exotische Bücher sind eine Herausforderung"

Hanser-Lektor Piero Salabè schwärmte von der Bereicherung, die ein Leser erfahre, wenn er durch Literatur in das Leben anderer Menschen eintauche, die eigene Identität ablege und eine andere annehme: "Aus dem Bewusstsein der Andersartigkeit heraus öffnet man sich und revidiert Vorurteile". Aus Verlagssicht seien exotischere Bücher dennoch eine Herausforderung: "Je höher das Maß dieser Andersartigkeit, desto schwieriger wird es, ein Buch zu verkaufen. Der Leser möchte das Gefühl haben: Ich kenne das, ich fühle mich wohl hier." Aber liege nicht aller Literatur Universelles zugrunde - Liebe, Leben, Tod, fragte Djafari und konkludierte: "Wer sich auf andere Literaturen einlässt, merkt am Ende doch immer: Das Fremde ist gar nicht so fremd."

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