Börsenverein: Der Landesverband Berlin-Brandenburg hat getagt

"Wir stehen zusammen"

Auf ihrer Jahreshauptversammlung am 5. Mai setzten die Mitglieder des Landesverbands Berlin-Brandenburg ein Zeichen der Solidarität mit ihrem Kollegen Heinz Jürgen Ostermann. Und sie konnten sich über einen neuen, hochdotierten Verlagspreis freuen. VON HOLGER HEIMANN

Es war ein weiter Weg von der Berliner Mitte zur diesjährigen Jahrestagung des Landesverbandes Berlin-Brandenburg. Denn das Treffen fand in diesem Jahr im Kulturzentrum "Alte Dorfschule" an der südlichen Berliner Grenze in Rudow statt, fast konnten sich die Besucher schon im ländlichen Brandenburg wähnen. Doch der randständige, kleine Versammlungsraum wurde keineswegs zufällig gewählt. Ein neuerliches Zeichen der Solidarität mit "Buchhandlungen, die vor Ort mit Anfeindungen und Tätlichkeiten konfrontiert werden", wollte der Landesverband setzen. "Wir stehen zusammen", war das Motto.

Für den Buchhändler Heinz Jürgen Ostermann sind es von seinem Laden nur ein paar Schritte zur "Alten Dorfschule". Ostermann war selbstverständlich gekommen, denn die Solidarität galt vor allem ihm. Seine Buchhandlung Leporello ist Teil der Initiative Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus und wurde offenbar deswegen Ende 20016 zum Anschlagsziel. Das Auto des Inhabers ging bereits zweimal in Flammen auf, zuletzt vor wenigen Monaten.

Klaus Lederer: "Wir brauchen zivilgesellschaftliches Engagement"

Angereist war auch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer. Viel Zuspruch gab es vom schwungvoll auftretenden Politiker der Linken: "Wir bauchen zivilgesellschaftliches Engagement. Demokratie und Vielfalt lassen sich nicht anordnen, sondern nur von unten bauen", bekräftigte er. Dem "Versuch der rechten Landnahme im gesellschaftlichen Raum" müsse entschieden begegnet werden. Der Gast lobte nachdrücklich kleine Verlage und Buchhandlungen, denn sie seien es vor allem, die Bibliodiversität befördern.

Die Berliner Politik will diese Vielfalt nun stärker stützen. Lederer kündigte an, dass noch in diesem Jahr erstmals der Berliner Verlagspreis vergeben werden soll. Der Preis besteht aus einem mit 35.000 Euro dotierten Hauptpreis sowie zwei Förderpreisen zu je 15.000 Euro. Ausgezeichnet werden herausragende Programme und verlegerisches Engagement. Um den Hauptpreis können sich alle Verlage mit einem Jahresumsatz unter zwei Millionen Euro bewerben. Die Förderpreise richten sich an Verlage, deren Jahresumsatz unter einer Million Euro liegt.

"Mit insgesamt 65.000 Euro ist er der höchst dotierte Verlagspreis in Deutschland", rechnete Lederer stolz vor und beschied den Verlagen, die sich nicht bewerben dürfen: "Die Förderung der kleinen Unternehmen nützt auch den größeren Häusern." Verlage können sich bis zum 31. Juli 2018 bewerben. Details dazu hier.

Kilian Kissling bleibt Vorsitzender - dank einer Satzungsänderung

Gewählt wurde in Berlin-Rudow auch. Der neue Vorstand ist der alte:

  • Kilian Kissling, Geschäftsführer des Argon Verlags wurde abermals zum Vorsitzenden gewählt
  • Sortimenter Nanno Viëtor (Buchhandlung Johannesstift) fungiert als 2. Vorsitzender
  • Den Vorstand komplettieren: Gerrit Schooff (Buchhandlung Der Zauberberg) als Schatzmeister, Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) als stellvertretender Schatzmeister, Ulrich Hopp (be.bra Verlag) als Schriftführer und Ines Krüger (Büchereck Baumschulenweg) als stellvertretende Schriftführerin.

Die Wahl wurde möglich, weil zuvor die Versammelten nahezu einstimmig für eine Änderung der Satzung des Landesverbandes votierten. Demnach darf nun ein Mitglied des Vorstands diesem drei  (anstatt wie bisher nur zwei) Amtsperioden angehören.

Kissling beispielsweise war vor seiner Wahl 2015 zum Vorsitzenden bereits zweiter Vorsitzender, hätte also nach der alten Satzung nicht noch einmal kandidieren dürfen. Es sei nicht leichter geworden, Kandidaten für die Arbeit im Vorstand zu gewinnen, warb die Geschäftsführung für die Satzungsänderung. Kissling gab überdies an: "Ich fühle mich erst warm gelaufen. Ich bin nicht müde."

Grundlagen verteidigen - und das Neue gestalten

Das unterstrich der alte und neue Vorstandsvorsitzende in seiner Rede, die sich – kaum überraschend – mit dem Rückgang der Zahl der Buchkäufer auseinandersetzte. Kissling selbst konzedierte: "Das Thema darf nun auf keiner Agenda einer Branchenveranstaltung fehlen", doch lieferten die Daten der Marktforschung keineswegs Überraschendes, sondern lediglich, was man "in der Familie, der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder in der U-Bahn" seit Jahren beobachten könne. Angst, Sorge und Ratlosigkeit seien jedoch die falschen Reaktionen.

Die Buchbranche habe immer ausgezeichnet, dass sie Trends in der Gesellschaft erkenne und aufgreife, so Kissling. Heute gelte es zu begreifen, "dass es Trends gibt, auf die unsere bisherigen Angebote nicht mehr die allein hinreichenden Antworten sind. Etwa der Trend, weniger Dinge haben, aber mehr nutzen zu wollen." Ein weiterer Trend sei der zu kleineren Formaten: "Songs statt Alben, Serienfolgen statt Spielfilm, Artikel statt komplettes Magazin."

Kissling forderte seine Kollegen auf, den gesellschaftlichen Wandel nicht zu beklagen, sondern ihn anzunehmen und die Antworten auf veränderte Kundenbedürfnisse nicht allein anderen zu überlassen. "Wir haben ja auch Kurzgeschichten, Lyrik, Essays, Serien." Die Branche sei mithin aufgefordert, ihre Grundlagen zu verteidigen und gleichzeitig das Neue zu gestalten: "Wir müssen uns – gerade auf verbandlicher Seite – endlich davon verabschieden, darin einen Widerspruch zu sehen. Neue Inhalte, neue Angebotsformen sind kein Verrat an bewährten und identitätsstiftenden Institutionen."

Die Hauptstadtregion biete für innovative Konzepte die besten Voraussetzungen. Um diese noch besser nutzen zu können, will der Landesverband intensiver als bisher Netzwerke organisieren und etablieren sowie Kommunikationswege überarbeiten. Denn: "Die Grundlagen verteidigen und das Neue gestalten kann nur gelingen durch die Summe vieler Initiativen, von Netzwerken, die vom Reden ins Handeln kommen."

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