Der Buchmarkt in Georgien

Die Jugend liest

Der Buchmarkt der Kaukasusrepublik kennt nur eine Richtung: aufwärts. Ein Besuch in einem Land, dessen Menschen in Büchern das Tor zu einer besseren Zukunft sehen. TORSTEN CASIMIR

Imposant: Die Einsiedelei auf dem 40 Meter hohen Katskhi-Felsen nahe der georgischen Stadt Chiatura

Imposant: Die Einsiedelei auf dem 40 Meter hohen Katskhi-Felsen nahe der georgischen Stadt Chiatura © Andrei Bortnikau i-stock

Georgiens Buchmarkt ist so ziemlich in jeder Hinsicht das Gegenstück  zum deutschen: Es ist ein sehr kleiner Markt, kein Wunder bei einem Land mit nur 3,7 Millionen Einwohnern. Es ist ein sehr junger Markt, weil die Jugend im Südkaukasus die Überzeugung hat, dass am ehesten den Lesenden und Gebildeten die Zukunft offensteht. Die Verlage bringen Jahr für Jahr mehr Novitäten heraus, weil immer mehr Menschen Bücher kaufen oder leihen. Die durchschnittlichen Auflagen steigen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Die Zahl der Buchläden wächst und wächst. Eine gesetzliche Buchpreisbindung gibt es nicht. Die Buchmesse in Tiflis, 1997 von Verlegern und Buchhändlern ins Leben gerufen, erfreut sich zunehmender Beliebtheit; mittlerweile kommen mehr als 40 000 Besucher jeweils Ende Mai, Anfang Juni in die Hauptstadt zu diesem Kulturevent, das ihnen zugleich eine prima Einkaufsgelegenheit bietet. Und Amazon? Spielt in Georgien keine Rolle.

Zu den Details: "Die junge Generation liest mehr als früher", freut sich Gvantsa Jobava. 1986 geboren, gehört die Vizechefin des nationalen Verleger- und Buchhändlerverbands selbst dieser Generation an. Das Interesse der Jugend an Büchern habe spürbare wirtschaftliche Folgen, sagt sie: Der Anteil von neuen Titeln, die es über die Durchschnittsauflage von 1 000 Exemplaren schaffen, steige kontinuierlich. Als Bestseller gilt bisher in Georgien schon ein Buch, das 3 000-mal verkauft wird, nur die allerwenigs­ten Topseller erreichen eine knapp fünfstellige Auflage.


Generation mit Hunger auf Bücher

Wenn Jobava solche Zahlen referiert, schwingt Stolz über eine Entwicklung mit, von der 1991, als die damalige Sow­jetrepublik Georgien ihre Unabhängigkeit erklärte, niemand zu träumen gewagt hätte. "Wir sind damals bei null gestartet." Erste private Verlage wurden gegründet, anfangs noch zaghaft, denn die wirtschaftliche Entwicklung in den 1990er Jahren litt noch schwer unter instabilen politischen Verhältnissen; das Land musste sich seine demokratische Praxis erst mühsam erarbeiten, musste immer wieder Rückschläge im Kampf gegen Korruption wegstecken, wurde von kriegerischen Auseinandersetzungen um Südossetien erschüttert.


Heute ruht die Hoffnung Georgiens auf seiner jungen Generation, die für Neugier, Bildungshunger und interna­tionale Öffnung vor allem Richtung Westeuropa steht. "Eltern, die ihre Kinder fördern wollen, bringen sie in Kontakt mit Büchern", erklärt Gvantsa Jobava (deren Verband derzeit 25 Verlage und 20 Buchhandelsunternehmen angehören). Auch deshalb seien Kinder- und Jugendbücher die Warengruppe mit der höchsten Wachstumsdynamik. Und ihre Bücher kaufen Georgier, insbesondere wenn sie in den Großstädten leben, am liebsten im stationären Buchhandel.


Das Publikum möchte literarische Live-Events

Der wird dominiert vom Filialisten Biblusi, dessen Übermacht dort noch viel deutlicher ist als die Marktführerschaft Thalias in Deutschland. 58 Geschäfte hat Georgiens größter Buchhändler landesweit, davon allein 26 in Tiflis. Giorgi Kirvalidze, der General Manager im dreistöckigen Biblusi-Store an der zentralen Rustaveli Avenue, spricht von einem "immer größeren Interesse des Publikums an Events mit Autoren". An der Rustaveli setzen sie immer mehr auf Liveformate, der Eintritt ist dabei stets frei.
Vor einiger Zeit, erzählt der 32-jährige studierte Finanzwissenschaftler, den es nach der Universität nicht zu den Banken, sondern zu den Büchern zog, habe man zum Beispiel den französischen Autor Frédéric Beigbeder zu Gast gehabt – mit unglaublichen Szenen von Fans und Autogrammjägern, die sich auf der 400-Quadratmeter-Fläche drängelten und auf den Auftritt eines Rockstars hätten schließen lassen. Beigbeder präsentierte seinen schon viele Jahre alten Roman "99 Francs" (deutsch: "39,90"), der zeitgleich von Palitra L, einem der größten Verlage im Land, dem auch Biblusi gehört, in einer Sonderausgabe herausgebracht wurde.


Netflix hat den Trend zu Büchern nicht gestoppt

Wer als Westeuropäer die Biblusi Gallery an der Rustaveli betritt, findet sich in einem modernen Ladengeschäft mit vertrauten Mitteln der Präsentation wieder (Thementische, Bestsellerstapel, Frontalansicht ausgewählter Novitäten, viele Orientierungshilfen, hochwertige Raumausstattung, professionelles Lichtkonzept). Das Erdgeschoss beherbergt die Kinder- und Jugendbücher, im ers­ten Stock gibt es ein feines Sortiment an (heimischen) Weinen, das 2. OG bietet Fläche für das allgemeine Buchsortiment nebst Café. Biblusi ist seit zehn Jahren am Markt. Store-Chef Kirvalidze blickt optimistisch in die Zukunft. "Das Buch als Geschenk, vor allem für Kinder, ist eine immer beliebter werdende Idee bei uns in Georgien", sagt er.
Das bestätigt auch Nika Sulakauri vom Wettbewerber Santa Esperanza, der zweitgrößten Buchhandelskette im Land, ebenfalls im Besitz eines Verlags, nämlich von Bakur Sulakauri. "Die Leute hier wollen mehr lernen und verstehen. Sie sehen Lesen als Teil ihrer Kultur an." Auch Theater sei in den letzten Jahren populärer in Georgien geworden. Die Nachfrage vor allem nach Belletris­tik und Sachbüchern wird nach Ansicht des 22-jährigen Sulakauri, der nach einem Studium in Seattle eben erst in das Unternehmen seiner Eltern eingestiegen ist, von Internetangeboten bisher nicht beeinträchtigt. "Selbst Netflix, das wir hier seit einem Jahr haben, hat den Trend zu Büchern nicht gestoppt."


Der größte limitierende Faktor für den Buchmarkt des dünn besiedelten eurasischen Landes ist die Kaufkraft. Maximal 15 Lari (1 Lari sind 35 Eurocent) für ein Taschenbuch, 20–25 Lari für ein Hardcover: Höhere Preise, glaubt Gvantsa Jobava, seien auf lange Sicht nicht drin. Aber auch umgekehrt scheinen dem Preiswettbewerb enge Grenzen gesetzt. "Wir haben es ausprobiert", sagt Jobava, "und gesehen, dass wir mit niedrigeren Preisen den Absatz nicht steigern". Denn am unteren Ende der Kaufkraft-Skala herrscht eine andere Beschaffungsart vor: die Ausleihe.

© BBL

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