Kerstin Gleba und Helge Malchow (KiWi) im Gespräch

Lebendig bleiben

Personalien sind oft laut. Bei KiWi trägt sich jetzt eine Variante zu, die man selten findet: spektakulär still. Kerstin Gleba folgt als Verlegerin auf Helge Malchow. Logisch. Finden die zwei auch. INTERVIEW: TORSTEN CASIMIR

Kerstin Gleba und Helge Malchow

Kerstin Gleba und Helge Malchow © Melanie Grande

Wollen Sie mit Ihren Büchern die Welt verbessern?
Kerstin Gleba (KG): Definitiv ja.

In welche Richtung?
KG: Wir können Impulse geben, die eine Gesellschaft weiterbringen in ihrer freiheitlichen, demokratischen Ausrichtung. Ich weiß, das sind große Begriffe. Aber wir glauben, dass Literatur das zu leisten vermag. Bücher können alternative Sichtweisen auf die Wirklichkeit anbieten, Möglichkeitsräume öffnen. Als politisches Buch können sie konkrete Debatten anstoßen. In der Geschichte von Kiepenheuer & Witsch steht dafür Günter Wallraff mit "Ganz unten". Oder denken Sie an "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer. Solche Bücher haben unser Denken beeinflusst.

Unser Verhalten weniger.
Helge Malchow (HM): Bücher sind ja keine Befehle. Sie machen Vorschläge. Was sie in Gang setzen, sind komplex vermittelte Prozesse. Dave Eggers' "Der Circle" hat mein Bewusstsein verändert, und nicht nur meins: Der Roman hatte mehr als eine halbe Million Leser. Heute führen wir eine Diskussion über Digitalisierung, die kritische Fragen nach einer immer umfassenderen Kontrolle des Einzelnen nicht ausspart. Dazu hat ­Eggers' Roman etwas beigetragen.
KG: Es hat mich sehr gefreut, dass "Der Circle" nicht nur im Erwachsenen­bereich, sondern auch von der jungen Generation stark beachtet wurde. Die Jugendjury des Deutschen Jugend­literaturpreises hatte ihn nominiert. Das Buch nahm vorweg, was unter jungen Leuten heute zunehmend geschieht: dass man sich mit den Schattenseiten von Transparenz und permanentem ­Online-Sein auseinandersetzt.

"Always on" ist als eine Ursache dafür ausgemacht, dass das Buch in der ­Medienkonkurrenz an Boden verliert. Wie wird das weitergehen?
KG: Es wird immer mehr gelesen, derzeit allerdings immer seltener im Buch, das stimmt. Ich glaube jedoch, die Strahlkraft eines Buchs wird sich auch in Zukunft entfalten. Es ist ein besonderes Medium, etwas inhaltlich Abgeschlossenes. Danach werden Menschen künftig eher mehr als weniger suchen.
HM: Digitalisierung und Netzkultur laufen auf Zerstreuung hinaus. Wir rezipieren kurzatmiger, werden sprunghafter in der Aufmerksamkeit. Da wird die Gegenkraft des Vertiefungsmediums Buch, das Zusammenhänge erklärt, natürlich wichtiger. Mich erinnert die Situation an das Auftauchen des Films. Damals dachten die Leute am Theater, das sei ihr Ende. Aber dann haben sie gemerkt, worin die Einzigartigkeit des Theaters liegt: Es ist nicht reproduzierbar, sondern jedes Mal ein besonderer Abend, mit nur diesen Schauspielern, nur in dieser einen, einzigartigen Aufführung.
KG: In der Zeitungslandschaft beobachten wir ja Ähnliches. Auf der einen Seite leben Onlinemedien, durch Twitter getrieben, von der Verkürzung. Ständig hecheln sie vermeintlicher Aktualität hinterher. Und auf der anderen Seite arbeitet zum Beispiel "Die Zeit" mit langen, sorgfältig recherchierten, sehr gut erzählten Texten und hat als Printmedium seinen Platz behauptet, sogar ausgebaut.

"Die Zeit" muss immer herhalten, wenn Hoffnung gebraucht wird. Es gibt aber auf dem Zeitungsmarkt mehr Beispiele von Elend als von Glanz. Zeigt sich nicht in der Buchbranche gerade Vergleichbares? Einigen Verlagen steht das Wasser bis zum Hals, anderen geht es gut. Wie erklären Sie sich – von unfairer Glücksverteilung abgesehen – so immense Unterschiede?
HM: Qualitätsverlage sind in der aktuellen Situation im Vorteil. Auf dem Gebiet der leichten Unterhaltung mit viel ähnlicher Produktion besteht hoher Konkurrenzdruck, auch durch die Se­rienkultur, wie sie etwa Netflix befördert. Da haben die Schmöker es schwer. Verlage hingegen, die auf die kulturelle Qualität des Buchs setzen, quasi als ­Gegenprogramm zur allgegenwärtigen Zerstreuung, bekommen neue Chancen.

Nun zeigen sich aber auch unter Literaturverlagen – nicht zuletzt Ihrer ­eigenen Verlagsgruppe – krasse Unterschiede in der wirtschaftlichen Lage.
HM: Das sind Binnenkonjunkturen, die gab es immer schon im Verlagsgeschäft. Sie hängen von einzelnen Titeln ab, von deren Erfolg oder Misserfolg. In unserem Geschäft ist eben nicht alles planbar.

Andererseits werden Excel-Tabellen auch nicht komplett von Fortuna geschrieben. Muss man nicht Fragen an die Programmarbeit stellen, an den Vertrieb, an die internen Prozesse teamübergreifender Arbeit?
KG: Ich möchte ungern analysieren, wie es anderswo läuft. Für unser Haus kann ich sagen, dass wir seit Jahren in der Programmarbeit klaren Vorgaben folgen. Wir weiten unsere Titelzahl nicht aus, sie liegt – inklusive Reprints im Taschenbuch – stabil zwischen 100 und 130 Titeln jährlich. Das sind Bücher, die wir für notwendig halten. Jeden einzelnen Titel diskutieren wir intensiv, und dabei werden Vertrieb und Marketing früh einbezogen. Das ist ein inhaltsgetriebener Prozess. Was wir weniger tun, ist, nach den neuesten Trends am Markt zu schauen, zu fragen, was gerade funktionieren könnte, wo man vielleicht aufspringen sollte. So etwas erhöht nur die Austauschbarkeit der Programme, am Ende schadet es dem gesamten Buchmarkt.

Nie mehr als 130 Titel bedeutet ­Verzicht auf Wachstum.
HM: Nicht auf Umsatzwachstum, das ist uns immer recht. Aber es stimmt, unser Verlag als Organisation behält in etwa seine Größe bei. Mit der Anzahl an Kolleginnen und Kollegen, die wir haben, ist ein intensives, direktes Arbeiten möglich. Das macht unsere Stärke aus. Wenn wir als Unternehmen noch weiter wachsen wollten, müssten wir unsere Organisationsform verändern. Dann kämen weitere Ebenen in der Organisation hinzu – mit der Folge, dass alle Prozesse vermittelter und anonymer ablaufen. Das ist nie unser Ziel gewesen.

Wenn man mit Einkäufern im Buch­handel spricht, sagen die in einer neuen Deutlichkeit Erschütterndes: Viele Titel, gar ganze Programme seien entbehrlich geworden. Welche Resonanz bekommen Sie auf Ihr Programm?
HM: Ich nehme viel Positives wahr. Das mag damit zu tun haben, dass wir uns dieser enormen Spreizung zwischen wenigen Spitzentiteln und dem Rest des Programms widersetzen. Es gelingt uns, immer wieder eine größere Zahl von Titeln vorzulegen, die mittlere bis gute Verkaufszahlen erreichen. Das halte ich für die wirtschaftlichste Lösung: ein Programm mit breiter Qualität.

Welche Bedeutung hat für Sie der ­Sortimentsbuchhandel?
KG: Er ist nach wie vor unser stärkster, wichtigster Vertriebskanal, das trifft sowohl auf die Filialisten als auch auf den unabhängigen, inhabergeführten Buchhandel zu. In beiden Bereichen werden wir breit gelistet, was uns freut.

Gilt das besonders für die literarischen Titel?
HM: Auch ein Amazon-Algorithmus weiß inzwischen, dass sich Julian Barnes gut verkaufen lässt. Amazon, Thalia und Hugendubel haben schon einen ­Löwenanteil auch an unseren besonders literarischen Büchern.

Julian Barnes verlegen Sie seit 25 Jahren, lange in einer Nische, bevor der Durchbruch kam. Welche Rolle spielen Zeit und Zeiträume in Ihrer Arbeit?
KG: Die Arbeit mit den Autorinnen und Autoren ist in erster Linie Beziehungs­arbeit. Sie lässt sich überhaupt nur in langen Zeiträumen denken. Das war immer schon so.

Wurde nicht früher das Langfristige mit ruhigerer Hand verfolgt?
KG: Zu früheren Zeiten waren Buchverlage inhabergeführt. Persönlichkeiten wie Reinhold Neven DuMont oder Siegfried Unseld haben langfristig gedacht, das waren andere Konstellationen als im Verlagsmanagement von heute.
HM: Der ökonomische Druck ist schon größer geworden. Die gesamte Branche folgt einer ökonomischen Logik, versucht, kurzfristiger zu reagieren. Manche glauben, durch Personalwechsel eine Situation rasch verändern zu können. Ich glaube, dass Kontinuität in der Programmarbeit wie auch im Personal am Ende wirtschaftlich erfolgreicher ist. Es braucht einfach Zeit, bis man einen Autor entdeckt hat, sein Manuskript zur Reife gebracht hat, ihn im Buchhandel etabliert und in den Medien bekannt gemacht hat. Da sehe ich den entscheidenden Widerspruch zur reinen terminfixierten Bilanzlogik.

Sie, Herr Malchow, haben den Wechsel vom inhabergeführten Haus zu einem Konzernverlag miterlebt. Wie sehen Sie die Entwicklung rückblickend?
HM: Für mich überwiegen die Vorteile des Eigentümerwechsels. Früher musste sich der Verlag, wenn er investieren wollte, das Geld von der Bank leihen; da gab es immer viel zu erklären, nicht immer wurde verstanden. Heute können wir innerhalb der Verlagsgruppe schneller agieren, da man mit Leuten zu tun hat, die alle wissen, was Bücher sind. Wenn du früher einem Banker klarmachen wolltest, dass ein neues Buch von García Márquez erst im übernächs­ten Jahr erscheint und du deshalb für ein Jahr einen Überbrückungskredit brauchst, hat der dich angeguckt wie ein Elefant.

KiWi ist ein Kölner Haus. Sein Verleger wie auch künftig seine Verlegerin sind Rheinländer. Spielen Ort und Mentalität eine Rolle?
KG: Ich glaube, unsere Perspektive ist manchmal eine andere als die, die man in Berlin hätte. Wir sind ja oft dort. Wir haben da unseren wunderbaren Verlag Galiani. 80 Prozent der Autoren leben in Berlin. Aber dort fischen alle im gleichen Wasser. Wir können in Köln unseren spezifischen Blickwinkel besser bewahren. Als hier die Demonstrationen gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft losgingen, haben viele Mitarbeiter des Verlags gefragt: Was können wir tun? Wir haben dann eine Veranstaltungs­reihe organisiert: "Köln fragt nach". Die findet alle zwei Monate bei uns im Konferenzraum statt. Wir laden Experten ein, Medienleute, Vertreter aus verschiedenen Branchen. Das bringt lokale Verankerung. Sie ist uns wichtig – neben der internationalen Arbeit, ohne die ein Literaturverlag wie unserer gar nicht denkbar wäre.
HM: Als wir vor zehn Jahren an den Dom umgezogen sind, stand natürlich die Berlin-Frage zur Diskussion. Für mich als Verleger war die Entscheidung für Köln damals auch, wenn Sie so wollen, ein ordnungspolitisches Statement gegen die Verhältnisse in Ländern wie Frankreich oder England, in denen praktisch das gesamte kulturelle Leben in nur einer Stadt stattfindet, der Rest ist Provinz. Das wollten wir nicht. Wir wollten, dass Köln seine in der Literatur ernst zu nehmenden Instanzen behält.
Liegt etwas spezifisch Rheinisches in Ihrer Art, einen Verlag zu führen?
KG: Ich bin zwar in Langenfeld geboren, habe unter anderem auch in Düsseldorf studiert, aber ich fühle mich so wenig als Rheinländerin. Das gleitet schnell ins Folkloristische ab. Was stimmt ist, dass viele leitende Mitarbeiter bei KiWi in der Stadt verwurzelt waren und es bis heute sind; natürlich verbirgt sich darin auch ein Standortargument.
HM: Als einer, der in Düsseldorf aufgewachsen ist, darf ich das sagen: Köln ist die rheinische Metropole. Die Kultur der Stadt hat negative und positive Seiten. Die negativen sind vielleicht manchmal ein Hang zur Gemütlichkeit und zur Denkfaulheit. Die positiven sind diese unglaubliche Offenheit und Neugierde. Wahrscheinlich hätte in keiner anderen deutschen Stadt so ein Literaturfestival wie die lit.Cologne entstehen können. Und wir haben lebendige Kultur in der Stadt, Kabarettisten wie Jürgen Becker, Musiker wie Tommy Engel von den Bläck Fööss, Wolfgang Niedecken, Autoren wie Frank Schätzing und Günter Wallraff. Die Mentalität ist befruchtend für unsere Arbeit. Sie hilft uns, bei aller  Ambition, immer auch darüber nachzudenken, wie es uns gelingt, die Schätze, die wir heben, so zu vermitteln, dass wir möglichst viele Leute damit erreichen.

Sie haben schon ein Faible für Pop ...
HM: KiWi war der erste Verlag in Deutschland, der sich systematisch ge­öffnet hat für Bücher zur internationalen Popmusik, von Patti Smith über Nick Cave bis zu Neil Young – ein ganzer Komplex der kulturellen Wirklichkeit, der lange in Büchern nicht stattgefunden hatte. Entscheidend war, dass Kers­tin und ich und ein paar andere hier persönliche Interessen hatten. Wenn man so etwas nur aus strategischen Gründen besetzt, funktioniert es nicht. Nur wenn man gern ins Fußballstadion geht, verlegt man auch gern "Fever Pitch" von Nick Hornby. Bis zu diesem Buch ging man als Intellektueller mit schlechtem Gewissen ins Stadion.

Was empfinden Sie beide zu dem Wechsel an der Verlagsspitze?
HM: Was die Geschäftsführertätigkeit angeht, habe ich das Gefühl: Gut, dass das nun jemand Jüngeres macht. Das ist eine physisch und psychisch anstrengende Aufgabe. Aber das gilt nicht für die Arbeit mit Autoren und Büchern.
KG: Für den Verlag ist es natürlich ein Pfund, dass wir mit Helge Malchow in seiner neuen Rolle als Editor-at-large weiterarbeiten können. Und für mich persönlich ist das ein großes Glück. Wir können zurückgreifen auf seine ­Erfahrung, sein Netzwerk, seine enge Bindung an die Autoren. Und wir profitieren weiter von seinen Ideen. Gleichzeitig setzt ein Wechsel ­natürlich auch Veränderungsenergie frei – das ist bei ­aller Abschiedswehmut ­etwas Schönes. KiWi wird auch in ­Zukunft ein sehr ­lebendiger, ambitionierter Verlag sein.

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