Wiebke Schleser über Genderfragen

Blau, rosa, kunterbunt

Kinder- und Jugendbücher sollen Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern vermitteln, eine verzwickte Sache: Wiebke Schleser über Genderdebatten im Laden – und Ideale im Wettstreit mit der Wirklichkeit.

Wiebke Schleser, Inhaberin des Kinderbuchladens BuchSegler in Berlin-Pankow

Wiebke Schleser, Inhaberin des Kinderbuchladens BuchSegler in Berlin-Pankow © privat

Berlin ist ein Schmelztiegel jeglicher Lebensformen und Lebenswelten – und für den Stadtteil, in dem ich seit 2009 eine Buchhandlung betreibe, gilt das erst recht. Pankower Eltern sind interessiert, weltoffen, haben ein ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen, zeigen deutlich ihre kritische Sicht auf die Dinge – und gleichzeitig ihr Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit, Ordnung und Balance.

Genau an diesem Punkt treffen sich die Bedürfnisse und Erwartungen an das Kinderbuch, entstehen Gespräche im Laden. Das macht es für mich als Buchhändlerin spannend, aber nicht immer leicht. Rede ich mit Kolleginnen in anderen Städten und Gegenden, wird immer wieder deutlich: Berlin ist Berlin. Manche Diskussionen, die ich hier in Pankow erlebe, führen sie gar nicht – dafür andere, die für uns in Berlin wiederum eine viel kleinere Rolle spielen.

Ein Bereich, für den dies sicher gilt, ist der gesamte Komplex um die Geschlechtergerechtigkeit, "Gender", "sexuelle Identität", "Vielfalt als Normalität". Eltern, aber auch Institutionen kommen zu uns mit der Frage, wo sie diese Themen im Kinder- und Jugendbuch finden, hoffen, dass wir ihnen weiterhelfen, Bücher dazu vorrätig haben und sie beraten können.  

Blau und Rosa – beides gibt es bei uns im Laden. Unsere Erfahrung ist: Nur weil ein Cover etwas suggeriert, muss es der Inhalt noch lange nicht hergeben! Da wir fast alle Bücher kennen, die wir anbieten, können wir entsprechend reagieren.  

Im BuchSegler gibt es keine klassische Einteilung der Genres, sondern eine zarte Orientierung für das Alter, eine intuitive Führung im Raum. Die Idee ist stets, sich treiben zu lassen und dabei auch Bücher zu finden, von denen man nicht wusste, dass man diese unbedingt lesen möchte. Uns geht es darum, Bücher vorzustellen und mit unseren Kunden ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist für uns dabei, eine möglichst große Bandbreite an Kinderbüchern – zum großen Teil auch frontal – zu zeigen, damit Kinder ihren eigenen Geschmack und ihre Vorlieben herausfinden können. Die Welt ist bunt: So sehen wir das, und so sehen es auch viele unserer Kunden.

Alles gut also? Leider nein. Ein Problem taucht immer wieder auf, hartnäckig: Es gibt eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Eltern beziehungsweise der erwachsenen Buchkäufer, welche Lebenswirklichkeit Bücher beim Thema Geschlechtergerechtigkeit darstellen sollen – und wie Kinder diese Wirklichkeit im Alltag dann tatsächlich wahrnehmen. Im Alltag sehen sie nur sehr selten eine Straßenbauerin, eine Feuerwehrfrau schon eher und eine DHL-Fahrerin ebenso. Andererseits gibt es eine Handvoll Entbindungspfleger (die männliche Berufsbezeichnung für Hebammen) und deutlich mehr Lehrerinnen als Lehrer an den Grundschulen. Wie können wir als Buchhändler da vermitteln? Schwierig.

Wir alle leben in den verschiedensten Lebensformen – diese Haltung empfinde ich als selbstverständlich, doch so denkt natürlich nicht jeder. Auch verändern sich die Rollen von Frau und Mann noch einmal, wenn Kinder die Beziehung bereichern: Zuvor gleichberechtigt, unabhängig, rutschen wir aus den verschiedensten Gründen in alte klassische Rollen unserer Eltern und Großeltern. Das wollen wir nicht, kämpfen deshalb um das Austarieren unserer Wünsche und um Gleichberechtigung, sind damit vielleicht auch überfordert – und erhoffen uns dann, dass es im Kinderbuch Klarheit gibt ...

Mehr zum Thema finden Sie im aktuellen Börsenblatt Spezial Kinder- und Jugendbuch.

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1 Kommentar/e

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  • Paul Pfeffer

    Paul Pfeffer

    Liebe Frau Schleser,
    ich bin Ihnen dankbar für diesen Beitrag. Endlich spricht einmal jemand im Zusammenhang mit den Themen "Gendern von Sprache" und "Geschlechtergerechtigkeit" die Diskrepanz zwischen Wunsch/Ideologie und Wirklichkeit/Alltagserfahrung an. Besonders beim Gendern von Sprache zeigt sich diese Diskrepanz sehr deutlich. Die Gender-Ideologie unterstellt, man könne durch Sprachpolitik eine Veränderung des Bewusstseins der Mehrheit in Richtung mehr Geschlechtergerechtigkeit erreichen. Werch ein Illtum!, möchte man mit Ernst Jandl sagen. Das Verhältnis von Sprache/Sprechen/Sprachgebrauch und Denken/Bewusstsein ist (zum Gück!) wesentlich komplexer, als es sich die Genderistinnen träumen lassen.
    Sehr bedenklich finde ich, dass in der Sprache von Kinderbüchern nicht die gesellschaftliche Realität, sondern ein ideologiegetriebenes Wunschbild abgebildet wird. Das könnte man als Fantasiegebilde abtun, wenn es nicht so bierernst gemeint wäre. Was produzieren solche Wunschbilder bei Kindern? Sollen die Mädchen Müllfahrer werden und die Jungs Buchhändlerinnen? Soll ihnen suggeriert werden, was sie wollen sollen? Dazu gibt es sehr interessante Informationen: das norwegische Gender-Paradox (bitte googeln!)

    Hier einige grundsätzliche Gedanken zum Gendern aus sprachwissenschaftlicher Sicht:
    1. Das Gendern der Sprache ist bereits im theoretischen Ansatz falsch, weil der Impuls von der Gender-Ideologie ausgeht, nicht vom tatsächlichen Sprachgebrauch. Sprache verändert sich aber durch den Sprachgebrauch und nicht am sprachfeministischen Reißbrett. Sie verändert sich von unten nach oben, nicht umgekehrt, es sei denn, man betreibt bewusst Sprachpolitik in manipulativer Absicht.
    2. In der praktischen Wirkung ist das Gendern der Sprache kontraproduktiv. Mehr Geschlechtergerechtigkeit wird nicht durch Sprachvorschriften erreicht, sondern durch politische und gesellschaftliche Veränderungen, wie sie in den letzten vierzig Jahren verstärkt stattgefunden haben. Dieser Prozess wird weitergehen, und die Sprache wird ihn angemessen abbilden. Das kann vielleicht etwas länger dauern, als bestimmte Aktivisten es sich wünschen. Eine feministische Sprachpolitik braucht es dazu nicht. Es ist – nebenbei bemerkt – schon irritierend, wenn ausgerechnet Menschen, die sich selbst für sensibel und achtsam halten, keine Skrupel haben, die Sprache zu misshandeln.
    Letztlich geht es um Deutungshoheit und um Macht. Obwohl die Verfechter des Genderns eine kleine Minderheit sind, haben sie großen Einfluss. Ihr Hebel ist eine bestimmte Moral. Wer sich der neuen Sprachpolitik verweigert, gilt als rechts, frauenfeindlich, reaktionär, gestrig. Sachargumente aus der Sprachwissenschaft haben keine Chance, denn nicht die Sache – die Sprache – ist wichtig, sondern die „richtige“ Gesinnung. Der Mehrheit soll eine Sprachregelung verordnet werden, um das Bewusstsein in Richtung der Gender-Ideologie zu verändern. Man kann das auch Manipulation und Bevormundung nennen. Geschlechtergerechtigkeit wird dadurch nicht befördert, eher im Gegenteil. Das Gendern der Sprache durch eine Minderheit erweist der Sache der Frauenemanziation einen Bärendienst, weil die Veränderungen im Kern sprachfremd sind und weil die große Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher Eingriffe „von oben“ in das Sprachsystem ablehnt.
    Die Ablehnung ist oft intuitiv, weil die meisten Menschen wenig Einblick in das Sprachsystem haben, aber merken, dass da etwas in die falsche Richtung läuft. Die Zustimmung auf der anderen Seite ist oft blind, weil sie aus einer Mischung aus Unkenntnis über die Funktionsweise der Sprache, schlechtem Gewissen und falscher Solidarität mit feministischen Aktivistinnen erfolgt.

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