Interview mit Nick Pfefferkorn von Breitkopf & Härtel

"Der Handel ist unser direkter Draht zum Kunden"

Der Musikverlag Breitkopf & Härtel feiert 300. Geburtstag. Wie es dem Jubilar so geht und welche Feierlichkeiten anstehen – das erklärt Nick Pfefferkorn, geschäftsführender Gesellschafter. INTERVIEW: SABINE VAN ENDERT

Nick Pfefferkorn

Nick Pfefferkorn © Breitkopf & Härtel

Was ist Breitkopf & Härtels größter Schatz?
Wir haben viele Schätze, zum Beispiel Stichvorlagen und Korrekturabzüge von Gesamtausgaben unter anderem zu Bach, Beethoven und Brahms und natürlich umfangreiche Korrespondenz. Große Teile des Archivs werden in Dauerleihgaben in Bibliotheken und Archiven verwaltet, im Staatsarchiv in Leipzig zum Beispiel. Historische Ausgaben lagern hier am Verlagssitz in Wiesbaden und in unserer Auslieferung in Taunusstein. Das ist die DNA des Verlags. Die wertvollsten Schätze sind in mit dicken Stahltüren gesicherten Tresoren untergebracht, Autografen von Bach über Beethoven bis Schumann. Der Bestand wurde als national wertvolles Archiv unter Kulturschutz gestellt.

Und welchen Schatz leisten Sie sich verlegerisch zum Geburtstag?  
Die Neuedition aller Symphonien Gustav Mahlers. Trotz Mahlers Bemühen kam es vor rund 130 Jahren zu keiner Zusammenarbeit. Umso mehr freuen wir uns, zum 300-jährigen Verlagsjubiläum den Beginn eines unserer ambitioniertesten Projekte ankündigen zu können.

Wer führt bei Ihnen die Hitliste der bestverkauften Komponisten an?
Brahms, Mozart, Beethoven – in dieser Reihenfolge. Unser Bestseller im Buchprogramm ist das "ABC Musik" von Wieland Ziegenrücker mit etwa 25.000 verkauften Exemplaren. Die erste Auflage dieser allgemeinen Musiklehre, die mittlerweile als Standardwerk gilt, ist 1997 erschienen.

Apropos Musiklehre – Sie spielen Fagott und Klavier. Beherrschen alle Mitarbeiter bei Breitkopf & Härtel ein Instrument?
Wir haben Kontrabassisten, Cellisten, Kirchenmusiker, Geiger und zwei Dirigenten. In den allermeisten Verlagsbereichen ist es unerlässlich, etwas von der Materie zu verstehen.  

Falsche Noten finden, Sätze korrigieren, Harmonien überarbeiten – Wie arbeiten Lektoren in Musikverlagen?
In erster Linie sind die Lektoren für die Betreuung ihres Bereichs zuständig, das bedeutet die Pflege, den Ausbau und gegebenenfalls auch die Erneuerung, das betrifft zum Beispiel Neuausgaben von Titeln, die einer wissenschaftlichen Bearbeitung bedürfen. Auch die Beurteilung von Manuskripten gehört dazu.

Verschiedene Editionen und Notenspiegel vergleichen – das kann der Kunde nur im Musikalienhandel.
Wie ist es um den Fachhandel bestellt?
Leider gibt es immer mehr weiße Flecken auf der Landkarte. Der Musikverleger-Verband DMV verzeichnet noch 212 Musikalienhändler, darunter 113 Premiumhändler, bei denen Musikalien den Schwerpunkt des Geschäfts bilden. Wir sind froh über jeden Handelspartner, mit dem wir eine intensive Beziehung haben.

Wie sieht die Hitliste der Vertriebswege bei Breitkopf & Härtel aus?
Der Handel ist immer noch die Nummer 1, gefolgt vom Internet, der eigenen Webpräsenz und dem digitalen Vertrieb, der sich allerdings noch im einstelligen Prozentbereich bewegt. Einer unserer Wachstumsmärkte international ist übrigens China, unseren Hauptumsatz machen wir allerdings in Deutschland, den USA und Japan.  

Wer kauft heute noch Noten auf Papier?
Für Musikverlage war das Geschäft schon immer schwer. Beethoven, Brahms, Schubert, Mozart, Bach – die Werke der viel gefragten Komponisten sind lange gemeinfrei, man findet sie überall. Die Profilierung erfolgt – neben kritischen Neuausgaben – über Qualität in Papier und Herstellung. Leider geht durch die vielen Noten-Datenbanken Bewusstsein für die gedruckte Note, für das gebundene haptische Objekt, zunehmend verloren.

Welche Datenbank macht Ihnen besonders zu schaffen?
Die IMSLP, die auf dem Wiki-Prinzip von Wikipedia basiert. Hier sind Scans alter Notenausgaben hinterlegt, die nicht mehr dem Copyright unter­liegen. Mittlerweile umfasst die Datenbank 460.000 Notendateien, inklusive unseres Programms.

Werbung hilft, die Produkte und Verlagsleistungen ins Licht zu rücken. Wie sieht das Marketing von Breitkopf und Härtling aus?
Im Fokus steht unsere zweisprachig englisch-deutsche Vorschau, die wir in einer hohen fünfstelligen Auflage weltweit vertreiben. Außerdem schalten wir klassische Printanzeigen, bespielen die Social-Media-Kanäle und sind auf Messen und Veranstaltungen präsent. Den Handel unterstützen wir unter anderem regelmäßig mit Give-aways wie Taschen und Notizheften für die Kunden. Zum Jubiläum haben wir gerade eine Image-Kampagne gestartet, die weltweit geschaltet wird. Der Claim: „First in music“. Wir waren im 18. Jahrhundert die Ersten, wir möchten auch in Zukunft die Ersten sein. 

2018 wurden die Werbematerialien des Verlags mit dem German Design Award ausgezeichnet. Ist das Ihre Handschrift?
Zumindest habe ich die Agentur ausgewählt: Raum zwei in Leipzig. 

Zum Abschluss des Interviews dürfen Sie sich etwas zum Geburtstag des Verlags wünschen.  
Ich wünsche mir, dass die Musikverlage und der Buchhandel stärker zusammenarbeiten. Ohne Handel geht es nicht, denn der Handel ist unser direkter Draht zum Kunden. Und der gegenseitige Nutzen liegt doch auf der Hand!

Breitkopf & Härtel

  • Gründung: 1719 in Leipzig
  • Verlagssitz: seit 1945 Wiesbaden, Dependance in Leipzig
  • Verlagsleiter: Nick Pfefferkorn
  • Mitarbeiter: 70 (Verlag, Vertrieb in Taunusstein, Dependance in Leipzig)
  • Lieferbare Titel: 15.000 
  • Umsatz: keine Angaben
  • Anteil Leihmaterial: 25 Prozent


Jubiläumsjahr 2019:
Einen Überblick über das umfassende Geburtstagsprogramm mit Konzerten, Vorträgen und Ausstellungen finden Sie unter www.first-in-music.com.

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