Leipziger Buchmesse: Vorschau-Pressekonferenz

Seismographen der Zukunft

Leipzig liest – und diskutiert. Bei der 28. Auflage des Literatur-Marathons ist, wie im alten Sponti-Spruch, das Private politisch. Und umgekehrt. Dazu: Jede Menge literarische Entdeckungen, Lach- und Lebenshilfe. Ausblicke von der Vorab-Pressekonferenz zur Leipziger Buchmesse.  VON NILS KAHLEFENDT

Pressekonferenz mit Ambiente zum Einstimmen: Die ehemalige Eisengießerei Kaiserbad ist einer der Schauplätze des Leipzig liest-Programms

Pressekonferenz mit Ambiente zum Einstimmen: Die ehemalige Eisengießerei Kaiserbad ist einer der Schauplätze des Leipzig liest-Programms © Gaby Waldek

"Leipzig liest“, der wie das Doppel-Emm zum Markenzeichen der Messe gewordene Literatur-Marathon, präsentiert sich in seiner 28. Auflage gewohnt üppig: kaum vorstellbare 3600 Veranstaltungen mit 3400 Mitwirkenden an 500 Orten konkurrieren vom 21. bis 24. März um die Gunst des Publikums. Der Saal des Kaiserbads, früher eine Eisengießerei im Leipziger Westen, heute eine kleine, lichtdurchflutete Veranstaltungs-Kathedrale in Beton, Holz und rohem Mauerwerk, ist einer der Schauplätze dieses Frühjahrs – die Buchmesse-Organisatoren setzten bei der Ortswahl für ihre Vorab-Pressekonferenz ganz auf den Überwältigungs-Effekt durch Anschauung. 

Oliver Zille

Oliver Zille © Gaby Waldek

Und auch Buchmesse-Direktor Oliver Zille schwört auf eben solche Wirkungs-Treffer genau ins Herz: „Das Schöne sind die Überraschungen, die an den Wegbiegungen liegen; es fühlt sich großartig an, zwischen den Veranstaltungen zu surfen und neue Orte, neue Namen, neue literarische Handschriften zu entdecken.“   

© Tom Schulze / LBM

Dazu gibt es auch in diesem Jahr reichlich Gelegenheit: Viele wichtige deutschsprachige Frühjahrsnovitäten bekommen hier ihre Bühne, wie immer freuen sich die Messe-Macher auch über klangvolle internationale Namen: Das Spektrum reicht vom Ungarn György Dragomán über Kristen Roupenian (USA), Otto de Kat (Niederlande) oder Preti Taneja (Indien) bis zur Russin Masha Gessen aus New York, die zur Buchmesse-Eröffnung im Gewandhaus den Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2019 erhalten wird. Zur illustren Gästeschar gehören streitbare Polit-Junkies wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger oder Franz Müntefering, kämpferische Wissenschaftler wie Heinz Bude und Harald Welzer, Experten in Liebesdingen wie Else Buschheuer und Wolf Biermann sowie, natürlich, gute Bekannte aus dem Pop-Business, die neben allen anderen Verpflichtungen fleißig neue Bücher geschrieben haben: Bela B, Sara Kuttner, „Tocotronic“-Frontmann Dirk von Lotzow und die Jungs von „Fettes Brot“, letzte mit Lach- und Lebenshilfe unter einem Titel, der sich eigentlich als geheimes ‚Leipzig liest’-Motto anbieten würde: „Was Wollen Wissen“. Starköchin Sarah Wiener, die sich anschickt, ins Europa-Parlament einzuziehen, präsentiert sich mit „Bienenleben“ in Leipzig volks- und naturnah.  

Dazu gibt es die schon klassischen Lese-Events mit Kult-Charakter: Die Jugendstil-Türen des Westflügels öffnen sich leider zum vorläufig letzten Mal für die wunderbare UV-Lesung der unabhängigen Verlage (22. März, Lindenfels Westflügel), immerhin zum fünften Mal gibt es messetäglich Lesungen am Stand Die Unabhängigen (Halle 5, H 309), wo sich Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentieren. Am 22. März kurz vor Messeschluss diskutiert dort Kuratorin Barbara Weidle mit Klaus Kowalke, beim anschließenden Meet & Greet der Facebook-Gruppe Buchhandelstreff dürfte es angesichts der aktuellen Branchen-Lage hoch hergehen. Die lange Leipziger Lesenacht, traditionell am Buchmessedonnerstag auf allen vier Bühnen der Moritzbastei, ist seit letztem Jahr bereits am Mittwoch zu erleben – insgesamt geben sich an beiden Tagen rund 80 junge Autorinnen und Autoren die Klinke in die Hand.

Thomas Krüger

Thomas Krüger © Gaby Waldek

Wer beim neuen Programm-Schwerpunkt The Years of Change 1989-1991 reflexhaft an die Wende-Hymne der Hannoveraner Scorpions denkt, liegt nicht ganz falsch, aber natürlich auch nicht richtig: Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und die Leipziger Buchmesse rücken zum Auftakt ihres auf drei Jahre angelegten Gemeinschaftsprojekts den Zeitenbruch in Tschechien, Ungarn, Polen, Rumänien, der Slowakei und Nachwende-Deutschland in den Fokus. „Wir verstehen unser Programm als eine Einladung zum Re-Mapping, zur Neuvermessung von Zeit und Raum“, so bpb-Präsident Thomas Krüger in Leipzig. „Wir fragen, wie die anni mirabiles in die Gegenwart hineinwirken. Und, in die Zukunft blickend: Wie kann man junge Generationen gegen –ismen jeglicher Art immunisieren, damit sie sich demokratischen Werten verpflichtet fühlen?“ Literatur spielt bei der Frage, wie sich die Erfahrungen des Undergrounds von einst in die Wiederherstellung des Vertrauens in Demokratie nutzen lassen, keine geringe Rolle – „als sensible Zeitzeugin der Gegenwart“ wie als „Seismographin der Zukunft“. Zu den Gästen, die in Leipzig erwartet werden, gehören unter anderem Marcel Beyer, Durs Grünbein, Adam Michnik, Gáspár Miklós Tamás, Piotr Buras, Kinga Tóth oder Jáchym Topol.  

Nicht nur wegen der anstehenden Landtagswahlen in drei ostdeutschen Ländern ist „das Demokratiethema gegenwärtig hoch gerankt“, wie Thomas Krüger bemerkte. In Leipzig bekommt das bereits im letzten Jahr gestartete Forum Demokratie und Medienbildung (Halle 2) noch mehr Aufmerksamkeit – und eine eigene Werkstatt. Organisiert wird die Werkstatt+ von der European Learning Industry Group (ELIG) in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse, der Westermann Gruppe und dem Verband Bibliothek und Information Deutschland (BID). „Es geht um Lernen in Projekten, ums Selbermachen“, sagt ELIG-Generalsekretär Elmar Husmann, der für die Frankfurter Buchmesse zuletzt das Format „Klassenzimmer der Zukunft“ entwickelt hat: „Wir laden Filmemacher, Journalisten und Autoren ein, mit den Jugendlichen gemeinsam zu bloggen, auf Instagram zu posten, Videos und kleine Hörspiele zu erarbeiten. Neudeutsch würde man das Ganze als Co-Working-Space bezeichnen“.  

Entwurf für den tschechischen Nationalstand

Entwurf für den tschechischen Nationalstand © Martin Hrdina

Das Gastland Tschechien, das sich unter dem Slogan „Ahoj Leipzig!“ an der Pleiße präsentiert, ist mit 70 aktuellen Novitäten und 55 Autorinnen und Autorinnen vertreten; in „normalen“ Jahren waren es eine Handvoll Neuerscheinungen. Auf mehr als 130 Veranstaltungen wird tschechische Literatur zu erleben sein – auf dem Messegelände vor allem am tschechischen Nationalstand (Halle 4, D 401), dessen Design mit farbigen Segeln und Bootsoptik die „Böhmen-am-Meer“-Metaphorik aufnimmt.

Martin Krafl

Martin Krafl © Gaby Waldek

 An den Messeabenden treten tschechische Literaten an rund einem Dutzend Orten der City auf – ein Highlight, so Programm-Koordinator Martin Krafl, dürfte dabei die „inoffizielle Buchmesse-Eröffnung“ mit Jaroslav Rudiš und seiner Kafka Band am Mittwochabend in der Schaubühne Lindenfels sein. Das tschechische Grußwort „Ahoj“ übrigens, das ältere Semester von Spejbl und Hurvínek kennen, ist nicht so lax wie „Hi!“, weniger förmlich als „Guten Tag“, eigentlich entspricht es ziemlich genau dem deutschen „Hallo“. Erklärungen, warum das maritime Signalwort gerade im Binnenland Tschechien zum allgegenwärtigen Gruß werden konnte, gibt es - Achtung Kalauer! - wie Sand am Meer. Martin Krafl ist vor allem eines wichtig: „Bitte schreiben Sie Ahoj mit ‚j’, liebe Kollegen!“

Das Leipzig liest-Programm 2019 ist ab sofort online.

Bis bald!

Bis bald! © Tom Schulze / LBM

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