Stella-Streit um Buch von Takis Würger

"Eine schlecht geschriebene Light-Version eines tragischen Geschehens"

Die Debatte um den umstrittenen Roman "Stella" von Takis Würger geht weiter. Philine Meyer-Clason von der Tucholsky-Buchhandlung in München wirft dem Autor "Geschichtsklitterung" vor - hier erklärt sie, warum sie sich weigert, den Roman zu verkaufen. Nach einem Offenen Brief von Buchhändlerinnen und Buchhändlern, die Würger gegen das Feuilleton in Schutz nehmen, positioniert sich eine Buchhändlerin nun auf der Seite der Kritiker. boersenblatt.net publiziert die Stellungnahme im Wortlaut.  

Stein des Anstoßes: "Stella" von Takis Würger

Stein des Anstoßes: "Stella" von Takis Würger © pg

Liebe Kolleginnen und Kollegen des Offenen Briefes,

Sehr geehrter Herr Hugendick von „Die Zeit“,

es ist völlig egal ob ein Buch gut geschrieben, schlecht geschrieben ist und dem Buchhandel und den Verlagen gutes Geld bringt. Darum geht es nicht.

Es geht doch vielmehr darum – und hier unterstütze ich das kritische Feuilleton – einem jungen Autor, Jahrgang 1985, die Fähigkeit abzusprechen. Es geht darum, ein in dieser Form geschriebenen Roman zu verurteilen.

Das Buch ist eine schlecht geschriebene Light-Version eines tragischen Geschehens und einer Verirrung, die im 3.Reich sicherlich nicht nur einzigartig war.

Vor der Tatsache des Massenmordes ist es ein No-Go die Geschichte der Stella Goldschlag als eine liebevolle Märchen-und Liebesgeschichte dazustellen. Selbstverständlich wollen wir und wollten wir heute niemals in der Rolle der Stella Goldschlag sein, - wir wüssten sicherlich heute nicht, wie wir reagieren würden – würden auch wir Juden verraten?, um überleben zu wollen, das alles unter Folter. Wir wissen mit Sicherheit heute keine Antwort.

Aber: das Schicksal dieser Frau unter den gegebenen Umständen so kritiklos, als Liebesroman in die Welt zu setzen, halte ich für verwerflich. Es ist gewissermaßen eine Form der Geschichtsklitterung und ganz extrem gesagt ein Ja-Sagen zur AfD, die gewisse „Fliegenschisse der Geschichte“ darstellt.

Man kann ein solches Schicksal und Tragik nicht als Liebesgeschichte erzählen, und diese mit lapidaren Akten unterstützen, ohne das ganze Drama der damaligen Zeit zu erzählen. Offensichtlich wollte Takis Würger eine Geschichte Light für die jüngere Generation. Das funktioniert nicht, denn der Holocaust ist und bleibt Holocaust in all seiner Grausamkeit und unendlicher Fassungslosigkeit. Da hilft es nichts, das in einem kleinen Roman schönreden zu wollen.

Jeder Autor, der das Thema 3. Reich in jedweder Form in Literatur anfasst, hat meines Erachtens eine Aufgabe, dies in Wahrhaftigkeit aufzugreifen. Das mag eine Liebesgeschichte, ein Familiendrama sein, dennoch die Tragweite des Dramas der deutschen Geschichte darf nicht verharmlost werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, möge Ihnen der Roman „Stella“ Umsätze bringen: es ist in diesen Zeiten aber auch Zeit Haltung zu zeigen und bestimmte Bücher einfach nicht zu verkaufen, bzw. nicht zu bewerben, bzw. nicht am Lager zu halten.

Ich bin diesbezüglich noch nicht nach dem Roman gefragt worden, ich habe ihn auch nicht am Lager, kein Kunde hat das Buch bis dato bei mir bestellt. Vielleicht und offensichtlich habe ich andere Kunden als Sie, aber dieses Buch bestelle ich nicht, wie auch einige andere nicht. Denn ich bin Sortimenterin und Umsatz hin oder her: wie gesagt, es geht nicht darum ob ein Buch schlecht oder gut ist, es geht um eine Haltung.

Ich kann das Buch von Takis Würger nicht guten Gewissens verkaufen und ich würde mir eine Stellungnahme von Michael Krüger sehr wünschen, Hätte er das Buch verlegt? Vielleicht eine Frage von „Buchmarkt“ an den ehemaligen Verleger? Umsatz gegen Gewissen, Gewissen gegen Geschmack, Inhalt gegen Realität? Wir wissen es nicht.

Ich unterstütze das Feuilleton, dass dieses Buch von Takis Würger ein Buch ist, welches der Leser nicht braucht, auch die Jüngeren nicht. Da gibt es viel mehr und anderes, was die Geschichte in der Grausamkeit und Dramatik realistischer darstellt und damit wichtiger ist.

 

Philine Meyer-Clason

Tucholsky Buchhandlung München



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2 Kommentar/e

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  • Heike Brillmann-Ede

    Heike Brillmann-Ede

    Danke, Frau Meyer-Clason!
    Umsatz gegen Gewissen: Da geht das Gewissen "gerne" über Bord.

    Wunderbar auch, dass nun endlich der Steil Verlag reagiert und das sehr lesenswerte, gut recherchierte und engagiert geschriebene Buch von Peter Wyden, STELLA, neu auf den Markt bringen wird. U.a. positiv besprochen von Raul Hilberg. Ein Buchhinweis, der mir schon lange in dieser ganzen Debatte fehlte.

    Mit freundlichen Grüßen, Heike Brillmann-Ede

  • Rechtsanwalt Karl Alich

    Rechtsanwalt Karl Alich

    Meine erste Stufe der Erkenntnis:
    Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Erschrecken und beendet es mit Entsetzen.
    Meine 2. Stufe der Erkenntnis:
    Ich bin dankbar für das Buch, weil ich ohne das Buch nicht auf das Urteil des Berliner Schwurgerichts vom 7. April 1971 (500) 1 Ks 2/69 (10/69) gestoßen wäre. Nach der Lektüre dieses Urteils kam mir das ganz ganz große Entsetzen.
    Angeklagt war der ehem. Chef der Berliner Gestapo Bovensiepen und einige seiner Gestapo- Mitarbeiter wegen Beihilfe zum Mord. Das Verfahren gegen Bovensiepen wurde während der Hauptverhandlung am 15. September 1970 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Bovensiepen sagte danach aber in dem Verfahren als Entlastungszeuge für die beiden mitangeklagten Gestapo-Mitarbeiter aus. Beide Gestapo-Mitarbeiter wurden freigesprochen.
    Stella wurde am 9. Oktober 1972 vom Berliner Schwurgericht (500) 1 PKs 1/57 (42/72) nochmals wegen Beihilfe zum Mord zu 10 Jahren verurteilt, weil das Urteil von 1957 vom BGH aufgehoben wurde.
    Stella schreit nach Gerechtigkeit und fleht uns um Hilfe an! Sie kann nicht begreifen, dass die Gestapo-Bestien 1971 freigesprochen wurden und sie 1972 nochmal zu 10 Jahren verurteilt wurde, beide Urteile hatte das Berliner Schwurgericht gefällt. Tucholsky hat deutsche Richter zutreffend beschrieben: „Wo sich Euch die Rechte beugen, ist Euer Vaterland!“ Er meinte die deutschen Richter, die es heute nicht mehr gibt, weil „Hitlers Elitejuristen“ nicht mehr die Gerichte verpesten; das war 1971 und 1972 in West-Berlin offenbar noch anders.
    Herrn Würger können wir alle dankbar sein, weil er, aus welchen Gründen auch immer, eine Diskussion losgetreten hat, die noch für einige Erschütterungen sorgen wird. Dieses Verdienst konnte er nur erreichen, weil sein Buch so grottenschlecht ist und dadurch eine wunderbare Aufmerksamkeit für das Thema hervorgerufen hat.
    Aber was jetzt folgt, das ist sein Verdienst, er hat die Erinnerungskultur befeuert und das nachhaltig.
    Also Dank an Takis Würger! Schreiben Sie weiter, aber bitte nicht über den Holocaust… bitte.

    Rechtsanwalt Karl Alich


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