Jochen Jung lässt ein Buch zu Wort kommen

Mein Mitbringsel, der Text

Was würde das Buch, wenn es denken und empfinden könnte, denken und empfinden angesichts seiner aktuellen Bedrängnisse? Jochen Jung hat sich einmal in ein Buch hineinversetzt – und lässt es zu uns sprechen.

Jochen Jung

Jochen Jung © eva trifft.

Ich weiß nicht recht, was für eine Reaktion man da von mir erwartet: Mehr als sechs Millionen Lover soll ich verloren haben! Was erwartet man jetzt von mir? Soll ich in Tränen ausbrechen? Einen Wutanfall kriegen? Ins Seniorenheim umziehen?

Natürlich bin ich allen dankbar, die meine Besonderheit rühmen; aber so richtig verstanden habe ich das nicht, was die an mir so erfreulich fanden. Plötzlich kamen die alle mit einer ­Vokabel daher, die ich von den meisten noch nie gehört hatte: haptisch. Auf einmal fanden alle, dass es nichts Schöneres gibt, als mich anzufassen.

Ich weiß schon, dass ich etwas Eigenartiges und Wunderbares (an mir / in mir) habe, aber dass man das gerade dann empfindet, wenn man mich anfasst? Dabei mache ich doch gar keinen Hehl daraus, dass ich eine Art eckiger Klotz bin, der sich nicht gerade anschmiegt, wenn man ihn in die Hand nimmt. Und ob die, die meinen wundersamen Duft rühmen, wirklich schon mal die Nase zwischen meine Seiten gesteckt haben? Das durch eine Maschine gezerrte Papier hat ja nichts mehr mit dem Naturgeruch des Baums zu tun, der es mal war. Und dazu die Mischung aus Druckerschwärze und Klebstoff – hatte man da nicht schon mal Lieblicheres in der Nase?

Ja, die Plastikwindel, in der wir in die Welt kommen, da kann man doch nur sagen: Haben wir, die wir uns so gern als Klugscheißer geben, noch immer nicht begriffen, dass die Welt in Plastik erstickt? Haben wir immer noch kein durchsichtiges Papier erfunden? Und wenn schon Plastik: Nach der Erfindung des lächerlich vertrackten Plastikaufreißzipfels hat man auf­gege­ben und die Sache dem Daumennagel der Buchhändlerin überlassen.

Und: der Umgang mit mir, um an mein Mitbringsel, den Text, heranzukommen; das ewige stumpfsinnige Blättern der primitiv nummerierten Seiten, eine Art Fingersport, der von jeder Ziehharmonika blamiert wird, wenn man ehrlich ist.

Und dass für das Entziffern der vielen kleinen schwarzen Zeichen die halbe Kindheit hergegeben werden muss – naja, man kann das sogenannte Lesen ja auch anderweitig immer mal gebrauchen.
Und dass jede längere Geschichte ihr eigenes Buch sein will, führt tatsächlich zu einer Raumverdrängung, die in den immer kleiner werdenden Wohnungen der Großstädter zum Problem wird.

Und dann noch einmal mein Körper, der noch weniger sexy ist als der meiner alten Freundin, der Schallplatte. Und immer noch zeigen viele Exemplare von mir, dass man noch immer nichts dagegen erfunden hat, dass wir beim Aufgeschlagenwerden so tun, als ob wir lieber möchten, dass man uns in Ruhe lässt, weil wir verklemmt sind.

So. Viel Platz hat die Seite nicht mehr. Wo also liegt die Lösung? Bei mir jedenfalls nicht: Ich bin, was ich bin, und will so geliebt werden. Die Lösung bleibt beim Leser, dem man nicht zu weit entgegenkommen soll, wir sollen ihn hervorlocken, indem wir ihn ernst nehmen. Kein Leser ist ein stumpfsinniger Waldschrat, selbst wenn er sich in solcher Rolle manchmal wahrnimmt. Er ist ein an sich selbst interessiertes Wesen mit einer großen Begabung zum Sich-Wiedererkennen. Er ist ein gescheites Etwas, kein gescheitertes so wie ich. Er ist höchs­tens der, der aus dem Fenster schaut und sich immer schon über die Nachbarn gewundert hat. So wie jeden Morgen über das Wetter.

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