Lieblingsbuchhandlung: Philipp Weiss über Métamorphose in Wien

Die Magie der Verwandlung

Das Auftauchen der Buchhandlung Métamorphose in Wien inspirierte Philipp Weiss zu einer literarischen Fantasie.

Philipp Weiss und Métamorphose-Buchhändlerin Kerstin Tuma

Philipp Weiss und Métamorphose-Buchhändlerin Kerstin Tuma © Regine Hendrich

In meinem Viertel gibt es einen neuen Buchladen. Er tauchte auf wie aus dem Nichts. (In einer Zeit, in der Buchläden sonst ausschließlich verschwinden.) Es ist wenige Wochen her, ich ging, wie fast jeden Tag, die mir vertraute Straße entlang, die zum Stadtzentrum führt, da sah ich ihn zum ersten Mal und blieb erstaunt davor stehen. War der ­Laden gestern schon da gewesen? Vielleicht verhält es sich damit, so mein erster ­Gedanke, wie mit der Bibliothek des persischen Großwesirs Abdul Kassem Ismael, der im zehnten Jahrhundert seine mehr als 100.000 Bände umfassende Büchersammlung auf den Rücken von Hunderten Kamelen transportieren ließ, denen er beibrachte, in alphabetischer Reihenfolge durch die Wüste zu laufen.

"Métamorphose" stand da in großen Lettern über dem Schaufenster. Darin ­lagen Ovid, Kafkas "Verwandlung", ein Band mit Werwolfgeschichten, ein Cyborg-­Comic, Maria Sibylla Merians Schmetterlingsbilder, japanische Mythen und ein reich illustriertes Buch über Mutationen in der Sperrzone Tschernobyls.

Es ist eine sonderbare Euphorie, die man fühlt, wenn man diese heute fast vergessene Erfahrung macht: etwas zu finden, das man nicht gesucht hat, das sich auch nicht ableiten lässt aus Such­algorithmen oder früheren Irrwegen. Es überfällt einen. Plötzlich ist es da und erfüllt eine unausgesprochene, nicht triviale Sehnsucht. Ich trat also ein. Buchläden, dachte ich, sind Marktplätze des Denkens und Erzählens. Es sind Orte, an denen sich eine Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt Rechenschaft gibt über sich selbst; Orte, die dreierlei zusammenführen: Wissen, Erfahrung und Fantasie. (Was ich noch nicht wusste: Es ist auch Magie im Spiel.)

Die Métamorphose war verwinkelt. Dort fand ich weder Souvenirs noch Kuscheltiere oder Wandkalender, nur Bücher und andere Suchende mit ihren unruhig schweifenden Blicken. "Herr Bibliothekar", heißt es im "Mann ohne Eigen­schaften", "Sie dürfen mich nicht verlassen, ohne mir das Geheimnis ver­raten zu haben, wie Sie sich in diesem – also ich habe unvorsichtigerweise Tollhaus gesagt, denn so war mir plötzlich zumute geworden – wie Sie sich, sage ich also, in diesem Tollhaus von Büchern zurechtfinden!"

Eine ähnliche Unruhe fühlte ich in der Métamorphose, ohne mir aber über deren Ursache im Klaren zu sein. Woher dieser Schwindel? Ich nahm, zur Rettung, willkürlich ein Buch aus einem Regal und öffnete es. Es war, wie sich herausstellte, das "Anthropophagische Manifest" des bra­silianischen Modernisten Oswald de ­Andrade. "Statt das Fremde wegzuschieben, das Fremde fressen!", las ich. Da begriff ich erst, dass ich ein anderer werden wollte. Mich selbst abstreifen. Mich verwandeln. Was verkauft man in der Métamorphose? Sind es bloß Bücher? Es sind Möglichkeiten, Zeitkapseln, magische Objekte, Travestien.
Ich zahlte das kannibalistische Werk am Tresen, mit dem Vorsatz, es zu Hause zu verschlingen, und trat aus dem kleinen Kosmos wieder hinaus auf die Straße, irrte einige Zeit herum und ging schließlich heim, um zu lesen. Als ich gestern, wie verwandelt, wieder an der Stelle vorüberkam, war die Métamorphose verschwunden. Der Markt hat die Imagina­tion abgesaugt.

Philipp Weiss, Jahrgang 1982, hat im Herbst bei Suhrkamp seinen fünfbändigen Debütroman "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" veröffentlicht.

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