Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2019: Laudatio

Denkabenteuer ohne Geweihhakeln

Mit Tempo ins Denkabenteuer: Die Kritikerin Marie Schmidt wurde bei der Leipziger Buchmesse mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2019 ausgezeichnet. Die Journalistin Susanne Mayer hat in ihrer Laudatio nicht an Beispielen für den klugen und oft leicht spöttischen Stil der Preisträgerin gespart und erläutert nebenbei, was eine fundierte Diskursanalyse von rhetorischem Geweihhakeln unterscheidet.

Susanne Mayer

Susanne Mayer © Monique Wüstenhagen

"Sehr geehrte Damen und Herren, verehrter Herr Riethmüller und Vertreter des Börsenblatts, liebe Jury des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik, und vor allem natürlich: liebe Marie Schmidt!

Um es gleich zu sagen: Es war eine wunderbare Entscheidung dieser Jury, den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 2019 an Marie Schmidt zu vergeben! Man kann der Jury nicht genug danken für diese Wahl. Das sage ich ganz egoistisch, weil es mir Gelegenheit gibt, Ihnen allen hier zu erzählen, wie großartig ich die Literaturkritikerin Marie Schmidt finde. Die zu bewundern ist – in wenigen Jahren hat sie sich an die Spitze der Literaturkritik geschrieben, auf ihre ganz besondere, eigene kluge Marie-Schmidt-Art.

Will man verstehen, wie besonders Marie Schmidt ihre Literaturkritik betreibt, sollte man sich angucken, wie Marie Schmidt über ihre Heimat schreibt. Marie Schmidt ist also aus München. Über München, da schreibt sie so: „Die Luft ist weicher als anderswo und riecht nach mehr. Je nach Jahreszeit wie nasse Zweige und Flieder, wie Hefe und Würstchen oder Zuckerwatte und heißer Asphalt. Ah, München!“ Und wenn sie über Bier schreibt, dann klingt es so, dann „wölbt sich aus dem Bouquet der malzige Körper des Bieres, bevor Zunge und Rachen allmählich die Erfrischung der Hefe spüren“. Okay? So was kann Marie Schmidt. Muss man im Kopf behalten, wenn man ihre Literaturkritik liest, die natürlich nicht eng an den Buchseiten klebt, sondern eher so etwas ist wie eine Kritik des Narrativs der Gegenwart, unserer kulturellen Obsessionen, da geht es womöglich um die Bespiegelung von Analrosetten in den sozialen Medien oder eine Lynn-Hershman-Leeson-Retrospektive, die das Werk der feministischen Performance-Künstlerin, Jahrgang 1941, zeigt oder um einen Film über super harte junge Frauen, jedenfalls wird alles in ihrem klaren, fast nüchternen, oft ruhigen Stil analysiert, der vornehmlich freundlich daherkommt und dann gnadenlos auf sein Ziel zurauscht.

Ihre ausgewählten Bücher: Das kann, muss aber nicht der Muss-Roman der Saison sein, über den gerade alle Hirsche der Literaturkritik ins Geweihhakeln verfallen, natürlich nicht aus Eitelkeit, sondern nur um der Literatur willen. Sie schreibt weniger für die Kollegen, sie schreibt auch nicht, um der Welt mitzuteilen, wie wichtig sie ist, sie schreibt über Dinge, die sie interessieren. Das sind vielleicht Bücher, die andere noch gar nicht auf dem Schirm haben. Wenn Marie Schmidt auswählt, dann ist es also etwas Besonderes, etwas weniger Houllebecq als Shimona Sinha oder etwa Donna J. Haraway mit diesem Buch, in dem die Hybris der menschlichen Rasse dadurch unterlaufen wird, dass sie ein paar Gene und Flügel, sagen wir, mit dem Schmetterling gemein hat, die jetzt die lieben Verwandten sind. Oder Maggie Nelsons „Die Argonauten“. Sie interessiert sich für ästhetische Fragen genauso wie für Fragen der Identitätspolitik, für die Geschichte der Literatur, für die der Frauenbewegung oder für Sprachkritik, und oft zur gleichen Zeit, in einem Artikel, die einzelnen Stränge verwebend, um eine belastbare Analyse zu bekommen.

Besonders schön: ihre ersten Sätze.

„Günstig für die Gartenparty, wenn sich das Wetter als Gesprächsthema eignet …“

Zur Ästhetik des Internetzeitalters: „Ein Darstellungsproblem der Gegenwart besteht darin, dass Menschen es im Internet so rasend aufregend finden, aber ein Mensch, der gerade im Internet ist, rasend langweilig aussieht.“

Zum Hochschäumen der Klagen, wieso es denn jetzt so unerträglich viele Frauen gibt, die unter #metoo in den sozialen Medien oder im Fernsehen oder den Zeitungen oder der Kantine über angebliche sexuelle Übergriffe reden: „Mag sein, dass man diesen Frauen am Ende wieder nicht richtig zugehört hat“.

Zum Hochmut der Intellektuellen: „Offenes Geheimnis: Niemand begeistert sich nur der Inhalte wegen für das sogenannte Intellektuelle. Besonders begehrenswert (und für manche im gleichen Ausmaß hassenswert) sind Idee und Theorien, bevor man sie verstanden hat.“

Die Intellektuelle Marie Schmidt ist eine leicht spöttische, oft selbstironische, leidenschaftliche Buchfrau, und sie kann Sprach- und Stilkritik wie nur wenige. Etwa wenn sie über einen Roman von Heinz Helle schreibt, über diese Heinz-Helle-Sätze, die seitenlange Sätze sind, wieso? „Sie entrollen sich“, heißt es, „nehmen Nebenwege, winden sich, als würde die Grammatik das Bedürfnis der jungen Männer nach Nähe festhalten, nach Verwandtschaft in einem starken Sinn, als sage der Satzbau selber: Geh nicht weg, hör weiter zu, verlass mich nie.“ UND, jetzt kommt‘s: ihr Fazit: „Das ist die literarische Form des Geschwafels, aber keineswegs selber Geschwafel.“

Marie Schmidt. hat eben eine Menge Ahnung von der Literatur. Na klar, Tochter von Lehrers. Immer Bücher. Sie hat sich nicht mit dem Dahingeplauderten aufgehalten, dieser sogenannten jungen Literatur, wo es viel über Frühstücksbrettchenmuster oder Beziehungstumulte geht. Diplomarbeit im Fach Komparatistik über die Holocaust-Erinnerungsliteratur derjenigen, die diese Erinnerung hervorschürfen müssen, weil sie nicht dabei waren, also Patrick Mondiano und Jonathan Safran Foer. Sie hat sich über die Gedichte von Ezra Pound gebeugt, sie macht es sich nämlich gern nicht zu leicht. Kann natürlich auch nächtelang Serie gucken, also „Girls“ von Lena Dunham, über die sie geschrieben hat, bevor hierzulande auch nur jemand mitbekommen hatte, dass ab jetzt Serie gucken angesagt ist.

© Monique Wüstenhagen

Wenn sie einen Roman von Gisela Wysocki rezensiert, die schon vor 29 Jahren, also 1980, scharfsinnig „Die Fröste der Freiheit“ beschrieben hat, welche denkende Frauen befallen, die ins Freie streben, wenn sich Marie Schmidt über Wysockis Roman „Wiesengrund“ beugt, der im Adornesken Frankfurter Milieu der 60er Jahre spielt, dann hat sie den philosophischen Hintergrund drauf, der den Text strukturiert und zugleich durchscheint. Sie zollt auch ausdrücklich Silvia Bovenschen Respekt, die vor exakt 40 Jahren über „Die imaginierte Weiblichkeit“ schrieb, wie sie den patriarchalen Blick auf Weiblichkeit verinnerlicht hat, Marie Schmidt verbindet das mit Laurie Penny, welche die heutige Frauenbewegung wieder auf die Betriebstemperatur Wut gebracht hat. Wenn Schmidt auf Faludi trifft, die den Rückzugskampf des Patriarchats in „Backlash“ beschrieben hat, diese toxischen Zuschreibungen für Frauen, die sich was trauen (zickig, dumm, einsam, depressiv), dann ist sie historisch informiert, sie weiß, dass 1991, als „Backlash“ erschien, in Amerika eine Anita Hill gegen ihren Verfolger Clarence Thomas aufstand, und das nun, 30 Jahre später, in Washington gerade Christine Blasey Ford gegen ihren Vergewaltiger Kavanaugh in den Ring steigt, während also die Journalistin Marie Schmidt in Paris mit Susan Faludi in einem Café sitzt und die Genderfrage diskutiert. Susan Faludis Vater hat gerade das Geschlecht gewechselt – „Ändert der Wechsel des Geschlechts etwas an einem patriarchalen Charakter?“ Kluge Frage! Und sie wird klug und keineswegs hitzig debattiert, ich stelle mir vor, dass Marie Schmidt jeden Morgen in den Spiegel schaut und ein feines „Keep your cool“ vor sich hin summt.

Marie Schmidt hat auch ein wenig Glück. Sie ist aufgeschlagen, als der Feminismus schon so einiges durchgefochten hatte, also als Herren, denen Bemerkungen über Körbchengrößen auf den Lippen lagen, schon befürchten mussten, weniger als scharfer Hund denn als alter Trottel rüberzukommen. Einiges war in Gesetzesform gegossen worden – Antidiskriminierung, die Reform des Abtreibungsverbots. Das drohende Schicksal Hausfraumutter muss nicht mehr abgewendet werden. Marie Schmidt steht in einem Kreis von feministischen Kolleginnen und Autorinnen – Meredith Haaf, Margarete Stokowski, Anna-Lena Scholz, Rabea Weihser, Mithu Sanyal etc. Darüber bin ich sehr froh. Es gibt heute ja heute auch nicht wenig rechten Feminismus, wo Frauen anderen Frauen den Mund verbieten wollen, wenn sie etwa über das sprechen, was ihnen angetan wurde, in bizarrer Verdrehung von Kausalität, wenn es heißt, sie, die Frauen, würden sich doch selber zum Opfer machen, und nicht etwa ein Täter. Kleidungsvorschriften werden so giftig diskutiert wie zu meiner Jugend im katholischen Rheinland, wie groß ein Kopftuch sein darf, auf der Straße, bei welcher Hautfarbe, also nicht im Cabrio natürlich oder bei Nonnen oder einem Audrey-Hepburn-Look-Alike-Contest – alles kein Spaß, finde ich. Dann lese ich Marie Schmidt, etwa über die Lancierung eines neuen alten Männerpornos, und Ärger verpufft in Lachen.

Marie Schmidt also steht im Hessischen Hof unter Männern, die sich über einen expliziten Roman von Rudolf Borchardt namens „Weltpuff“ unterhalten „als wären keine Frauen im Raum“ schreibt sie. Über den Autor: „Borchardt ist derjenige unter den großen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, der vielleicht am wenigsten Leser hat. Die aber halten alles von ihm und trauen ihm alles zu.“ Lässiger Spott, mehr gibt’s nicht, die Herren. Ein literaturkritischer Blick aufs Werk Borchardts: „ein strenges Formbewusstsein in Sprache und Selbstinszenierung, einen totalen humanistischen Bildungsanspruch.“ Allein für die Formulierung „totalen humanistischen Bildungsanspruch“ gebührt Marie Schmidt dieser Preis. Und was die frischen, immer scharfen Mädchen betrifft, gibt Marie Schmidt kühl zu bedenken, ob die sich vielleicht so geil zeigen, um schnell fertig zu werden; Kasse und der nächste. Und noch dies, die Herren, das Fazit Ihrer Diskursanalyse dieser Pressekonferenz: Es sei vielleicht typisch für die Gegenwart, „dass man in der Blase des Spezialinteresses fabelhafte Mengen von Bedeutung produzieren kann, um sich damit selbstbewusst, um nicht zu sagen breitbeinig, schräg zum Zeitgeist zu stellen“.

Was der Zeitgeist ist, das definiert Marie Schmidt heute mit, nicht nur inhaltlich, sondern in der Art, in der sie schreibt und argumentiert. Über den Klagenfurter Literaturwettbewerb heißt es: „Jeder blieb auf seinem Posten, die Texte werden sauber weggedeutet.“ Was sie will, ist eine Öffnung der Diskurs-Blase, und sie beschreibt, welchen intellektuellen Lustgewinn das bringt: „Worte, Widerworte, sich einlassen auf die Perspektive des Gegners, nicht wissen, wovon am Ende die Rede sein wird, weil sich das aus dem Gespräch heraus entwickelt …“ – da geht es lang. Jemand hat vorgeschlagen, verunsichert durch #metoo, Verträge abzuschließen über Sex? Gerade nicht! Die Freiheit des Menschen liege darin, argumentiert Marie Schmidt, seine Meinung jederzeit ändern zu können, sich darauf einzulassen, die Unsicherheit des Lebens; das sei doch das Begehrenswerteste. 

Der Argumentationsbogen der Kritiken verläuft gelegentlich täuschend zuvorkommend. In ihrem Artikel über das Gendern der Sprache plaudert sie erstmal über den Auftritt einer grölenden Fangruppe der Bayern – um dann freundlich zu fragen: Hatten Sie jetzt auch, bei besoffenen Fans, an Männer gedacht? Es waren aber Frauen! Sehen Sie, man muss die Sprache gendern: „Man versteht sie sonst nicht richtig.“

Marie Schmidt hört aufmerksam zu

Marie Schmidt hört aufmerksam zu © Monique Wüstenhagen

Marie Schmidt indes „holt Leser nicht ab“. Das wäre ja Herablassung. Sie sind ja keine Kindergartenkinder. Marie Schmidt zielt darauf, sich auf Augenhöhe miteinander einzulassen. Das Aufklärerische ihrer Literaturkritik liegt nicht allein darin, wie sie in ihren Artikeln die Fragen des Stils, der Figuren, von Thema und Aufbau heraus meißelt, alles the state of art selbstredend, sondern das Aufklärerische liegt vor allem darin, dass Marie Schmidt uns an ihrem Denken teilhaben lässt und Lust aufs Mitdenken macht. Auf Denkabenteuer! Das macht die Texte zu einem intellektuellen Vergnügen. Gehämmerte Urteile, worin natürlich auch Alfred Kerr brillierte? Nein, eher nicht. Okay, sie kann mal spitz werden. Mit den Mark Lillas dieser Welt, die wie der amerikanische Publizist suggerieren, die Identitätspolitik der Liberalen sei schuld am Aufstieg eines Populisten Trump, und damit gefährlich einflüstern, es ginge allen besser, wenn den Schwarzen, Transgendermenschen oder Frauen die Bürgerrechte ein bisschen gedeckelt würden – also mehr Rechtsstaat durch weniger Freiheit, „gerade von den Gesprächspartnern intellektueller Debatten erwarte ich aber, dass sie derartig falsche Aporieren nicht reproduzieren“, heißt es. Falsch gedacht! Das ist die härteste Kritik von Marie Schmidt. Eine demokratische Politik müsse die Interessenkonflikte verschiedener Gruppen repräsentieren, das ist der Job – böse Konkurrenz zu verhindern. Mit Marie Schmidt kann man, muss man also fleißig und immer argumentieren, in unserer gemeinsamen Zeit bei der „Zeit“ haben wir das oft getan. Ich bin gespannt, worauf das noch alles hinauslaufen wird, ich habe die Vermutung, das wird nicht wenig sein.

Für heute: Herzlichen Glückwunsch, liebe Marie Schmidt!"

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