Möglichkeiten für Unternehmensübergaben

Neuer Chef gesucht

Etwa jeder fünfte Unternehmer wird in den nächsten Jahren keinen Nachfolger finden – das schätzen Experten. Was passiert, wenn immer mehr Betriebe abgewickelt werden? MARCUS SCHUSTER

Die meisten Unternehmer, die kurz vor dem Ruhestand stehen, wünschen sich eine geordnete Übergabe. Doch nicht jedem wird das gelingen, und viele ahnen das bereits. Entweder, weil sie zu spät dran sind, denn die Regelung der Nachfolge kann bis zu fünf Jahre Zeit in Anspruch nehmen. Oder weil ihr Betrieb unrentabel ist. Außerdem sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt aktuell so gut, dass die Selbstständigkeit für den Nachwuchs weniger attraktiv erscheint.

Allein bis Ende kommenden Jahres benötigen bundesweit 227.000 kleine und mittlere Unternehmen einen Nachfolger, wie das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ermittelt hat. Laut KfW Research planen 16 Prozent aller Kleinst- und mittelständischen Unternehmen eine definitive Stilllegung, für weitere fünf Prozent ist sie eine ernsthafte Option.

Wenn es so weit ist, kann man das Unternehmen auslaufen lassen, auf dem Papier bleibt es bestehen. Oder man liquidiert es – per Gewerbeabmeldung, Austragung aus dem Handelsregister und betriebsbedingter Kündigung der Mitarbeiter. Ab zehn Mitarbeitern greift der Kündigungsschutz, und es müssen gegebenenfalls Abfindungen gezahlt werden. Eine GmbH muss ein Jahr lang weiter bestehen, bis sie abgewickelt werden kann, falls noch Forderungen Dritter eingehen.

Zu den eher weichen Folgen einer Liquidation gehören der Verlust von Firmenwissen oder Kundenbeziehungen. Das passiert vor allem bei inhabergeführten Unternehmen. Gibt es eine zweite Führungsebene, die mit dem Tagesgeschäft befasst ist, kann es gelingen, Fachwissen gewissermaßen zu konservieren und weiterzureichen. "Solche Unternehmen können leichter von fachfremden Käufern übernommen werden", sagt Jürgen Becker, Berater für Unternehmensnachfolge bei der Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken – da die Kompetenzen auch bei einem Verkauf im Betrieb bleiben.

Viele Übergaben scheitern allerdings auch an emotionalen Fragen. Oft wird der Kaufpreis zu hoch angesetzt – weil er für den Unternehmer ein wichtiger Teil der Altersvorsorge ist und auch, weil damit das Lebenswerk honoriert werden soll. Dem gegenüber steht die nüchterne wirtschaftliche Betrachtung von Nachfolgern und Märkten – etwa die Frage, ob das Unternehmen technologisch auf dem neuen Stand ist und die Digitalisierung bereits gemeistert oder zumindest eingeleitet hat. Manche Unternehmer suchen auch nur halbherzig nach einem Nachfolger, weil sie noch gar nicht bereit sind, ihr "Baby" abzugeben. Bis es dann irgendwann zu spät ist.

Doch auch potenzielle Käufer lassen sich zu gern von ihrem Bauchgefühl leiten. Jürgen Becker plädiert dafür, nicht immer nur auf die Zahlen zu schauen: "Gerade ein unrentables Unternehmen kann für einen Nachfolger durchaus interessant sein. Weil es meist günstig zu bekommen ist – und man es mit eigenen Ideen weiterentwickeln kann."

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1 Kommentar/e

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  • Rüdiger Oymanns

    Rüdiger Oymanns

    Ich kann dem Autor nur zustimmen und möchte ergänzen: Das Problem fehlender Profitabilität lässt sich durch Restrukturierungsmassnahmen beheben. Je nach Krisenstadium bieten sich dafür ausserinsolvenzliche Massnahmen an oder eine Sanierung unter Insolvenzschutz (ESUG), bei der das Unternehmen unter Beibehaltung der Geschäftsführung die Sanierung selbst vorantreibt. Ein solches Verfahren kann sowohl vor als auch nach einem Erwerb des Unternehmens erfolgen.
    Falls sich in unsaniertem Zustand kein Käufer für das Unternehmen findet, kann eine Sanierung unter Insolvenzschutz das Unternehmen ggf. erst verkaufsfähig machen. Nach Befreiung von finanziellen Altlasten sollte die Käufersuche dann jedenfalls aussichtsreicher sein. Es ist daher hilfreich, sich bei einem beabsichtigten Kauf oder Verkauf eines unprofitablen Unternehmens über die Möglichkeiten der Sanierung umfassend von einem Restrukturierungsberater mit umfassender Erfahrung beraten zu lassen. Dabei ist es wichtig, dass der Berater das gesamte Sanierungsinstrumentarium beherrscht, also auch eine Sanierung unter Insolvenzschutz, damit die Beratung wirklich alle Sanierungsoptionen abdeckt. Dieses breite Spektrum können allerdings nur wenige Berater vollumfänglich darstellen.

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