Interview mit Ex-Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski

Halb so viel arbeiten

Als Bertelsmann-Chef führte Hartmut Ostrowski, 61, ein aufreibendes Leben. Seinen Posten räumte er 2011 auch aus gesundheitlichen Gründen. Ein Gespräch über Arbeitsbelastung, Start-up-Unternehmer und das kleine Glück vor der eigenen Haustür. MARCUS SCHUSTER

Hartmut Ostrowski

Hartmut Ostrowski © privat

Was machen Sie im Moment?
Ich nehme diverse Mandate wahr, vor allem bei Familienunternehmen. Bei Arminia Bielefeld bin ich Aufsichts­ratsvorsitzender. Daneben investiere ich in Digitale Start-ups.

In einer bekannten Branchendatenbank bezeichnen Sie sich als "Privatier" ...
Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Ich privatisiere zwar, aber ich gehe immer noch jeden Tag ins Büro. In Deutschland wird der Begriff »Privatier« gern belächelt, in Österreich ist das ein hoch angesehener Job (lacht).

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Ich gehe morgens ins Büro – nicht mehr so früh wie früher und ich komme abends auch nicht mehr so spät nach Hause. Ich spreche mit jungen Digitalunternehmern über ihre Unternehmen. Das macht mir immer noch mehr Spaß als ins Museum oder in die Oper zu gehen. Außerdem hält es mich jung und gibt mir Einblick in eine Fülle von Geschäftsmodellen. Es gibt nur ganz wenige Menschen in meinem Alter, die sich so gut wie ich in der digitalen Welt auskennen.

Ihre Engagements reichen vom Online-Personaldienstleister IT-Talents über den Übersetzungsdienst Toptranslation bis zum weltweit tätigen App-Vermarkter Addapptr. Nach welchen Kriterien investieren Sie?
Ich investiere überwiegend in B2B-Services, in Geschäfts­modelle, die eine Weiterentwicklung der Modelle sind, die ich kenne. Dabei habe ich gelernt, dass letztlich auch in der Start-up-Euphorie die alten Tugenden gelten: Sie brauchen vernünftige Produkte, gute Kunden und müssen am Ende des Tages auch Geld verdienen. In diesem Geschäft gibt es sehr gute junge Unternehmer, aber auch viele Blender.

Als Bertelsmann-CEO haben Sie nach vier Jahren wegen der Arbeitsbelastung und daraus resultierender gesundheitlicher Probleme aufgehört. Wie geht es Ihnen heute?
Glänzend. Ich arbeite nur noch halb so viel wie früher, und wenn ich reise, dann meistens innerhalb Deutschlands. Trotzdem möchte ich diese Zeit nicht missen. Ich war insgesamt 27 Jahre lang für Bertelsmann tätig. Ich habe viel gelernt, davon profitiere ich heute noch.

Journalisten haben nach Ihrem Abgang geschrieben, dass Sie für den Vorstandsvorsitz am Ende auch zu bodenständig waren. Im "Manager Magazin" hieß es, Sie seien zwar ein "harter Brocken", aber "keiner für den Zirkus".
Bodenständigkeit ist aus meiner Sicht niemals ein Nachteil. Ich bin zehn Jahre lang mit dem Privatflugzeug geflogen, jetzt fahre ich mit dem Fahrrad zu meinen Terminen. Statt 100.000 Mitarbeitern habe ich nun eine Halbtagskraft. Mein Büro liegt zwei Kilometer von meiner Geburtsstätte entfernt. Wenn Sie so wollen, bin ich nicht weit gekommen in meinem Leben. Aber ich bin glücklich. Genau hier in Bielefeld.

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