York Bieger über ein psychiatriekritisches Buchprojekt

Gezielte Nestbeschmutzung

Die eigene Leserschaft zu attackieren gehört im Normalfall nicht zu den Aufgaben eines Verlags – ist aber angesichts des Krisenzustands im eigenen Fach unumgänglich: Meint York Bieger vom Psychiatrie Verlag.

York Bieger, Geschäftsführer des Psychiatrie Verlags in Köln

York Bieger, Geschäftsführer des Psychiatrie Verlags in Köln © privat

Wir heißen Psychiatrie Verlag. Darf ein Verlag mit einem solchen Namen ein Buch herausbringen, das die Grundlagen des Fachs infrage stellt?

Psychische Störungen bedeuten für die Betroffenen und ihre Angehörigen kaum zu ermessendes Leid, oft die Zerstörung aller Lebenspläne. Die Sehnsucht nach Fortschritten bei der Behandlung oder doch wenigstens Linderung psychischer Erkrankungen ist groß. Bis heute aber kann die Frage, was psychische Krankheit eigentlich ist und wie man ihre Ursachen behandeln kann, nicht abschließend beantwortet werden. Lobotomie, Insulinschockbehandlungen und Überdosierungen mit Psychopharmaka sind Beispiele einiger Irrwege des Fachs.

Ab den 90er Jahren lagen viele Hoffnungen auf der Genetik und der Hirnforschung. Sie lieferten interessante Erkenntnisse und bunte Bilder vom Gehirn, doch konnten auch sie keine umfassende Erklärung psychischer Störungen liefern. Stattdessen neue Illusionen: die biologische Fokussierung der Psychiatrie.

Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Zweifel an der Wirksamkeit rein pharmazeutischer psychiatrischer Interven­tionen. Die steigende Verordnung von Psychopharmaka macht Menschen nicht psychisch gesünder, der Anteil psychisch bedingter Krankschreibungen nimmt seit Jahren zu. Die paradoxe Situation: Einerseits bringt die Forschung ständig spannende Ergebnisse zutage und vermittelt die Hoffnung, dass der Durchbruch zum Verständnis psychischer Krankheiten kurz bevorstünde. Andererseits hat sich am Leid der erkrankten Menschen wenig geändert. Alle Versuche, diesen Widerspruch konstruktiv und öffentlich zu diskutieren, blieben bisher im Ansatz stecken.

In dieser Situation bringt ein in Forschung und Praxis erfahrener Psychiater ein Manuskript zum Verlag, in dem die strukturellen Grundlagen der relativen Erfolglosigkeit der Psychiatrie aufgedröselt werden: Stefan Weinmann mit »Die Vermessung der Psychiatrie. Täuschung und Selbsttäuschung eines Fachgebiets«. Und jeder kriegt sein Fett weg: die biologische Psychiatrie, die Psychotherapie und die zergliederte Versorgungslandschaft jenseits der Kliniken ebenfalls. Akribisch und umfassend.

Darf der das? Ja, sage ich. Endlich! Aber: Dürfen wir als Verlag das? Ein Buch verlegen, in dem die Grundlagen psychiatrischen Handelns infrage gestellt werden? Ehrlich gesagt: Wer diese Fragen einfach mit Ja beantwortet, macht es sich ein bisschen leicht. Leben wir nicht davon, dass unsere Bücher nicht nur fachlich up to date sind, sondern auch als praktisch anwendbar und unmittelbar hilfreich geachtet (und gekauft!) werden? Sollten wir als Fachverlag nicht für unser Publikum verlegen? Diesen Interessenkonflikt sollte man nicht so einfach verdrängen. Ein Fachverlag soll für und nicht gegen sein Publikum schreiben …

Wo ist die Grenze zum Opportunismus? Überzeugt von der Notwendigkeit der Diskussion, noch nicht vom Erfolg, haben wir uns für das Buch entschieden. Dann greifen einige Medien die Sache groß auf; die eher mäßige Zahl an Vorbestellungen steigt. Schließlich sorgt ein Bericht von »Team Wallraff« für Furore: »Undercover in der Psychiatrie«. Die Öffentlichkeit ist entsetzt, das Thema Psychiatrie wird breit diskutiert wie seit Langem nicht mehr: Wie ist es möglich, dass Anfang 2019 Zustände dokumentiert werden, die derselbe Wallraff und andere bereits Anfang der 70er Jahre als Pseudo-Patienten oder Undercover-Pfleger enthüllt haben?

Ein Glück für das Buch. Nicht glücklich sind wir darüber, dass es wieder einmal die Skandalisierung braucht – und dass diese wieder nicht aus der Profession selbst kommt. Für eine nachhaltige Veränderung braucht es die öffentliche und die fachliche Diskussion, wenigstens nach dem Skandal. Durch ein bisschen Glück haben wir zu Letzterem einen Beitrag geliefert. In diesem Sinne Bücher zu verlegen, macht richtig Spaß.

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